Seit fünf Jahren auf Sendung "Die Anstalt" – wie eine Satiresendung zum Aufklärungsinstrument wurde

Egal ob Klimawandel oder Stuttgart 21: "Die Anstalt" löst regelmäßig gesellschaftliche Debatten aus. Im Interview erklärt Kabarettist Max Uthoff, wie die ZDF-Satiresendung zum nationalen Aufklärungsinstrument werden konnte und verrät, wieso die Schmerzen beim Entwickeln eines Themas demokratisch verteilt werden.

"Die Anstalt": Claus von Wagner, Max Uthoff stehen gestikulierend auf der Bühne.
Seit fünf Jahren grüßen die Kabarettisten Claus von Wagner (links) und Max Uthoff aus der "Anstalt". Bildrechte: ZDF/Dirk Eidner

MDR KULTUR: Herr Uthoff, wie entsteht eigentlich eine Sendung bei Ihnen? Wie sieht der Arbeitsprozess aus?

Max Uthoff: Schmerzhaft. Nein, es ist am Anfang Orientierungslosigkeit, man sucht und stochert ein bisschen nach einem Thema und erkennt dann, dass es zu der Zeit vielleicht ein großes politisches Ereignis gibt. Danach versucht man zu überlegen, ob man dazu schon mal was gesagt hat und fängt an zu stochern.

Das Verblüffende ist, dass man bei nahezu jedem Thema, das man sich vornimmt, relativ schnell auf Missstände stößt. Auf die wirft man sich und fängt an sich einzulesen. Dann wird verteilt, jeder kümmert sich um einen Aspekt des Themas. Eine Woche vorher stellt man dann fest, dass alles schon völlig okay ist – oder dass es Blödsinn ist, nicht funktioniert und man wieder von vorne anfangen muss.

Wie sieht es denn von der Arbeitsteilung aus, ist einer für die Recherche zuständig, der andere die Gags?

Nein, wir arbeiten basisdemokratisch zu dritt (mit Bühnenpartner Claus von Wagner und Autor Dietrich Krauß, Anm. d. Red.) und machen das also zusammen. Das Anstrengende an Basisdemokratie ist ja, dass man denkt, man hätte eine unheimlich gute Nummer geschrieben – und die anderen zwei zerpflücken das dann. Das geht aber jedem so im Schreibprozess. Die Schmerzen sind also demokratisch verteilt.

Für die Recherche haben wir auch noch einen Extra-Mitarbeiter, er klopft jeden Satz kurz vor der Sendung noch mal auf seinen Bestand ab. Ein echtes Trüffelschwein, sehr penibel und unfassbar genau.

"Die Anstalt" ist in den letzten Jahren zum Aufklärungsinstrument geworden, man bemerkt die Auflösung der Grenzen zwischen Journalismus und Kabarett. Wieso ist das so?

Max Uthoff 2012
Max Uthoff ist studierter Jurist. Er trat bereits in "Neues aus der Anstalt" als Anstaltsanwalt auf. Bildrechte: IMAGO

Es hat damit zu tun, dass es im Journalismus immer noch Alphajournalisten gibt, die dafür sorgen, dass ganz bestimmte Themen in diesem Land Bedeutung bekommen, während andere Themen keinen Einlass finden. Es hat aber auch was mit der Zersplitterung der Gesellschaft und der Medienlandschaft zu tun.

Ich glaube, dass Journalisten durch die Kürzungen in den Reaktionen schlichtweg nicht mehr genügend Zeit und Budget haben, um anständig zu einem Thema recherchieren zu können. Journalistische Beiträge werden ja auch immer kürzer, bei Monitor beispielsweise. Oder bei der Tagesschau, wo eine Boulevardisierung stattfindet. Wir dagegen machen 45 Minuten. Da sind wir schon in einer privilegierten Situation.

In den USA würde vermutlich keiner auf die Idee kommen zu fragen: Dieser Comedian macht politische Aufklärung – darf der das?

Naja, Fox News zu parodieren ist ja schon schwierig. Wenn also das gesendete Nachrichtenformat die Parodie ist. Dann muss der Comedian reagieren und sich auf die Informationen schmeißen, die von den Reportern ignoriert werden.

Oft geht’s nach der Anstalt so richtig los mit der thematischen Diskussion. Wie erklären Sie sich diese Strahlkraft?

Ich habe absolut keine Ahnung … (lacht). Ich glaube, das hängt wieder mit der Monothematik zusammen. Was wir wollen ist, Diskurse anzuregen. Themen, die bisher ein Nischendasein geführt haben, einer breiteren Öffentlichkeit zu präsentieren. Wenn dann danach die Diskussion losgeht, haben wir unser Ziel erreicht.

Das Gespräch führte Ilka Hein für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 08. Mai 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Mai 2019, 20:01 Uhr

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