Lebensläufe: Monika Maron
Die Schriftstellerin Monika Maron Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Porträt Was Monika Maron in der Schule des Lebens lernte

Als Kind von Kommunisten im Westen, unehelich geboren! Schon das macht Monika Maron zu Beginn ihres Lebens zur Außenseiterin – und "konfliktfähig". Später als Autorin in der DDR prangert sie die Umweltsünden im Chemiedreieck an. Mit dem Bitterfeld-Roman "Flugasche", der 1981 nur im Westen erscheint, wird sie über Nacht berühmt. Nichts zu beschönigen, das ist das erklärte Ziel der Autorin bis heute.

Lebensläufe: Monika Maron
Die Schriftstellerin Monika Maron Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie raucht. Unentwegt. Fast wirkt es wie ein stiller Protest gegen das Tabak-Tabu. Monika Maron lässt sich nichts verordnen, schon gar nicht die Wahrheit. Wie hässlich die sein kann, zeigt ihr Bitterfeld-Roman "Flugasche", der sie vor rund 40 Jahren über Nacht berühmt macht. Als Reporterin der "Wochenpost" reist sie wiederholt in die "schmutzigste Stadt Europas", die wie die Landschaft ringsum dem giftigen Nebel des nahen DDR-Chemiekombinates ausgesetzt ist.

Ich war wirklich schockiert. Ich hab' immer gedacht, für Intellektuelle ist die DDR nicht gut, aber für die Arbeiter wenigstens ist sie gerecht in dem Sinne, dass sie irgendwie bevorzugt werden. Was ich (dort) erlebt habe, war das Gegenteil. Das war eine Missachtung der Menschen, ihrer Gesundheit und überhaupt.

Monika Maron Schriftstellerin

Über Nacht berühmt mit dem Bitterfeld-Roman "Flugasche"

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Zweites Zuhause: Uckermark. Monika Maron mit ihrem Sohn Jonas, der Fotograf ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In ihrem Roman wird die Journalistin Josefa Nadler zu Marons Alter Ego, sie berichtet rigoros über die ökologische Katastrophe – und scheitert. Marons Leben verändert sich grundlegend, als ihr Buch 1981 erscheint; im Westen. Bis dahin, bekennt sie, habe sie in der DDR eine gute Zeit gehabt. Als Fräserin in einem Flugzeugwerk, als Studentin der Theaterwissenschaft, als Regieassistentin beim Fernsehen, schließlich als gefragte Reporterin. Plötzlich aber spricht ihre Mutter nicht mehr mit ihr, "nicht weil ihr das Buch missfallen hätte. Aber dass es nun in der Hand des Klassenfeindes war, das hat sie als persönliche Schändung empfunden", erzählt die Autorin.

Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass nicht wenige Funktionärskinder renitent wurden. Weil die Kommunisten, als sie noch richtig überzeugte Kommunisten und Antifaschisten waren, ihre Kinder so erzogen: Du sollst die Wahrheit sagen, du sollst aufrecht sein, du sollst deine Ideen nicht verraten. Raus kommt dann eben manchmal etwas, was man vorher nicht bedacht hat.

Monika Maron Schriftstellerin

Später liest sie in ihrer Stasi-Akte "eine Anweisung von Mielke, dass man mir nahe legen soll auszureisen und dass weder mein Kind noch ich eine Zukunft in der DDR haben". Erst 1988 geht die aufsässige Stieftochter des ehemaligen DDR-Innenministers Karl Maron in den Westen, mit einem Drei-Jahres-Visum.

"Ich war das Kind von Kommunisten"

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Monika Maron liebt Tiere, auch wenn sie weiß, "dass man sie nur durch Futter erobert". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sie handelt trotz der Angst "vor diesen Verwerfungen im Leben", trotz ihrer Herkunft. 1941 im Berliner Arbeiterviertel Neukölln geboren, wächst sie mit Mutter und Tante in einer Anderthalb-Zimmer-Wohnung auf. Die Rassengesetze verboten dem leiblichen Vater die Heirat seiner jüdische Frau. Vor dem Bombenhagel flüchtet sie mit Mutter und Tante in den Schutzkeller, sie widersetzen sich so der Anordnung der Nazis, die Juden oder Halbjuden den Zutritt untersagt. Nach Kriegsende erfährt sich das Mädchen erneut als Außenseiterin:

Ich kam aus einer jüdisch-polnischen Familie. Ich war das Kind von Kommunisten im Westen. Ich war unehelich geboren, ich schielte und war dann noch der einzige Pionier in der Klasse. Also mehr geht nicht.

Monika Maron Schriftstellerin
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Mit ihrem Enkel unterwegs zum BVB-Spiel: Im Fußball sieht sie eine zivilisatorische Errungenschaft, da man 90 Minuten lang die Emotionen rauslassen könne, "friedenserhaltend". Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rückblickend, sagt sie, sei all das wahrscheinlich eine gute Schule fürs Leben gewesen. Es bleibt voller Brüche. Mit zehn Jahren zieht sie in den Osten der Stadt, die Mutter arbeitet im Magistrat und ist inzwischen mit dem späteren DDR-Innenminister Karl Maron liiert. Dem Staatspräsidenten Wilhelm Pieck darf das Mädchen Blumen überreichen und sogar ein selbst geschriebenes Gedicht aufsagen. Als Kind spielt sie mit Ulbrichts Tochter. Ein Foto zeigt sie am Rande eines Fußball-Spiels. Ein paar Plätze weiter sitzt Mielke, Maron erinnert sich an den Stasi-Chef, wie er mit hochrotem Kopf tobt, weil er so aufgeregt ist "wegen seiner Mannschaft", dem BFC Dynamo.

