Lukas Bärfuss und Katrin Schumacher
Dramatiker Lukas Bärfuss und MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher Bildrechte: MDR/Katrin Schumacher

Lukas Bärfuss im Gespräch Chaos und Wagemut

Lukas Bärfuss ist einer der meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker und auch sein neuer Roman "Hagard" wieder ein großer Erfolg. Im MDR KULTUR-Café mit Literaturredakteurin Katrin Schumacher liest der Schweizer Autor aus seinem Roman und erzählt, weshalb Bibliotheken seine Universität waren, weshalb er täglichen Wagemut schätzt und wofür es die Literatur als Diskursmedium braucht.

Lukas Bärfuss und Katrin Schumacher
Dramatiker Lukas Bärfuss und MDR KULTUR-Literaturredakteurin Katrin Schumacher Bildrechte: MDR/Katrin Schumacher

Lukas Bärfuss ist nicht leicht zu erwischen: Der erfolgreiche Dramatiker und Romancier ist mit vollem Terminkalender unterwegs zwischen Theaterbetrieb, Buchlesungen, Podiumsdiskussionen und Schreibtisch, zwischen Deutschland und der Schweiz. Die Umdrehungen haben sich in diesem Frühjahr nochmal erhöht mit der Veröffentlichung seines gefeierten dritten Romans "Hagard", der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war und eines der aufregendsten Bücher der Saison ist. Noch ist er mit Lesungen und Auftritten beschäftigt – mehr denn je, erzählt er im MDR KULTUR-Café.

Ich habe das Gefühl, dass es sich täglich weiter erhitzt, ich stehe ganz im Dienste meines Buches, bin Angestellter meines Romans.

Lukas Bärfuss, Schriftsteller

Krisenhaftes Schreiben und Erzählkrisen

Dieses gewissermaßen geregelte Lesungsleben kommt erst im Nachgang an einen veröffentlichten Roman. Die vorangehende Arbeit ist eine ganz andere, denn ein Schreibtischtäter, der von neun bis fünf am Text arbeitet – wie es wohl Autoren wie Thomas Mann getan haben – ist Lukas Bärfuss nicht. Im Gespräch erzählt er, wie viel Chaos und wie viel Struktur sein Terminkalender umfasst:

Das Schreiben ist bei mir immer krisenhaft, ich lade mich auf und versuche mich in einen Zustand zu bringen, dass ich dann das Buch in einem Zug durchschreiben kann. Ich lese viel, das ist das, was mir Struktur gibt – und durch das Lesen gelingt es mir auch, eine gewisse Beständigkeit zu erhalten. Aber das Schreiben der Texte ist dann immer eruptiv und sehr leidenschaftlich.

Lukas Bärfuss, Schriftsteller

Dass sein dritter Roman lange auf sich warten ließ, hat unter anderem mit einer Erzählkrise zu tun – denn Lukas Bärfuss' Sicht auf die heutige erzählende Literatur ist eine sehr kritische:

Ich glaube, der Roman befindet sich in einer Krise. Wir können kaum mehr aus unserer eigenen Erfahrung schöpfen. Und ich habe manchmal das Gefühl, dass der Roman die Klippe des 21. Jahrhunderts eigentlich noch nicht passiert hat.

Lukas Bärfuss

Das Motiv des Verfolgens

Sicher auch aus diesem Impuls heraus, das Erzählen selbst auf seine Möglichkeiten hin abzuklopfen, dreht Bärfuss' neues Buch "Hagard" an den Stellschrauben unserer Wirklichkeitswahrnehmung. Es spielt mit dem Motiv des Verfolgens auf diversen Ebenen: Ein Romanheld verfolgt eine Frau in pflaumenblauen Ballerinas, ein Erzähler verfolgt den Protagonisten, der Leser verfolgt den Erzähler. Das Grundmotiv der Schuhe, denen ein Mann verfällt, ist ihm dabei im wahrsten Sinne des Wortes "eingefallen": "Ich suche nicht, ich finde. Und meine Recherche war einfach herauszufinden, wie es in meinen Kopf gekommen ist." Dabei ist die Unauflösbarkeit nicht zu unterschätzen.

Es ist immer das Ziel, Texte zu schreiben, die man nicht ganz versteht, die auch ich nicht ganz verstehe. Ich versuche als Schriftsteller immer dorthin zu gehen, wo ich selbst unsicher bin und wo für mich die Dinge zwei-, drei-, vierdeutig werden und wo sie zu schillern beginnen. Natürlich auch in dem Wissen, dass ich die Worte nicht kontrolliere, die machen so ziemlich was sie wollen im Bewusstsein und in der Vorstellung der Lesenden. Und das bleibt für den Schriftsteller, der ja Schöpfer sein will, eine kleine Kränkung – und gleichzeitig das große Geschenk des Lesens.

Lukas Bärfuss

Schriftsteller, Buchhändler, Theaterautor

Das Geschenk des Lesens ist bei Lukas Bärfuss mindestens zweifach belegt. Sein Schriftstellerdasein war nicht vorgezeichnet. Zwischen 16 und 20 hat er ein recht haltloses Leben, teilweise auf der Straße geführt – und die Suche nach einem warmen, trockenen Platz hat ihn oft in Bibliotheken geführt: "Das war eigentlich meine Universität." Er arbeitete als Buchhändler, wurde als Theaterautor entdeckt, erfand sich selbst als Schriftsteller, die Maschine inklusive vieler Literaturpreise lief an – und er nennt es eine Gunst der Stunde: "Ich freu mich jeden Tag wie ein kleiner Junge darüber."

Ein Gegenüber ist ihm wichtig: Das Lesepublikum, die Schauspieler, die seine Texte interpretieren, und nicht zuletzt auch die politisch interessierte Öffentlichkeit. Als Essayist tritt er immer wieder meinungsstark in Erscheinung – und hält ein Plädoyer für die Literatur als Diskursmedium.

Ich erlebe das immer noch täglich, dass es Mut braucht, Wagemut, dieses schöne Wort, dass man etwas wagt für sich selbst. Dass man versucht, sein Herz über den Zaun zu werfen, dass man Dinge tut, von denen man nicht genau weiß, ob sie einem gut bekommen, in der Rolle, die man für sich erarbeitet hat. Ich versuche, danach zu leben jeden Tag, mich zum Beispiel mindestens einmal pro Tag lächerlich zu machen – finde ich etwas ganz wichtiges. Nicht immer in der Reserve zu bleiben, wo das eigene Selbstbild das wichtigste ist, sondern dass man auf die Situationen, die Momente zugeht.

Lukas Bärfuss

Zur Person von Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss
Dramatiker Lukas Bärfuss Bildrechte: MDR/Stephan Flad

Lukas Bärfuss ist einer der meistgespielten deutschsprachigen Dramatiker, ist Romancier und Essayist und meldet sich regelmäßig im politischen Geschehen zu Wort. Der 1971 in Thun geborene Schweizer debütierte 2008 mit seinem Roman "Hundert Tage", sechs Jahre später folgte der Roman "Koala". Seine erfolgreichen Theaterstücke, unter anderem "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern", das auch bereits verfilmt wurde, werden weltweit gespielt. Seine Romane sind in rund 20 Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und hat unter anderem den Mühlheimer Dramatikerpreis (2005), den Berliner Literaturpreis (2013) und den Schweizer Buchpreis (2014) bekommen. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im Radio: MDR KULTUR-Café | 25.05.2017 | 12:05-13:00 Uhr

Redaktion und Moderation: Katrin Schumacher

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2019, 10:54 Uhr

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