Kinder spielen Fußball auf einer Straße
Spielende Kinder in der bulgarischen Stadt Sliwen Bildrechte: imago/Xinhua

Hilfsprojekt für Kinder "Musik statt Straße" gibt Ghetto-Kindern eine Chance

Musik kann das Leben verändern. Den Beweis liefert das Projekt "Musik statt Straße" des Geigers Georgi Kalaidjiev und seiner Frau Maria, das Roma-Kindern aus einem bulgarischen Ghetto Musikunterricht bietet – und ihnen so einen Ausweg aus dem von Armut und Kriminalität geprägten Ghetto-Alltag zeigt. Kürzlich waren die Kinder bei einer Konzertreise in Gera.

von Falk Müller, MDR KULTUR

Kinder spielen Fußball auf einer Straße
Spielende Kinder in der bulgarischen Stadt Sliwen Bildrechte: imago/Xinhua

Georgi Kalaidjiev ist bulgarischer Konzertgeiger. Er spielte Filmmusiken für Ennio Morricone ein, tourte als Solist durch die ganze Welt und lebt heute in Deutschland. Geboren ist er in Nadhezda, einem der größten Roma-Ghettos Bulgariens. 25.000 Menschen leben dort am Rande der Stadt Sliwen. "Damals war ich einer von den Burschen, die man heute auch dort auf der Straße sieht", erzählt Kalaidjiev. "Eine Chance gegeben hat mir meine Geige."

Auch die Schülerin Tsvetelina Hristova spielt seit neun Jahren Geige. Ihre Eltern meldeten sie in Georgis Hilfsprojekt "Musik statt Straße" an, obwohl bei den Roma traditionell nur Männer Instrumente spielen. Für die heute 16-Jährige eine Chance, den Zuständen im Ghetto zu entfliehen. "Überall ist Müll. Schreiende nackte Kinder und Straßenhunde rennen herum. Viele Betrunkene und viel zu laute Musik", so beschreibt Tsvetelina das Ghetto.

Kinder aus Nadhezda zu Gast in Gera

Kinder spielen Fußball auf einer Straße
Spielende Kinder in der bulgarischen Stadt Sliwen Bildrechte: imago/Xinhua

Bei einer Konzertreise besuchen 16 Kinder aus Nadhezda auch Sliwens Partnerstadt Gera. Dabei zeigen die Schüler, was sie bei "Musik statt Straße" gelernt haben. Die klassische Musikausbildung soll dazu beitragen, das Stigma zu überwinden, das in ihrer Heimat vorherrscht. "Ich bin Zigeunerin", erklärt Schülerin Tsvetelina, "aber ich schäme mich nicht dafür. Ich will zeigen, dass es auch gute Zigeuner gibt."

Mädchen haben es in Nadhezda besonders schwer aufzusteigen. Oft werden sie sehr jung verheiratet und bleiben ohne Ausbildung, so Tsvetelina: "Dann werden sie Hausfrau und bekommen Kinder."

"Musik statt Straße" bietet Kindern eine echte Perspektive

"Musik statt Straße" ist zum vierten Mal zu Gast in Gera. Schon vor Jahren hat sich der damalige Stadtrat Bernd Krüger dafür eingesetzt. Er organisiert Konzerte und ein buntes Programm.

Die Kinder hätten Freude an dem Musikprojekt, sagt Krüger: "Das begeistert sie und das ist für sie sicher ein Ansporn zu sagen, es lohnt sich, etwas mit sich selbst zu machen, sich Mühe zu geben." "Musik statt Straße" gebe ihnen die Chance, aus den schwierigen Verhältnissen von Nadhezda herauszukommen.

Ich möchte ihnen Mut und Motivation geben. Und einen guten, richtigen Weg in ihrem Leben, damit sie verstehen und begreifen, dass Nadhezda, diese Prinzipien, diese Traditionen nicht das Einzige sind in ihrem Leben. Es gibt etwas Wunderschönes, Besseres in unserer Welt. Das versuche ich ihnen zu zeigen. Ich glaube, dass ich das schaffe!

Georgi Kalaidjiev, Leiter des Projekts "Musik statt Straße"

Georgi und seine Frau Maria haben bisher 300 Kindern mit der Musik die Perspektive auf ein Leben außerhalb des Ghettos gegeben. Das Projekt ist ihr Lebenswerk. In Deutschland werben sie um Spenden. In Bulgarien kümmern sie sich um die Familien der Kinder. Und das Wichtigste: Sie besorgen Musikinstrumente für die Schüler, die diese sich sonst nicht leisten könnten.

"Ich hätte nie gedacht, dass ich Geige spielen kann", erzählt die Schülerin Tsvetelina Hristova. "Dann habe ich es einfach probiert." Geiger Georgi Kalaidjiev habe ihr dann vom Konservatorium erzählt.

Und jetzt bin ich tatsächlich dort und merke, dass ich ein ganz neues Leben haben kann. Ich möchte nie wieder nach Nadhezda zurück. Ich möchte Musik studieren. Im Orchester spielen, auch als Solistin.

Tsvetelina Hristova, Schülerin und Teilnehmerin des Projekt "Musik statt Straße"

In Gera haben die Kinder dieses Jahr zwei Konzerte gegeben. Für die Geraer ist das Projekt eine Gelegenheit, Menschen aus einem Teil Europas kennenzulernen, von dem nur wenig bekannt ist. Für die Kinder aus Nadhezda ist es eine riesige Chance.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 22. August 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. August 2019, 04:00 Uhr

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