Interview Grütters: Politik muss Künstlern in der Corona-Krise mehr Mut machen

Kulturstaatsministerin Monika Grütters fordert von den Landeskulturministern "originelle Ideen", um Honorarausfälle von Künstlern auszugleichen und den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Das sei besser, als die Saison totzureden. Im Interview erklärt die CDU-Politikerin auch, warum aus ihrer Sicht die bisherigen Bundes-Hilfen der Kulturszene "echt geholfen" haben.

Monika Grütters
Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Es wird derzeit viel geredet über die wirtschaftlichen Folgen von Corona. Aber auch die Kultur ist lahmgelegt – was viele Institutionen, aber auch die einzelnen Künstler hart trifft. Wie groß ist die Gefahr, dass das auch strukturelle Langzeitfolgen hat?

Monika Grütters: Mir selber blutet das Herz. Ich kenne die Nöte. Ich sehe die Verzweiflung auch, und wir leiden alle miteinander. Das sind ja nicht nur die Künstler, sondern es ist auch ihr Publikum. Und wir, die wir hier über Jahre hinweg versucht haben, das dichte Netz geistiger Tankstellen in Deutschland auch mit cleveren Programmen zu stabilisieren, müssen jetzt dafür werben, dass man sich fernhält und dass die Kultur erstmal Pause macht.

Das tut mir in der Seele weh, und deshalb haben wir zumindest am Anfang ganz große Programme aufgelegt: 156 Milliarden Euro, davon 10 Milliarden allein für Sozialschutzprogramme für die vielen kleinen Solo-Selbständigen, die in sehr bescheidenen Verhältnissen leben. Das ist ja ein ganz typisches Muster hier in der Kultur.

Und dann gibt es die Soforthilfen, die geholfen haben, den kleinen Kinobetreibern, Galeristen, Atelier-Inhabern, Buchhandlungen, die Miete zu zahlen, über drei Monate, je nachdem, wie viele Angestellte man hat. Das ist auch alles angekommen, und das war, glaube ich, ein ganz wichtiges Signal, um zu zeigen: Wir kennen die Lebenssituation sehr wohl, und wir möchten alles tun, damit es bleibt, wie es ist.

Aber natürlich: Je länger die Krise geht, desto mehr Lücken tun sich auch auf. Und da wir im Moment ja seriös keine zeitlichen Perspektiven formulieren können, müssen wir natürlich nachjustieren, was unsere Programme angeht, und ich bin im Gespräch mit meinen Kollegen, die sich sehr solidarisch mit den Künstlern zeigen. Das ist nicht immer so gewesen, aber im Moment ist die Regierung sehr auch auf der Seite der Kreativen.

Die Solo-Selbständigen aus dem Kreativbereich haben ja gehofft, dass sie von diesen Programmen auch etwas haben. Aber das ist in vielen Fällen leider nicht angekommen, weil sie keine Betriebsausgaben haben und dann an Arbeitslosengeld 2 verwiesen werden. Darüber sind sie natürlich nicht froh, sondern sie sehen das als Almosen. Können Sie den Unmut verstehen?

Jeder wäre unglücklich, wenn er zum Jobcenter gehen muss. Aber was ich nicht verstehe, ist, dass man dem Tontechniker oder der freischaffenden Maskenbildnerin oder auch der Blumenhändlerin, dem Kioskbesitzer selbstverständlich zumutet, dieses Sozialschutzpaket in Anspruch zu nehmen, aber selber es als Almosen tituliert.

Es ist immerhin ein Sozialschutzpaket, was gar nichts mit Hartz IV zu tun hat, überhaupt nichts, sondern was ohne Vermögensprüfung abläuft. Sie dürfen 60.000 Euro pro Person haben und nochmal 30.000 Euro für jedes Kind, was in Ihrem Haus lebt, und das wird alles nicht in Anrechnung gebracht. Dafür bekommen sie nicht nur eine Grundsicherung, sondern die reale Miete wird ihnen bezahlt und die reale Heizung. Und es gibt Kinderzuschläge.

Da kommt eine Summe zustande, die für viele Soloselbständige, gerade die etwas in bescheideneren Verhältnissen lebenden Künstlerinnen und Künstler, in der Regel sogar gut ist, und weitaus besser als alles, was Arbeitslosengeld 2 und Hartz IV ist. Und der Modus ist eben ein anderer. Also insofern finde ich, man muss da solidarisch untereinander bleiben.

