Interview Büchner-Preisträgerin Elke Erb: Meisterin der Alltagslyrik

Am Dienstag hat die Jury des Georg-Büchner-Preises bekanntgegeben, dass die Auszeichnung in diesem Jahr an die in Sachsen lebende Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin Elke Erb geht. Die Leipziger Schriftstellerin Martina Hefter kennt Erb persönlich und ist auch mit ihrem Werk sehr vertraut. Ein Interview.

MDR KULTUR: Was ist das Faszinierende an Elke Erbs Texten? Was hat da so viele andere ganz offensichtlich sehr positiv beeinflusst?

Martina Hefter: Ich kann jetzt nur von mir sprechen, aber ich glaube, das ist das, was die meisten sagen: diese Art der Wahrnehmung, wie Elke Erb in ihren Gedichten ganz oft von alltäglichen Beobachtungen ausgeht und diese Gedanken dazu dann mit einer ganz zwingenden Folgerichtigkeit weiterspinnt, ohne sich aber zu großen philosophischen Äußerungen hinreißen zu lassen oder sich verpflichtet zu fühlen, dann einen bestimmten Bildungskanon abzurufen.

Es hat eine gewisse Unbekümmertheit. Gleichzeitig ist es aber in einer stringenten formalen Beschaffenheit. Also diese Texte haben kein festes Versschema, keine Strophen. Und sie arbeitet auch nicht immer mit Reimen. Aber trotzdem hat sie ein ganz starkes Augenmerk auf die Abgeschlossenheit eines Verses.

Diese technischen Sachen, die uns als Autoren, Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen vielleicht noch mehr interessieren. Aber die machen das Ganze dann auch so klar. Das hebt es ab von einer privaten Alltagsnotiz, die man sich selber einfach mal macht.

Die Jury hat jetzt wirklich tolle Sachen geschrieben, zum Beispiel den Satz: "Die Gedichte von Elke Erb zeichnen sich durch eine prozessuale und erforschende Schreibweise aus, in deren Verlauf die Sprache zugleich Gegenstand und Mittel der Untersuchung ist." Das ist das, was Sie gerade skizziert hatten. Das macht sie aus?

Ja, das würde ich schon sagen. Genau diese prozessuale Schreibweise, das ist ein Stichwort, ich glaube, das hat sie selbst sogar eingeführt, diesen Begriff, dass sie das eben als fortlaufenden Prozess betrachtet.

Es gibt die Gedichtbände von ihr, wo sie alte Gedichte auch wieder hervorkramt und dann kommentiert und manchmal sogar wieder umschreibt. Und diese Kommentare sind auch immer wahnsinnig toll zu lesen. Das ist ein nie endendes Projekt wahrscheinlich bei ihr, dieses Fortschreiben der Texte.

Sie haben ja Elke Erb persönlich kennengelernt. Was ist das für ein Mensch, der so arbeitet?

Es ist schon eine gewisse Wesensart, derlei Beobachtungen zu machen und sich dann vielleicht auch nicht ablenken zu lassen von Dingen des Alltags. Manchmal wird das so dargestellt, als wäre sie ein ganz verstiegenes Dichterwesen – was nicht stimmt. Wir haben uns auch schon ganz geerdet über Rote-Beete-Salat unterhalten.

Ich möchte immer ein bisschen davor warnen, dass man dieses Klischee aufruft von einer verstiegenen Dichterin, die fern von allem da vor sich hin arbeitet. So ganz ist es nicht.

Wäre "kompromisslos" ein besserer Begriff?

Das auf jeden Fall. Sie nimmt sich das Recht einfach raus, diese Beobachtungen anzustellen. Kompromisslos in dem, wie sie das verfolgt.

Was finden Sie beeindruckender bei Elke Erb: die Lyrik, die Übersetzungsleistungen oder möglicherweise auch Elke Erb als Person der Zeitgeschichte in der Friedlichen Revolution?

Bei dem Letzteren kann ich mich nicht dazu äußern, weil ich das nicht so ganz miterlebt habe. Aber ich glaube, bei den Übersetzungen und eigenen Texten, das hält sich die Waage. Das habe ich noch gar nicht erwähnt, dass sie ganz, ganz toll übersetzt und diese Texte, meistens aus dem Russischen, so überträgt, dass dieser Charakter immer noch hervorkommt. Man hört diese Eigenarten, und trotzdem hat sie diese Verständlichkeit. Die bringt sie dann mit rüber, und das ist auf jeden Fall auch ganz wichtig.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderator Thomas Bille.

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Michael Hametner auf der Leipziger Buchmesse 2015 9 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2020 | 12:10 Uhr