Mithu Sanyal
Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal hat einen ihrer Artikel selbst einmal so überschrieben: "Gedanken zu #metoo von #mithu" Bildrechte: IMAGO

Interview Ein Jahr #MeToo: Gibt es jetzt weniger Sexismus?

Seit mittlerweile einem Jahr prangern überwiegend Frauen unter dem Hashtag #MeToo Sexismus und sexuelle Übergriffe an. Die Bewegung ist eine Reaktion auf den Skandal um den Filmproduzenten Harvey Weinstein, dem seit Oktober 2017 Dutzende Frauen sexuelle Belästigung oder gar Vergewaltigung vorgeworfen haben. #MeToo löste international eine breite Debatte über Sexismus aus, viele weitere Fälle wurden öffentlich. Doch was hat sich dadurch im Alltag geändert?

Mithu Sanyal
Die Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu Sanyal hat einen ihrer Artikel selbst einmal so überschrieben: "Gedanken zu #metoo von #mithu" Bildrechte: IMAGO

Ein Jahr nach dem Aufkommen der #MeToo-Bewegung sieht die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal positive gesellschaftliche Auswirkungen der Debatte. Sanyal sagte MDR KULTUR, vorher habe man beim Stichwort sexuelle Belästigung nur an Frauen gedacht. Inzwischen sei klar: "Es gibt auch Männer. Es ist nicht ein Verbrechen, was nur ein Geschlecht dem anderen antut." Als Beispiel nannte sie den US-amerikanischen Schauspieler Jimmy Bennett, der seiner italienischen Kollegin Asia Argento sexuellen Missbrauch vorgeworfen hat.

Allein, dass man heute noch über #MeToo spreche, sei ein gutes Zeichen, so Sanyal: "Das ist eben nicht: drei Wochen und dann kommt der nächste Hashtag." Dabei sei deutlich geworden, dass es allgemein um den Respekt vor sexueller Selbstbestimmung gehe. Das Thema sei im Alltag heute viel präsenter: "Ein Satz wie: 'Denk an Harvey Weinstein' ist so ein kulturelles Kürzel geworden", so Sanyal.

Jetzt muss der zweite Schritt folgen

Dabei sei der Ton in der Debatte inzwischen sachlicher geworden: "Am Anfang war der Unterton schon sehr: Wir müssen jetzt den Schuldigen finden, und den müssen wir ausmerzen." Inzwischen habe man gelernt, dass mehr Empathie nötig sei – sowohl im Umgang mit den Opfern als auch mit den Angeklagten.

Zudem sieht Sanyal heute ein besseres Bewusstsein für Grauzonen-Fälle, "wo es eben nicht darum geht, zu sagen: Da ist der eine böse, der andere Opfer." Mittlerweile sei klar: "Bei einigen dieser Fälle wäre Mediation zum Beispiel viel hilfreicher gewesen als Bestrafung."

Zugleich betonte die Kulturwissenschaftlerin: "Jetzt müsste eigentlich der zweite Schritt sein: Wie verändern wir überhaupt hierarchische Arbeitsverhältnisse so, dass alle Menschen darin auch was sagen können?" Denn Sexismus habe "nicht nur etwas mit Sex zu tun, sondern auch damit, dass Menschen ungleich behandelt werden."

Über Mithu Sanyal Die Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Journalistin schreibt Hörspiele und Features fürs Radio sowie Artikel für "Die Zeit", die "Tageszeitung", das "Missy Magazine" und andere Medien. Außerdem sind von Mithu Sanyal mehrere Bücher zu feministischen Themen erschienen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Oktober 2018 | 07:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Oktober 2018, 13:59 Uhr

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