Es gibt natürlich Gehaltsklassen, die weit darüber liegen. Und wenn wir denen sagen, Sie müssen jetzt erstmal auf null stellen und ohne jede Gage auskommen, dann muss ich mit den Bundesländern darüber reden, wie sie, die ja in der Regel die Theater oder Opernhäuser, Konzertsäle betreiben, wie sie sich vorstellen, dass wir gemeinsam da auch eine Absicherung schaffen.

Gibt es konkrete Ideen, wie man Honorarausfälle in irgendeiner Form honorieren kann?

Tatsächlich muss ich das mit meinen Länderkollegen besprechen. Ich selber mache mir jede Menge Gedanken, weil ich mit vielen dieser Künstlerinnen, auch der Intendanten übrigens, im regelmäßigen Gespräch bin. Aber betreiben tut der Bund kein einziges Theater, kein einziges Opernhaus, und wir sind nur bei den Berliner Philharmonikern mit einem kleinen Anteil beteiligt. Das ist also ausdrücklich und sehr konkret Ländersache.

Aber ich kriege natürlich mit, dass in der Opernkonferenz oder beim deutschen Bühnenverein sehr viele Gedanken sich gemacht werden darüber, wie man mit dieser speziellen Situation umgehen kann. Ich bin sehr neugierig, die alle zu hören. Ich schreibe die alle mit, und ich kann mir vorstellen, dass wir da gemeinsame Lösungen noch entwickeln.

Aber da muss ich auch ganz hart an die Länder appellieren. Und da bin ich dann immer enttäuscht, wenn ich von einzelnen Kulturministern aus den Ländern höre: Die Saison ist gelaufen, und bei der nächsten wissen wir es auch nicht. Das macht keinen Mut. Da erwarte ich mehr originelle Ideen, nicht nur zum Honorarausfall, sondern auch zum Wieder-Anspielen des Betriebes.

Dass viele Künstler den Bund adressieren, liegt daran, dass sie ihren Länderministern offensichtlich zu wenig langen Atem zutrauen.

Monika Grütters

Sehen Sie schon, dass es bei diesem Soforthilfeprogramm auch Dinge gibt, die jetzt erst offenbar werden? Es gibt ja diverse offene Briefe auch an Sie in dieser Sache.

Die Zuständigkeit für die Kultur liegt erst einmal bei den Bundesländern. Dass viele Künstler den Bund adressieren, liegt daran, dass sie ihren Länderministern offensichtlich zu wenig langen Atem zutrauen und mit den Länderprogrammen auch enttäuscht sind.

Einige Bundesländer hatten ja Soforthilfeprogramme. Die sind aber fast alle jetzt erschöpft. Und deshalb erwarte ich, dass die Kulturministerkonferenz der Länder eigene originelle Ideen entwickelt, wie sie mit dieser Situation umgehen. Denn die ist ja in allen Bundesländern gleich. Und dann kann man immer noch auch mal mit dem Bund darüber reden, ob er zusätzlich mithelfen kann.

Aber tatsächlich ist gerade das Bühnengeschehen zu fast 100 Prozent Ländersache. Und da mir diese Künstler am Herzen liegen, denke ich natürlich mit darüber nach, was man tun kann. Und dazu gehören zwei Dinge – erstens, dass man originelle Ideen entwickelt, wie der Betrieb wieder anlaufen kann, statt einfach nur Saisons totzureden, wie das einzelne Ministerkollegen tun, leider Gottes. Und zweitens, dass man überlegt, wie man mit diesen Honorar- und Gagen-Ausfällen umgeht. Und das, denke ich, ist eine große Gemeinschaftsaufgabe.

Aber ich bin enttäuscht, wenn man die Soforthilfeprogramme, die vom Bund in großer Zahl zur Verfügung gestellt wurden, jetzt schlechtredet. Denn wir reden gerade mal über die vergangenen vier Wochen, und in denen haben diese Soforthilfeprogramme jedenfalls echt geholfen. Zumal sie alle auf drei oder sechs Monate angelegt sind.

Das Interview führte Ulrike Reiß für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 23. April 2020 | 22:05 Uhr

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