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Die Multimedia-Plattform muellerbaukasten.de widmet sich den Werken Heiner Müllers. Bildrechte: MDR

Neue Multimedia-Plattform Heiner Müller neu entdecken - Müllerbaukasten.de

Heiner Müller ist ein Autor der Widersprüche. Müller starb 1995 in Berlin, doch das Werk des Dramatikers und Intellektuellen lebt in seiner klaren aber metaphorischen Sprache. Seine Texte suchen die Missverständnisse, verknüpfen Epochen, Kulturräume und politische Milieus zu einem Netz, in dem der Autor verschwindet und die Leser denken. MDR KULTUR hat dem Werk des Autors eine Web-Plattform eingerichtet. Projektleiter Stefan Kanis skizziert, warum das für ihn ein richtiges Zeitzeichen ist.

von Stefan Kanis, Redaktion müllerbaukasten.de

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Die Multimedia-Plattform muellerbaukasten.de widmet sich den Werken Heiner Müllers. Bildrechte: MDR

Wenn man über Heiner Müller spricht, müsste man immer zwei Sachen gleichzeitig sagen. Da ist zum einen die Rede über sein Werk, wie sie in den Nachschlagewerken steht: Der große politische Dramatiker in der Nachfolge Brechts, der Revolutionär der Formensprache des Dramas, der unbestechliche Analytiker des Zeitgeistes, die Sphinx des Feuilletons …

Die kapitalistischen Gesellschaften leben in einer Bahn der Beschleunigung, die in der Vernichtung endet. Das letzte Stadium dieser Beschleunigung ist die Vernichtung der Zeit.

Heiner Müller, 1989

Im selben Moment müsste man durch das zurückhaltende Lächeln Müllers hindurch die schwebenden Turbulenzen einer ernsten Harlekinade einfangen. "Ich sage alles, nur nicht, was ich denke." Hoppla, ein Bonmot.

Die Idiotie des Bescheidwissens

Ja, die typische Müller-Falle. Umso häufiger man in seinen Texten liest, auf das Müller-Lächeln schaut, spürt man, wie gut das tut, wie heilsam es uns heute ist. "Mein Text ist ein Telefonbuch, und so muss er vorgetragen werden, dann versteht ihn jeder." Auch ein Bonmot, sicher, aber es fordert uns auf, mit seinen Werken ohne Ehrfurcht umzugehen.

Heiner Müller, 1987
Heiner Müller im Jahr 1987 Bildrechte: imago/Gueffroy

Hinter der Sentenz lebt ein anderes Vertrauen, es steht gegen die tägliche Idiotie des Bescheidwissens, dass es immer darauf ankomme, wie etwas gemeint sei. Erst recht, wie der Autor etwas meint. "Polizeiästhetik" nannte das Müller. In unserer von Selbstdarstellung müden Zeit ist dies vielleicht das Wichtigste an ihm. Dass jemand von sich selbst absieht.

Umso näher man Heiner Müller kommt, desto mehr verschwindet er in seinem Werk. Umso länger man sich mit Müller beschäftigt, desto größer die Unlust an Interpretation. Gegen die Deutung der Literaturgeschichte aktiviert sich in jeder Lektüre ein anderer Müller. "Die Welt ist überall anders. Ich glaube nicht an Politik", sagt ein Matrose in Müllers Stück "Der Auftrag".

Es geht nur noch ums Funktionieren. Darüber hinaus wird es immer schwieriger, diejenigen in den Diskurs zu bekommen, auf deren Kosten das Ganze funktioniert. Im reichen Teil der Welt sitzen die Leute bald nur noch vor ihren Bildschirmen und führen Selbstgespräche. Keiner bewegt sich mehr, denn alles, was man braucht, bekommt man über Programme. Darunter bleibt dann nur noch das dumpfe Gemurmel derjenigen, die keinen Fernseher haben. Das ist die Utopie des Kapitalismus.

Heiner Müller, 1990

Lektüre lohnt sich

Müller bleibt sich selbst ähnlich, aber anders als vor einem halben Jahrhundert, anders als zu Zeiten des Mauerfalls auch, verschieben sich heute Lesarten. "Ich glaube an Konflikt. Sonst glaube ich an nichts", erklärt Müller 1982 seine Arbeitshaltung.

Ob die Forderung der "Unterprivilegierten" nach Teilhabe, "nach einem universalen Diskurs, der nichts auslässt und niemanden ausschließt", mit gendergerechten Sprachmasken, gewaltfreier Kommunikation und der grassierenden Therapeutisierung von gesellschaftlichen Widersprüchen wirklich aufzulösen ist – auch diese Frage steht neu zwischen Müllers Zeilen. Die Lektüre lohnt.

Zwei Zeitebenen

Heiner Müller
Heiner Müller Bildrechte: Matthias Thalheim

Hier entsteht etwas drittes, das über Müller im selben Moment zu sagen und wofür ihm zu danken ist. Seine unterm Brennglas gefassten Wirklichkeitsbilder sind nicht als publizistisches Nebengeschäft eines politisierenden Künstlers aufzufassen. Es sind Versuche, der Unordnung der Welt jenseits der Verwaltung durch Politik und Kunst eine Stimme zu geben.

Jede Zeit verschweigt ihre alten Sehnsüchte neu. Es gehört zur Stellenbeschreibung eines Klassikers, allen Generationen eigene Resonanzräume zu ermöglichen. Müllerbaukasten.de versammelt dafür Werkzeuge aus zwei Zeitebenen – der heutigen, die ohnehin in aller Lektüre steckt, und die der 60er-Jahre der DDR.

Heiner Müller verstehen

Müller schrieb damals an einer Fassung von Erik Neutschs Erfolgsroman "Spur der Steine". Sie heißt "Der Bau" und ist vielleicht Müllers unbekanntestes Stück. In der DDR kam es, wie die meisten seiner Dramen, erst mit 15 Jahren Verspätung auf die Bühne.

Im "Bau" gibt es eine wunderbar schillernde Figur, Oberbauleiter Belfert, ein Traum von einem Manager, gehetzt von Terminen "unterm Fuß der Zeit". Einem berufsbedingt optimistischen Parteisekretär erklärt er die Lage: "Ein Auto und ein Fahrrad in Flugzeug umbauen, während der Fahrt – das ist ungefähr unsere Aufgabe." Ich kann ihn leider gut verstehen. Sie auch?

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Screenshot Website Müller-Bau-Kasten 11 min
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MDR KULTUR Redakteure Stefan Kanis und Thomas Fritz im Gespräch mit Ilka Hein über ihre Idee, Heiner Müllers Werk und seine Aktualität fürs Internet aufzubereiten.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 20.03.2019 18:05Uhr 10:36 min

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Die Leipziger Agentur Alken & Sledz ist versiert darauf, komplexe Inhalte fürs Internet aufzubereiten. Zuletzt beim "Müllerbaukasten" von MDR KULTUR. Mareike Wiemann stellt Arbeit und Arbeitsweise vor.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 20.03.2019 18:05Uhr 03:34 min

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Heiner Müller 4 min
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Thomas Irmer versucht den Dramatiker und Schriftsteller Heiner Müller in kurzen Zeilen zu beschreiben und spricht über heutige Aufführungen und Interpretationen.

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Literaturempfehlungen: Heiner Müller: Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen. Eine Autobiographie, Köln: Kiepenheuer & Witsch 1994.

Heiner Müller: Gesammelte Irrtümer 1-3: Interviews, Gespräche und Texte aus zwanzig Jahren, Frankfurt/Main: Verlag der Autoren 2011

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. März 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. März 2019, 10:57 Uhr

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