Martin Greenfield in seiner Schneiderei "Martin Greenfield Clothiers" in New York
Martin Greenfield Bildrechte: MDR/In-one-media

Dokumentation Der Schneider von Clinton, Obama & Co.

Martin Greenfield gilt als einer der besten Schneider Amerikas. Er kleidet Stars und Präsidenten ein. Vor 70 Jahren kam er nach New York, als Überlebender des Holocaust. Peter-Hugo Scholz hat ihn in Brooklyn besucht und ist in Deutschland den Spuren seiner Geschichte gefolgt.

Martin Greenfield in seiner Schneiderei "Martin Greenfield Clothiers" in New York
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Martin Greenfield ist Herrenmaßschneider. Seine Werkstatt steht im Industrie-Areal von East Willamsburg; ein altes, vergilbtes Backsteingebäude an der Varet-Street. Jeder, der etwas auf sich hält, lässt seine Anzüge bei ihm schneidern. Zu seiner Kundschaft gehören amerikanische Präsidenten und die Großen aus dem Show-Business. Der Name Martin Greenfield ist eine Empfehlung - seit Jahrzehnten. Er hat die Anzüge von Bill Clinton und Barack Obama angefertigt, von Paul Newman, Martin Scorsese und Sammy Davis Jr.

Martin Greenfield in seiner Schneiderei "Martin Greenfield Clothiers" in New York 56 min
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Martin Greenfield gilt als einer der besten Schneider Amerikas. Er kleidet Stars und Präsidenten ein. Vor 70 Jahren kam er nach New York, als Überlebender des Holocaust. Peter-Hugo Scholz hat ihn in Brooklyn besucht.

MDR KULTUR - Das Radio 56:03 min

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Den ersten präsidialen Auftrag erhielt Greenfield 1953 von Dwight D. Eisenhower. Er war ihm schon einmal begegnet: Als Oberbefehlshaber der US-amerikanischen Truppen im April 1945 im befreiten Konzentrationslager Buchenwald. Martin Greenfield hieß damals noch Maxmilian Grünfeld, war 16 und der einzige, der aus seiner Familie die KZ-Höllen überlebt hatte.

Ich schüttelte seine Hand und weinte. Ich konnte nicht Englisch sprechen. Doch ich sagte auf Deutsch – vielleicht hat er es verstanden – 'Sie haben mir das Leben gerettet'.

Martin Greenfield

"Ich hatte die beste Familie der Welt"

Maxmilian Grünfeld wird 1928 in Pavlovo geboren, einem Dorf in den Waldkarpaten gelegen, das damals noch zur Slowakai gehörte. Dort wächst er mit Eltern, Großeltern, Geschwistern und Freunden auf. "Ich hatte die beste Familie der Welt", sagt Greenfield. "Sie zeigte mir, wie man mit anderen teilt. Ich war ein sehr glückliches Kind."

Die idyllische Kindheit endet abrupt. Im März 1944, am zweiten Tag des Pessachfests, wird die ganze Familie Grünfeld – Vater, Mutter, Großeltern und vier Kinder – aus dem Dorf geholt. Sie werden in ein Ghetto gebracht und wenig später nach Auschwitz deportiert. Max, der zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt ist, und sein Vater kommen ins Arbeitslager. Seine Mutter, die Geschwister und die Großeltern wird er nie wieder sehen.

Überleben in Auschwitz und Buchenwald

Max bekommt die Häftlingsnummer A 4406 eintätowiert. Zuerst muss er in der Wäscherei arbeiten. Beim Schrubben von SS-Hemden reißt ihm ein Kragen ab. Er wird dafür blutig geschlagen. Aber er flickt das Hemd und trägt es fortan unter seiner gestreiften Häftlingsuniform. Erstaunlicher Weise behandeln die Soldaten ihn von nun an etwas besser.

An dem Tag, als ich das Hemd das erste Mal trug, begriff ich: Kleidung verleiht Macht. Kleidung macht nicht nur Leute, sie kann dich auch schützen. Bei mir war es so.

