Theaterkritik "Mein Freund Harvey": Theater-Groteske mit staubtrockenem Humor

Am Sonnabend hat der Broadway-Klassiker "Mein Freund Harvey" am Schauspiel Leipzig Premiere gehabt. Die Komödie ist mehrfach verfilmt worden – im Original 1950 mit James Stewart, später in Deutschland mit Harald Juhnke oder Heinz Rühmann. Der Leipziger Schauspielintendant Enrico Lübbe hinterfragt in seiner Inszenierung ebenso gekonnt wie eigenwillig die Begriffe von Verrücktheit und Normalität. Eine Kritik.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Mein Freund Harvey am Schauspiel Leipzig
Szenenbild: "Mein Freund Harvey" am Schauspiel Leipzig Bildrechte: Rolf Arnold

Die Inszenierung orientiert sich am Original und ist eine sehr eigenwillige, vom Witz her extrem trockene Interpretation. Im Mittelpunkt des Broadway-Klassikers steht ein Mann mittleren Alters, Elwood P. Dowd, der ohne Geldsorgen durch das Leben flaniert, an seiner Seite ein 2,10 Meter großer, weißer Hase namens Harvey, der für die anderen Menschen allerdings unsichtbar bleibt. Elwood ist, wenn man so will, ein liebenswürdiger Spinner.

Das führt zu Verwirrung bei intoleranten, biederen Mitmenschen. Eine davon ist die Schwester von Elwood, bei der er lebt. Am Ende der Geschichte soll Elwood auf Wunsch seiner Schwester eine Injektion bekommen um wieder normal zu werden. Er sei "eine Gefahr für sich selbst", sagt die Schwester.

Wer ist normal und wer verrückt?

Aber als ein in die Klinik gerufener Taxifahrer erklärt, sozusagen im letzten Moment, dass die Patienten bei der Rückfahrt aus der Klinik unfreundlich und unglücklich sein würden, entscheidet sich die Schwester gegen die Spritze, weil der Bruder in seiner Verrücktheit glücklich und freundlich geblieben ist. Elwood sagt an einer Stelle, dass er "die Wirklichkeit überwunden" habe. Jetzt lebt er in seiner eigenen Welt.

Regisseur Enrico Lübbe macht daraus eine sehr eigenwillige Groteske, zeigt eine Welt, in der Elwood eigentlich normal ist, während alle anderen verrückt sind – oder besser: auf der Suche sind. Schon zu Beginn wird das Thema im wahrsten Wortsinn angespielt.

Mein Freund Harvey am Schauspiel Leipzig
Tilo Krügel als Butler ist die zentrale Figur der Inszenierung. An dieser Stelle gab es in der Premiere Szenenapplaus. Bildrechte: Rolf Arnold

Da sitzt Tilo Krügel als hier dazu erfundene, aber zentrale Figur eines Butlers an einer Heimorgel und spielt den Choral "Geh aus mein Herz und suche Freud". Das ist natürlich zweierlei: ganz direkt betrachtet die Aufforderung nach Freude im Leben, aber wohl auch nach dem Psychologen Sigmund Freud zu suchen; sich also gesellschaftskompatibel einnorden zu lassen.

Eine Groteske mit staubtrockenem Humor

Hinzu kommt ein Zitat aus dem Stück. Elwood sagt an einer Stelle: "Harvey kann die Uhr stehen lassen". Und diese zwei Dinge, dieser Stillstand einerseits und dieses Suche nach Freud, werden hier zu der Regieidee, und das ist dann am Ende eine Groteske.

Es ist eine Inszenierung im Schneckentempo, mit einem staubtrockenen Witz, die bis in die Details – neben der Schauspielerei auch Bühne und Kostüme – sehr, sehr gut gearbeitet ist!

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Es braucht allerdings einige Zeit, um sich hier zurechtzufinden. Die Inszenierung ist insgesamt zweieinhalb Stunden lang. Spätestens nach der Pause weiß man aber, wie der Hase läuft. Und am Ende gab es viel Applaus und kein einziges Buh.

Bühnenbildner Etienne Pluss baut eine Bühne, die einen Flur in einer großen Gründerzeitvilla vorstellt. Es gibt ein paar Irritationen: Telefone aus den Fünfzigern, einen Rollator – vielleicht aus den Neunzigern, eine Deckenlampe mit Neonröhren, so dass die Bühne keine Originalsituation zeigt, sondern in Details eine Überschreibung dieser Gründerzeit durch die Jahrzehnte bedeutet.

Bühne, Kostüme und Maske sind stimmig

Mein Freund Harvey am Schauspiel Leipzig
Das Bühnenbild hält bei genauer Betrachtung ein paar Irritationen bereit. Bildrechte: Rolf Arnold

Aber das Gebäude ist nicht in diese neue Zeit mitgekommen. Die Topfpflanzen im Flur sind vertrocknet. Es ist so, als wenn hier über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte ein Dornröschen schlief. Dieses Setting ist sehr gut gebaut und auch beleuchtet.

Auch die Kostüme von Bianca Deigner und besonders die Maske ist herausragend – Maske, das sind hier fünf Damen unter Leitung von Kerstin Wirrmann, die Großartiges leisten, was wieder einmal die Qualität der Leipziger Theater-Werkstätten zeigt.

Unterm Strich ist die Inszenierung also eine Groteske, serviert mit einem staubtrockenen Humor, und das alles in einem langsamen Erzählfluss vorgetragen, der offenkundig Grenzen ausloten will. Enrico Lübbe dehnt das Stück nach allen Seiten und setzt es damit einer Spannung aus. Es ist alles auch ein Experiment. Wenn Elwood zum Beispiel Dahlien pflückt und sie samt Wurzel ausreißt, geht es auch darum, was der Text, also die Sprache aushält, wenn man sie wörtlich nimmt. Elwood – und das ist mit seiner Figur ja eingeführt – nimmt auch alles wörtlich und eckt damit in der Gesellschaft an.

Ein Plädoyer für mehr Humanismus

Wie würde aber eine Gesellschaft aussehen, die alles wörtlich nähme? Das wäre eine der Dehnungsübungen, die Lübbe hier unternimmt. Wenn Elwood alle Fremden zum Essen einlädt, weil er alle Menschen als Freunde begreift, was heißt dieses Prinzip für das Zusammenleben der Gesellschaft? Heutzutage in ihrer großen Zerrissenheit?! Das sind Dinge, die hier dezent mitschwingen, ohne aufdringlich herausgestellt zu sein.

Das ist in dieser Inszenierung eine neue Qualität, und am Ende eben auch verbunden mit einer Botschaft, die für Humanismus spricht. Das "verrückte" Handeln, das Lübbe hier in der Figur Elwoods zeigt, ist immer uneigennützig, offen, hilfsbereit und den anderen Menschen zugewandt, während die "normalen" Menschen in ihrem Tun zu grotesken Figuren geworden sind. Das stellt diese sehenswerte Inszenierung deutlich heraus.

Angaben zum Stück "Mein Freund Harvey" von Mary Chase, deutsch von Alfred Polgar

Schauspiel Leipzig
Regie: Enrico Lübbe

Weitere Termine:

Sa., 25. Januar 2020, 19:30 Uhr
Do., 6. Februar 2020, 19:30 Uhr
Sa., 22. Februar 2020, 19:30 Uhr
So., 1. März 2020, 19:30 Uhr
So., 12. April 2020, 19:30 Uhr
So., 24. Mai 2020, 16:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Januar 2020 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Januar 2020, 15:30 Uhr

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