Nora Pester
Nora Pester wurde 1977 in Leipzig geboren. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Verlagsinhaberin im Interview "In Leipzig haben sich Türen für uns geöffnet"

Hentrich & Hentrich, 1982 in Berlin gegründet, ist der einzige Verlag mit ausschließlich jüdischem Programm im deutschsprachigen Raum. Seit fast zehn Jahren führt die gebürtige Leipzigerin Nora Pester die Geschäfte - und hat diese vor kurzem nach Sachsen verlagert. Im Inteview erklärt sie, warum und erzählt, wie sich ihre Aufgaben seitdem verändert haben.

Nora Pester
Nora Pester wurde 1977 in Leipzig geboren. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

MDR KULTUR: Frau Pester, seit September residiert Hentrich & Hentrich im Leipziger Haus des Buches. Warum?

Nora Pester: Das war schlicht und einfach aus finanziellen Gründen. Unser Mietvertrag in der Berliner Wilhelmstraße endete und die neue Miete hätte eine 150-prozentige Steigerung bedeutet. Das konnten und wollten wir nicht tragen. Und haben überlegt: Wo und wie kann es weitergehen? Also sind wir nach Leipzig gezogen, wo sich dann auch neue Türen geöffnet haben. Das war aber vorher nicht absehbar.

Bei Ihrer Ankunftsfeier im Ariowitschhaus gab es den großen Bahnhof für Sie. Wie haben Sie das aufgenommen?

Wir sind in Sachsen als Verlag nun nicht mehr nur kulturell-historisch unterwegs, sondern ziemlich politisch. Als Referenten waren bei der Feier ja unter anderem Justizminister Sebastian Gemkow, die Leipziger Kulturamtsleiterin Susanne Kucharski-Huniat und der Gemeindevorsitzende Küf Kaufmann anwesend. Außerdem saßen im Publikum so viele interessante Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Wissenschaft und Politik! Die CDU war sehr gut vertreten. Sie legt sich gerade in Sachsen sehr ins Zeug ...

Müssen Sie denn manchmal sagen - wir sind in erster Linie ein Verlag, und keine Außenstelle der Landeszentrale für politische Bildung?

Sie treffen da schon genau den Punkt. Ich muss wirklich aufpassen, dass wir noch zu unserem Kerngeschäft, dem Büchermachen kommen. Wir sind hier in Leipzig als jüdischer Verlag sehr viel mehr als in Berlin gesellschaftspolitisch gefragt. Wir entwickeln uns mehr und mehr zu einem Kompetenzzentrum, was ich per se nicht schlecht finde, ich bin ja keine reine Papierhändlerin. Man muss natürlich aufpassen, dass man die Balance hält zwischen dem Kerngeschäft, den ökonomischen Notwendigkeiten und der Positionierung nach außen. Aber momentan macht mir das großen Spaß.

Welche Themen wollen Sie mit Ihrem Verlag denn setzen?

Das hat sich in der letzten Zeit verändert. Bis vor einem Jahr lag unser Schwerpunkt auf historischen, kulturellen und religiösen Büchern. Seitdem sind wir aber politischer geworden. Wir bringen jetzt auch Titel mit tagesaktuellen politischen Schwerpunkten heraus, etwa zu den Beziehungen zwischen Iran, Israel und Deutschland. Hier merken wir, dass wir völlig neue Leserkreise erschließen, gerade sehr junge Leute erreichen. So gehen wir diesen Weg sukzessive weiter, wenn es auch nicht unser Schwerpunkt wird.

Das heißt - je unübersichtlicher und schwieriger die Weltlage wird, desto besser für Sie?

Ich würde jetzt nicht soweit gehen, dass unsere Bücher eine abschließende Erklärung liefern. Den Anspruch habe weder ich noch unsere Autoren. Wir wollen Hintergrundwissen vermitteln, auf dessen Grundlage auch fundierte Debatten geführt werden können. Das ist etwas, was ich als immer schwieriger einschätze. Man bildet sich eine Meinung, schnell und radikal, ohne sich die Mühe zu machen die Faktenlage zu checken. Und wenn wir hier einen Beitrag leisten können, wäre das sehr gut.

Zur Person Nora Pester wurde 1977 in Leipzig geboren. In Leipzig und Wien studierte sie Hispanistik, Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Im Fach Politikwissenschaften promovierte sie von 2002 bis 2005 an der Universität Leipzig. Beim Passagen Verlag in Wien war Nora Pester für Presse und Vertrieb zuständig, arbeitete als Leiterin für Presse und Marketing im ZOOM Kindermuseum im Museumsquartier Wien und 2009 in Vertrieb und Marketing beim Verlag Matthes & Seitz in Berlin. Seit Januar 2010 ist Nora Pester als Nachfolgerin des 2009 verstorbenen Gerhard Hentrich Inhaberin und Verlegerin des Hentrich & Hentrich Verlags, dessen Bücher sich mit allen Facetten des Judentums auseinandersetzen.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR trifft - Menschen von hier | 08. Dezember 2018 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 08. Dezember 2018, 17:01 Uhr