Gewitterwolken ziehen über den von der Sonne angestrahlten Petersdom
Im Vatikan beraten Bischöfe aus aller Welt über sexuellen Missbrauch in der Kirche. Bildrechte: dpa

Interview mit Missbrauchsbeauftragtem Anti-Missbrauchs-Gipfel: Was muss sich in der katholischen Kirche ändern?

Im Vatikan beraten ab Donnerstag rund 190 hochrangige Vertreter der katholischen Kirche über den Missbrauchsskandal. Zu dem Treffen hat Papst Franziskus die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen und Abgesandte weiterer kirchlicher Gremien eingeladen. In Arbeitsgruppen sollen bis Sonntag die Themen Verantwortung, Rechenschaftspflicht und Transparenz besprochen werden. Bindende Beschlüsse kann die Konferenz nicht fassen. Über die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals und Erwartungen an die Konferenz haben wir mit dem Psychiater Nikolaus Särchen gesprochen, dem Missbrauchsbeauftragten des Bistums Magdeburg.

Gewitterwolken ziehen über den von der Sonne angestrahlten Petersdom
Im Vatikan beraten Bischöfe aus aller Welt über sexuellen Missbrauch in der Kirche. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Welche Gründe sehen Sie im System der katholischen Kirche, dass der ganze Missbrauch von Kindern und Jugendlichen so lange verdrängt und bagatellisiert wird?

Nikolaus Särchen: Hier gibt es große Erfahrungen aus der letzten Studie, die von der Deutschen Bischofskonferenz veranlasst wurde, der so genannten MHG-Studie. Und die hat herausgestellt, dass es sich nicht einfach nur um einen Missbrauch handelt, der diesmal im Feld der katholischen Kirche abläuft, sondern dass es innere Strukturen gibt, die offenbar aus den klerikalen Strukturen, wie sie seit Jahrzehnten, Jahrhunderten gewachsen und sich entwickelt haben, gibt, die dazu geführt haben, eine besondere Akzentuierung des Missbrauchs im Raum der katholischen Kirche zu setzen.

Porträtaufnahme von Dr. Nikolaus Särchen an seinem Schreibtisch in der Alexianer-Klinik in Wittenberg 7 min
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Die Studie hat festgestellt, dass im Unterschied zu den vielerorts häufigen (...) Mädchen, die missbraucht werden, im Raum der katholischen Kirche Jungs missbraucht werden. Und auch innerhalb der klerikalen Strukturen offenbar Situationen vorherrschen, dass über Jahre hier Missbrauch auch gedeckt wurde. Da spielt auch eine Rolle, dass die Studie festgestellt hat, dass Missbrauch durchaus auch höhere Kirchenämter mit betrifft, so dass von diesen natürlich auch eine große Initiative ausging, zu decken und zu verharmlosen.

Können Sie es noch ein bisschen konkreter sagen, was denn systemische Gründe sind? Kann man zum Beispiel platt und polemisch sagen, dass die katholische Kirche eben ihr Verhältnis, was sie zur Sexualität hat, dass dieses Verhältnis tatsächlich ein wesentlicher Grund dafür ist, dass diese Dinge in der katholischen Kirche so stark passieren?

Ich würde es jetzt nicht so monokausal auf diesen Aspekt beziehen. Aber Verhältnisse und Strukturen heißt, und das wissen wir aus allgemeinen Missbrauchsuntersuchungen: Je starrer und je hierarchischer Systeme sind, desto leichter ermöglichen sie Tätern, zum Missbrauchstäter zu werden. Das ist ein System, was in der katholischen Kirche herrscht.

Dazu kommt, dass die Sexualmoral auch eine Form ist, die es sehr leicht macht, gerade deshalb, weil viele Sexualformen grundsätzlich abgelehnt werden, dass es dann auch wieder einfacher ist, innerhalb dieser sehr rigiden Denkweisen zum Missbräuchler zu werden. Noch dazu, wo man auch guten Schutz hat in solchen starren und hierarchischen Systemen, die von außen nicht beeinflusst werden, die von außen auch nicht kontrolliert werden.

Wir haben Strukturen, die in dieser Form nicht mehr weitergeführt werden können. Das heißt, dass wir auch Rollenverhältnisse innerhalb der Kirche neu diskutieren müssen. Das ist auch die Rolle der Frau.

Nikolaus Särchen, Missbrauchsbeauftrager des Bistums Magdeburg

Was würden Sie sagen, mit Blick auf die Konferenz in Rom, welche Konsequenzen müssen denn die Bischöfe in Rom jetzt aus diesen ganzen Missbrauchsskandalen ziehen, welche Ergebnisse wünschen Sie sich?

Ich würde mir wünschen, wenn die Erkenntnis auch in einem größeren Raum Fuß fasst (...), dass es nicht darum geht, jetzt an kleinen Stellschrauben zu drehen, nach dem Motto: Wir müssen die Opfer ermuntern, sich schneller zu melden, oder wir müssen rigoroser gegen die Täter vorgehen.

Sondern dass man feststellt: Wir haben Strukturen, die in dieser Form nicht mehr weitergeführt werden können. Das heißt, dass wir auch Rollenverhältnisse innerhalb der Kirche neu diskutieren müssen. Das ist auch die Rolle der Frau, das ist auch die Rolle von Laien, das ist auch die Rolle von Gemeinden, dass diese Aspekte stärker in die Diskussion reinkommen.

Was steht für die katholische Kirche in Deutschland auf dem Spiel, wenn sie an dieser Aufarbeitung scheitert?

Das ist sehr schwer zu sagen. Ich glaube, es ist zu früh zu sagen, dass durch das Scheitern dieser Konferenz jetzt die Kirche scheitert. Aber es ist für die katholische Kirche insgesamt, die ja als Weltkirche existiert, eine große Dimension entstanden, dass neue Erkenntnisse gekommen sind, gerade auch, was den Missbrauch angeht, und dass die Glaubwürdigkeit in Deutschland sehr deutlich auf dem Spiel steht, wenn es nur um ein Fortführen bestehender Gedanken geht.

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Februar 2019 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Februar 2019, 10:26 Uhr

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