Cocktails schlürfen: ja, tanzen: nein Corona-Lockerungen: Keine Erleichterung für Musikclubs in Sachsen

Tanzen, schwitzen, feiern – die Nacht im Club durchtanzen gehört für Manchen zum Abschalten am Wochenende dazu. Mit dem Coronavirus fand auch das Nachtleben ein jähes Ende. Seit Ende Juni dürfen in Sachsen die Musikclubs zwar wieder öffnen, gemeinsam ausgelassen tanzen bleibt aber weiter tabu. MDR KULTUR hat sich umgehört, wie Clubbetreiber in Sachsen mit der derzeitigen Situation umgehen.

Tanzende Partygäste anlässlich einer Techno-Party im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.
Die Nacht durchtanzen: Corona hat auch den Partygängern einen Strich durch Rechnung gemacht. Bildrechte: imago/David Heerde

Die Distillery, Leipzigs legendärster Techno-Schuppen. Wer ihn dieser Tage besucht, sollte zunächst eine Maske aufsetzen. Am Eingang kann man seine Kontaktdaten hinterlassen – freiwillig, zur möglichen Infektionsnachverfolgung. Dahinter führt der Weg hin zum neuen Freisitz. Im Sitzen darf man die Maske abnehmen, Cocktails schlürfen und DJs lauschen. Club-Inhaber Steffen Kache erklärt: "Das ist die einzige Möglichkeit, die aktuell für uns besteht. Unter freiem Himmel geht es, Indoor geht es nicht." Immerhin: Das Angebot werde gut angenommen.

Kaum Verbesserungen durch die neue Verordnung

Menschen unter einem Zeltdach vor einer Bar am Abend.
Außenbereich der Distillery in Leipzig – dem ältesten Techno-Clubs Ostdeutschlands Bildrechte: MDR/Lars Tunçay

Wie die Distillery so haben viele Clubs in Sachsen umgesattelt: auf Biergärten, Straßenverkäufe oder auch Musik im Netz. So wird es auf absehbare Zeit auch bleiben, denn die neue Corona-Schutzverordnung, die seit 18. Juli in Kraft ist, hat den Clubs kaum Verbesserungen gebracht. Das bestätigt neben Steffen Kache auch Mirko Glaser, Leiter des Jazz-Clubs Blue Note in Dresden: "Es hat sich nichts verändert", sagt er resigniert. Kleine Clubs würden davon leben, dass die Musiker mitten in den Menschen spielen. "Deswegen ist die neue Schutzverordnung für uns nach wie vor nicht zufriedenstellend."

Der Mindestabstand sei in seinem Club nicht einzuhalten, so Glaser weiter. Die Räume seien zu eng. Für die geltenden Regeln äußert er zwar grundsätzlich Verständnis. Manches aber sieht er nicht ein:

Wenn Feierlichkeiten im Familienkreis mit bis zu hundert Personen zugelassen sind, dann ist es absurd, kleine Clubs, die 50 bis 100 Leute aufnehmen können, davon auszuschließen, Veranstaltungen machen zu können.

Mirko Glaser, Inhaber des Jazz-Clubs Blue Note in Dresden

Zwischen Zynismus und Galgenhumor

Viele Clubs in Sachsen stehen kurz vor der Pleite; nur dank Staatshilfen können sie überleben. Das macht sich auch im Klubnetz Dresden bemerkbar, einer Interessenvertretung. Die Stimmung unter den Mitgliedern changiert zwischen Zynismus und Galgenhumor, berichtet Verbandsmitglied Felix Buchta. Von der neuen Corona-Schutzverordnung hätten sich alle mehr erhofft.

Vor allem bemängelt Buchta, dass man "nach wie vor nur bestuhlte Veranstaltungen machen kann." Dabei wird in manchen Städten schon über Open-Air-Tanzveranstaltungen nachgedacht, zum Beispiel in Leipzig, wo ein Teil der Festwiese als Tanzfläche im Gespräch ist. Allerdings ist fraglich, ob sich die Idee in Sachsen derzeit umsetzen lässt. Denn die Corona-Schutzverordnung untersagt sogenannte "Tanzlustbarkeiten". Felix Buchta wundert das:

Felix Buchta
Felix Buchta, Mitbetreiber des "objekt klein a" in Dresden Bildrechte: Felix Buchta

Für mich ist es nicht nachvollziehbar, warum man nicht auch in demselben Abstand an der frischen Luft tanzen sollte, wie man beisammensitzt an der Biertischgarnitur. Das leuchtet nicht so richtig ein.

Clubbing ist "geplanter Regelverstoß"

Die Corona-Schutzverordnung gilt noch bis zum 31. August – und damit auch das Tanzverbot für Clubs. Wie es danach weitergeht? Neben Open-Air gibt es weitere Ideen für Corona-konforme Tanz- und Konzertveranstaltungen: Die Besucher könnten Abstand halten oder Masken tragen. Ginge das auch in der Leipziger Distillery? Betreiber Steffen Kache schüttelt den Kopf. Irgendwann um vier, wenn der Alkoholpegel gestiegen ist, würde sich niemand mehr daran halten. Außerdem sei so ein Club-Abend "im Prinzip der geplante Regelverstoß. Jeder der einen Club-Abend kennt, weiß, Leute tanzen eng zusammen. Es geht um Körperlichkeit, es geht darum, sich nah zu sein."

Nachtschwärmer und Szenegänger dürfen also noch hoffen: auf  Freiluftpartys im Spätsommer. Aber bis zu einem Nachtleben, so intensiv wie vor Corona, ist es noch ein weiter Weg.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juli 2020 | 06:15 Uhr