Die junge Schülerin wähnt sich damals auf der richtigen Seite. Sie glaubt "an die Sache", "wie Kinder, die in streng religiösen Elternhäusern aufwachsen. Die glauben an den lieben Gott, ohne darüber selber weiter nachzudenken." Kommunisten, das sind für sie damals die Guten – mit Ausnahme des Stiefvaters, den sie nicht mag. Doch zumindest die äußeren Umstände verbessern sich, die neue Familie bezieht ein komfortables Haus in Pankow-Niederschönhausen.

"Hass deformiert", Liebe manchmal auch

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"Hass deformiert" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dort wird später ihr Roman "Stille Zeile sechs" spielen, der erzählt von einem kommunistischen Karrieremenschen und ihrem Stiefvater nachempfunden ist. Dieser alt gediente Funktionär namens Beerenbaum lässt seine Erinnerungen von der Historikerin Rosalind in die Maschine tippen: einer Dissidentin, die – von Abscheu ergriffen – den Alten in den Infarkt treibt und so selbst zur Täterin wird: "Mich hat bei dem Buch am meisten interessiert, wie man selbst deformiert wird durch diesen Hass", rekapituliert die Autorin. Oder auch "infantilisiert", weil man in der DDR "mit seiner Wut und mit seinem Aufruhr wie in einer ständigen Pubertät feststeckte".

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Zurück in Bitterfeld Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

20 Jahre nach dem Ende der DDR reist Monika Maron erneut ins Chemiedreieck und erzählt in ihrer Reportage "Bitterfelder Bogen", wie dort ein Zentrum der Zukunftsindustrien zu entstehen scheint. Sie zeichnet Lebenswege von Menschen im Umbruch nach. Die Scheiternden heute als "abgehängt" zu bezeichnen, käme ihr nie in den Sinn, darin spiegelt sich aus ihrer Sicht "die Verachtung einer gebildeten oder elitären Schicht gegenüber den arbeitenden Menschen". In ihren Büchern verhandelt sie individuelle Lebensentwürfe, die Suche nach Liebe und Glück. Gefeiert wird sie für Romane wie "Animal Triste" über eine Ostfrau, die allabendlich ihre große Liebe, den verheirateten Biologen Franz aus dem Westen, empfängt, der genauso regelmäßig zu seiner Ehefrau zurückkehrt. Ganz unromantisch zu zeigen, wie Liebe die Menschen sich selbst entfremdet, das sei radikal, sagt Schriftstellerin Katja Lange-Müller. An Monika Maron schätzt sie, dass die Konflikte nicht scheue:

Sie ist extrem konfliktfähig, furchtlos und unerschrocken. Das Gegenteil von harmoniesüchtig. Und sie ist andererseits von einer seltsam pragmatischen Hilfsbereitschaft, wenn sie Leid bemerkt, egal an welcher Kreatur, dann wird sie weich wie ein Stück Butter in der Sonne.

Katja Lange-Müller Schriftstellerin und Freundin

"Munin" als umstrittene Parabel auf unsere Zeit

Lebensläufe: Monika Maron
Kleinkrieg in der Straße oder neue "Vorkriegszeit"? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus einen scheinbar kleinen Konflikt macht Monika Maron in ihrem jüngsten Roman "Munin oder Chaos im Kopf", der 2018 heiß diskutiert wird, eine politische Parabel aufs von diffusen Ängsten bestimmte Zeitgeschehen: Eine Autorin sitzt an einem Essay über den Dreißigjährigen Krieg. Sie taucht ein in die religiösen Fehden des 17. Jahrhunderts, während eine geistig verwirrte Frau auf dem Balkon gegenüber falsch Opernarien schmettert und damit die Anwohnerschaft aufreizt. Der Kleinkrieg in der Straße zusammen mit den Zeitungsmeldungen, die sie täglich studiert – über Klimawandel, Wassermangel, Hunger, angeblich zunehmende Vergewaltigungen und Messerstechereien – bringen sie zu der Frage, ob sie in einer "Vorkriegszeit" lebe. Kritiker loben die "stilistische Eleganz" des Romans, hinterfragen aber die "Zeitdiagnosen", etwa wenn Maron ihre Protagonistin vom freiwilligen Verzicht auf "säkulare Selbstverständlichkeiten" zugunsten der "muslimischen Mitbürger" sprechen lasse. Zwischen Gefühlen, Klischees und Fakten zu unterscheiden, auch das sei eine Errungenschaft der Aufklärung. Monika Maron versteht die Welt nicht mehr:

Ich lebe doch in der Tradition der Aufklärung. Ich bin für die Gleichberechtigung der Frau. Ich bin für eine säkulare Gesellschaft. Das sind ja eigentlich angestammte linke Positionen. Natürlich wird man für manches nicht gemocht, was man denkt und schreibt. Das halte ich für normal. Aber das man dafür angefeindet, verdächtigt, mit Prädikaten bedacht wird wie neu-rechte Schriftstellerin, das habe ich nicht für möglich gehalten.

Monika Marion Schriftstellerin

Quelle: MDR-Reihe "Lebensläufe": Monika Maron - Rebellin an der Schreibmaschine

Außerdem im "Lebensläufe"-Porträt

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 05. Dezember 2019 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2019, 04:00 Uhr

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