Interview Wie wir trotz Corona-Stress mental gesund bleiben

Seit gut zwei Monaten verändert Corona unser Leben: Isolation, Angst vor Ansteckung, ständiges Aufeinanderhocken zu Hause, finanzielle Sorgen. Das alles erzeugt Stress. Wie lässt er sich ertragen oder lindern? Der Berliner Psychiater und Stressforscher Mazda Adli leitet eine Forschungsgruppe an der Charité und ist Chefarzt der Fliedner Klinik. Im Interview gibt er Tipps, was gegen Corona-Stress hilft.

Prof. Dr. Mazda Adli 8 min
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MDR KULTUR: Seit gut zwei Monaten verändert Corona unser Leben. Wenn Sie als Stressforscher auf das Alltagsleben jetzt in Deutschland schauen: Wie hoch ist unser Stresslevel?

Mazda Adli: Die Menschen gehen so unterschiedlich mit der Krise um, wie wir Menschen eben auch unterschiedlich sind. Aber ich stelle als Arzt und Psychiater schon fest, dass die Menschen insgesamt im Durchschnitt zurzeit belasteter sind als vorher. Wir stellen fest, mehr Angst, mehr Verunsicherung, mehr Zukunftsängste. Die Menschen sind einfach emotional aktivierter zurzeit.

Jetzt könnte man doch denken: Vor sechs Wochen war die Situation erheblich schlimmer, und jetzt können wir uns allmählich normalisieren. Die Leute werden wieder freier, offener, fröhlicher.

Ja. Allerdings ist uns allen klar, dass die Krise nicht vorbei ist, dass das Virus nicht besiegt ist. Und ich stelle auch fest, dass auch die Art und Weise, wie wir jetzt in die Lockerungen hineingehen, auch bei vielen Menschen für Verunsicherung sorgt.

Wenn man zum Beispiel nicht genau weiß, welchem Risiko man sich jetzt aussetzt, wenn man nebendran im Restaurant oder im Café den nächsten Tisch hat oder die Menschen einfach insgesamt weniger Abstand zueinander haben, auch das sorgt ja für Verunsicherung.

Wir müssen uns klarmachen: Niemand ist im Moment in dieser Situation alleine den Schwierigkeiten ausgeliefert, sondern wir stecken wirklich alle unter einer Decke.

Mazda Adli

Wie äußert sich der Corona-Stress? Oder sagen wir mal besser: Wie kann er sich äußern?

Wir erleben hier ganz verschiedene Variationen davon. Viele sind einfach insgesamt etwas ängstlicher. Gerade diejenigen, die vielleicht von Natur aus auch verunsicherbarer sind, haben es im Moment schwerer und mit im Moment meine ich die Zeit von Anbeginn der Pandemie bis heute. Und wer erleben aber auch Menschen, die richtig auch hellauf in Panik geraten oder bei denen dann auch eine psychische Störung zutage tritt dadurch.

Unser soziales Leben hat sich radikal verändert, wir treffen weniger Menschen. Wir wissen nicht, wie lange wir die Abstandsregeln einhalten müssen. Wir tragen Masken. Arbeitsplätze, Zukunftspläne sind gefährdet. Das verunsichert natürlich, das kann uns lähmen. Wann erleben wir das als Stress, wann weniger?

Stress erleben wir immer dann, wenn sich Dinge verändern. Das mögen wir Menschen von Natur aus einfach nicht gerne. Mit Stress kann man aber in der Regel umgehen. Damit kommt unsere Psyche und auch unser Körper im Allgemeinen zu Recht.

Was problematisch wird, und dann auch gesundheitsrelevant, ist chronischer Stress. Also, wenn eine Dauerbelastung da ist ohne Aussicht auf Entlastung. Und die Situation, die wir im Moment haben, wird von vielen Menschen durchaus so erlebt. Dazu kommt wenn wir eine Situation als unvorhersehbar oder auch als schlecht kontrollierbar empfinden, dann steigert das das Stresserleben auch noch mal. Wir bekommen auch mehr Angst in solchen Situationen. Und auch so eine Konstellation trifft im Moment zu.

Auch diese Krise geht vorbei. Das ist so klar wie das Amen in der Kirche. Wir wissen eben nur nicht genau, wann es ist.

Mazda Adli

Nun kann ja keiner aussteigen aus der Pandemie, also nicht mal die Genesenen. Aber aus dem Stresserleben – gibt es da einen Ausstieg?

Aus Stress muss es auch keinen Ausstieg geben. Denn mit Stress können wir im Allgemeinen umgehen. Es kommt auf den guten Umgang damit an. Was uns den Umgang leichter macht, ist, dass wir einfach akzeptieren, dass eine Situation wie jetzt für Stress sorgt, dass sie auch mal für Angst und Verunsicherung sorgen kann.

Wenn wir versuchen, das mit aller Kraft wegzuschieben, zu verdrängen, solche Gefühle nicht zu haben, dann werden sie, ehrlich gesagt, nur noch um so stärker. Insofern ist Akzeptanz schon mal eine gute Strategie, um emotional etwas zu entlüften.

Oder ich kann vielleicht gucken, welche Unterstützung ich bekommen kann. Also gibt es vielleicht eine Form von Kommunikation oder eine Form von Öffentlichkeit, wie man darauf positiv wirken kann?

Unterstützung ist ein ganz wichtiges Stichwort. Wir müssen uns klarmachen: Niemand ist im Moment in dieser Situation alleine den Schwierigkeiten ausgeliefert, sondern wir stecken wirklich alle unter einer Decke.

Und das heißt, es hilft, sich auch mit anderen Menschen auszutauschen, mit Freunden, mit Angehörigen, mit Kollegen zu schauen: Wie gehen die eigentlich im Moment mit den Schwierigkeiten um? Das kann auch mal für einen Perspektivwechsel sorgen, der dann auch emotional gut tut. Wenn man zum Beispiel sieht, dass jemand anders vielleicht eine etwas besonnenere Haltung an den Tag legen kann.

Und was ehrlich gesagt auch wichtig ist und manchmal zu kurz kommt im Moment, ist das Prinzip Hoffnung. Hoffnung ist eine echte Währung für die Seele und gibt uns emotionale Kraft.

Wir müssen uns mal klarmachen: Auch diese Krise geht vorbei. Das ist so klar wie das Amen in der Kirche. Wir wissen eben nur nicht genau, wann es ist. Aber es geht vorbei.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderatorin Annett Mautner.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Mai 2020 | 08:40 Uhr