Historiker Michael Wolffsohn
Der Historiker Michael Wolffsohn Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Dort, wo Luther gegen die Juden hetzte" "Judensau"-Relief: Historiker Wolffsohn gegen Entfernung

"Judensau" ist eine drastische Beleidigung. Wer sie ausspricht, muss vor deutschen Gerichten mit empfindlicher Strafe rechnen. Aber was, wenn diese Beleidigung über 700 Jahre alt ist, so wie die berüchtigte Schmähplastik an der Wittenberger Stadtkirche? Der Historiker Michael Wolffsohn würde sie nicht entfernen. Er findet, der historische Antijudaismus müsse sichtbar bleiben, und zwar vor Ort, genau dort, wo Martin Luther 1543 seine Hetzschrift gegen die Juden verfasste.

von Rayk Wieland, MDR KULTUR

Historiker Michael Wolffsohn
Der Historiker Michael Wolffsohn Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im fortwährenden Streit um das so genannte "Judensau"-Relief an der Wittenberger Stadtkirche plädiert der Historiker Michael Wolffsohn dafür, die Schmähplastik nicht zu entfernen. Im Gespräch mit MDR KULTUR meinte er, Geschichte gebe es nicht "a la carte wie im Gasthof". Sie müsse in ihrer Gesamtheit begriffen und interpretiert werden. Wegwischen und Entfernen führe dazu, dass man sich nicht mit einem Thema auseinandersetze. Das sei im Grunde genommen Selbstbetrug.

Vor zwei Wochen scheiterte Michael Düllmann, Mitglied der Berliner jüdischen Gemeinde, mit seiner Klage vor dem Landgericht Dessau-Roßlau, die darauf zielte, die Schmähplastik zu entfernen. Düllmann, der einst evangelische Theologie studierte und dann zum Judentum konvertierte, sieht in ihr eine nicht mehr hinnehmbare Beleidung, auch wenn sie in acht Meter Höhe hängt und das schon sehr lange.

Michael Düllmann, Mitglied der Berliner jüdischen Gemeinde
Michael Düllmann geht im Rechtsstreit in die nächste Instanz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich war und ich bin entsetzt, dass die Kirche sich seit Jahrhunderten den Antisemitismus, die Judenfeindschaft zum Teil ihrer Verkündigung gemacht hat, denn das wird an dieser Kirche sichtbar.

Michael Düllmann, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Berlin

"Paradoxe Gedenkkultur" - Gespaltene Gemeinde

Das "Judensau"-Relief an der Stadtkirche in Wittenberg
Das "Judensau"-Relief an der Stadtkirche in Wittenberg Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Landgericht Dessau-Roßlau argumentierte, die Plastik sei eine "zweifellos unschöne bildliche Darstellung". Aber sie sei Teil eines historischen Baudenkmals. Deshalb sei es fraglich, ob "tatsächlich eine Kundgabe der Missachtung" vorliege. Zumal seit 1988 eine Gedenktafel den Zusammenhang von Antisemitismus und Judenvernichtung benenne. Stadtkirchenpfarrer Johannes Block verweist auf "das Paradox dieser Gedenkkultur mit einem Originalstück an einem Originalort". Im Grunde sei die Schmähplastik für viele Menschen ein Impuls, sich über die verschiedenen Facetten Luthers, auch die seiner Judenfeindlichkeit Gedanken zu machen. Daneben gebe es sehr überraschte, empörte Reaktionen, die er gut verstehe:

Johannes Block, Stadtkirchenpfarrer
Johannes Block sieht die Ambivalenz. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich bin auch empört, ich finde es nicht schön, an einer Kirche Dienst zu tun, wo außen die Mutterreligion des Christentums verspottet wird. Aber wir sind nicht Urheber, wir sind Erbe dieses Gedenkens. Damit müssen wir klug und offen umgehen.

Johannes Block, Stadtkirchenpfarrer

Spätestens seit dem groß gefeierten Reformationsjubiläum kennen viele die Wittenberger Skyline. An die Tür der Schlosskirche soll Luther vor rund 500 Jahren seine 95 Thesen wider den Ablass geschlagen haben. An der Mauer der Stadtkirche wiederum findet sich das sogar 700 Jahre altes Manifest des Judenhasses. In Gestalt der Schmähplastik, die den Gott der Juden als Schwein zeigt, dem ein Rabbiner in den Anus schaut. "Schem Hamphoras" – steht wohl seit 1570 darüber. Auf Deutsch: Der unaussprechliche Name des Gottes der Juden. Luther persönlich soll die Inschrift verfügt haben.

Entfernen, denn "das Denkmal predigt weiter"

Die Stadtgemeinde ist gespalten. Die einen wollen sie an Ort und Stelle belassen, als Teil der evangelischen Kirchengeschichte, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Die anderen finden, dass die Entfernung längst fällig sei. Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und künftiger Bischof bezweifelt, dass der Status Quo einer aufgeklärten Geschichtssicht dienlich sei:

 Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt
Friedrich Kramer möchte die Schmähplastik in ein neues Denkmal einordnen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich finde es unerträglich, dass an einem zentralen Ort für uns Protestanten, wo auch Luther gepredigt hat – dass da eine Lüge an der Wand prangt. Es geht nicht darum, ob man sich empfindlich gestört fühlt oder um Emotionen, sondern einfach darum dass da eine menschenverachtende Lüge weiter präsentiert wird. Es geht nicht drum, die Geschichte zu tilgen, sondern richtigzustellen, wie wir heute denken. Denn das Denkmal predigt weiter.

Friedrich Kramer, Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt

Belassen und den "historischen Antijudaismus zeigen"

Wittenberg
Blick auf die Stadtkirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Damit vertritt Kramer eine andere Auffassung als Wolffsohn. Der Historiker jüdischer Abstammung findet, der historische Antijudaismus müsse sichtbar bleiben, und zwar vor Ort. Genau dort, wo Martin Luther, der Reformator, 1543 die Hetzschrift "Von den Jüden und ihren Lügen" verfasste. Wo er gegen sie als Feinde des Evangeliums wetterte und aufrief, ihre Schulen und Häuser anzuzünden. So gesehen könnte die Schandplastik ein Fenster in ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte sein. Nur: Wie sollte man es heute öffnen?

(K)ein Fall für die Justiz?

Das "Judensau"-Relief an der Stadtkirche in Wittenberg
Die Schmähplastik in acht Meter Höhe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Stadtkirchenpfarrer Johannes Block schwebt eine künstlerische Ergänzung vor, "die jeden Besucher darauf aufmerksam machen kann, was war die Geschichte, was wollen wir nicht verleugnen, um gleichzeitig zu merken: Wir sind schon viel, viel weiter, und wir wollen dieser Schmähplastik, deren Bild ja sehr kräftig spricht, einen Gegenbild entgegensetzen." Akademiedirektor Friedrich Kramer würde die Schmähplastik lieber abnehmen und sie mit einem Holocaust-Mahnmal verbinden. Es sollte aus seiner Sicht auch die Namen der ermordeten jüdischen Mitbürger Wittenbergs benennen. So könnte aus seiner Sicht ein Gedenkort entstehen, "der den ganzen großen Bogen vom mittelalterlichen Judenhass über Luthers Judenhass bis zu den Nationalsozialisten historisch darstellt."

Dass am Ende jetzt Gerichte darüber entscheiden, wie mit der mittelalterlichen Plastik an der Wittenberger Stadtkirche verfahren werden soll, bedauern alle Beteiligten – auch Michael Düllmann, der allerdings bereit ist, bis vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 06. Juni 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Juni 2019, 04:00 Uhr

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