Martin Greenfield

Das Hemd verschafft ihm Respekt. Und es hilft ihm, den Todesmarsch zu überstehen, als das Lager im Januar 1945 evakuiert wird. In Kolonnen von je 1.000 Mann müssen die Häftlinge nachts nach Gleiwitz laufen, 60 Kilometer durch eisigen Wind und tiefen Schnee. Nur jeder Dritte kommt an. In offenen Kohlewaggons  werden die Häftlinge von dort nach Weimar transportiert.

Die Überlebenden der Räumungstransporte werden in Buchenwald im sogenannten "Kleinen Lager" untergebracht. Max arbeitet in der Munitionsfabrik auf dem Ettersberg. Nach dem Bombenangriff der US-Airforce vom 9. Februar 1945 wird er zum Enttrümmern mit fünfzehn anderen Häftlingen zum Haus des Bürgermeisters in die Windmühlenstraße geschickt. Martin Greenfield schreibt in seinen Memoiren, wie er im Keller zwei lebende Kaninchen entdeckt. Da er völlig ausgehungert ist, isst er von ihrem Futter. Die Hausherrin denunziert ihn beim Wachmann der SS, der ihn fast zu Tode prügelt.

Die letzten Wochen im Lager überlebt Max in einem Block mit tschechischen Häftlingen. Eine Woche nach der Befreiung besorgt er sich eine Maschinenpistole und geht mit zwei Freunden noch einmal zu dem Haus in der Windmühlenstraße. Max Grünfeld klingelt, das Gewehr im Anschlag. Die Hausherrin öffnet, sie hält ein kleines Kind auf dem Arm und schreit "Nicht schießen, nicht schießen." Max Grünfeld senkt das Gewehr und schießt nicht. "Beim Anblick von Mutter und Kind wurde ich wieder menschlich", sagt er.

Nach Amerika

Noch zwei Jahre bleibt Maxmilian Grünfeld in Europa und sucht nach seinem Vater. Von einem Bekannten erfährt er schließlich, dass sein Vater nur eine Woche vor der Befreiung in Buchenwald erschossen wurde. Über einen Suchdienst findet er Verwandte in den USA, Onkel Irving und Tante Ilka, die ihm ein Schiffsticket schicken. Im September 1947 kommt er in New York an.

Max wird Laufbursche in der Maßschneiderei der Goldman Brothers. In William Goldman findet er einen wunderbaren Lehrmeister. 1977 übernimmt er von ihm die Fabrik als neuer Eigentürmer. Seinen Namen hat er längst zu "Martin Greenfield" geändert.

Über seine Zeit in Auschwitz und Buchenwald hat Greenfield viele Jahre kaum gesprochen, nicht mal mit seiner Frau. Heute erzählt er seine Geschichte manchmal auf Foren mit Jugendlichen, ab und an gibt er Interviews. 2014 hat er unter dem Titel "Measure of a Man" seine Memoiren veröffentlicht. Der 89-Jährige geht noch immer sechs Tage in der Woche in seine Schneiderei.

Das Wichtigste in meinem Leben sind die Kinder. Ich möchte lang genug leben, um sie alle verheiratet zu sehen und auf ihren Hochzeiten zu tanzen. Die Familie, die ich verlor, werde ich nie vergessen […]. Die Familie, die ich gründete  – zehn Mitglieder – sollte gesund und erfolgreich sein und ich ein Teil von ihr. Das ist alles.

Martin Greenfield

Der Autor Peter-Hugo Scholz Peter-Hugo Scholz, geboren 1954, arbeitet als freier Journalist, Dokumentarfilmer und Reporter für verschiedene ARD-Stationen. Zuletzt produzierte MDR Kultur (2013) sein Feature "Die Vergessenen von Quiriquina".

Angaben zur Sendung MDR KULTUR - Feature
"Der Schneider der Präsidenten"
Von Peter-Hugo Scholz

Sprecher: Christian Grashof, Walter Renneisen, Martin Reik, Ramona Libnow

Regie: Nikolai von Koslowski
Redaktion: Tobias Barth
Produktion: MDR 2018 (Ursendung)

Sendung: 28.02.2018 | 22:00-23:00 Uhr

Das Feature steht nach der Ausstrahlung hier 7 Tage zum Hören bereit.

Zuletzt aktualisiert: 28. Februar 2018, 03:00 Uhr