Chefin stellt neues Leitbild vor Wie sich die Klassik Stiftung Weimar für die Zukunft aufstellen will

Die Klassik Stiftung Weimar hat seit August vergangenen Jahres mit Ulrike Lorenz eine neue Chefin. Sie hatte beim Amtsantritt angekündigt, dass ein frischer Wind durch die Stiftung ziehen werde, dass sie politischer werden und sich hin zur Stadtgesellschaft bewegen solle. Nun wurde bei einer Pressekonferenz konkret über die Neuausrichtung der Stiftung informiert. Einschätzungen dazu von Thüringen-Korrespondentin Mareike Wiemann.

Ulrike Lorenz, neue Präsidentin der Klassik Stiftung Weimar, posiert vor einer Pressekonferenz.
Ulrike Lorenz bei ihrem Amtsantritt im August 2019. Bildrechte: picture alliance/dpa

MDR KULTUR: Was war das heute – der große Wurf, alles neu bei der Klassik Stiftung?

Mareike Wiemann: Nein, da war man weit von entfernt. Es wurde eher deutlich, dass all die Dinge, die Ulrike Lorenz seit ihrem Amtsantritt angekündigt hat, nun eben in eine schriftliche Form gegossen wurden. Die Stiftung hat sich etwa ein neues Leitbild gegeben, zudem wurden zwei neue Stabsstellen eingerichtet. Hier handelt es sich also eher um strukturelle Umorganisationen, die nach außen keinen unmittelbaren Effekt haben.

Um was geht es denn im neuen Leitbild?

Das Stadtschloss bzw. Residenzschloss von Weimar
Das Stadtschloss von Weimar Bildrechte: MDR/Sebastian Großert

Früher stand hier immer das Bewahren des historischen Erbes im Vordergrund. Das spielt natürlich immer noch eine große Rolle. Neu ist, dass die Frage nach den Rezipientinnen und Rezipienten immer wichtiger wird. Also: Wen wollen wir mit unseren Inhalten erreichen? Wie kommen wir an die Leute ran? Und wie öffnen wir diesen immer noch relativ elitären Ring, der um die Stiftung kreist? Diese Fragen sollen künftig bei allen Angeboten mitgedacht werden.

Im Ergebnis können dann zum Teil ganz banale Dinge verändert werden, zum Beispiel, dass die Eingangsbereiche der Museen zu "Wohlfühlorten" umgestaltet werden, an denen man sich hinsetzen und etwas trinken kann. Ein großes Projekt in punkto Bürgernähe ist das Weimarer Stadtschloss, dieses soll in den kommenden Jahren zum Bürgerforum umgebaut werden, wie nun angekündigt wurde: mit zwei Bildungsstätten, in denen man in den Austausch miteinander treten kann.

Gerät die Spitzenforschung, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Erbe der Weimarer Klassik angesichts dieser Fokussierung ins Hintertreffen?

So wie ich es wahrnehme, ist ein konkretes Anliegen der Klassik Stiftung, zu zeigen, dass sich diese zwei Punkte nicht ausschließen. Also, dass Wissenschaftler nicht dümmer werden, wenn sie ihre Arbeit auch in die Breite streuen, um es mal platt zu formulieren.

Helmut Heit
Helmut Heit Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Helmut Heit, bislang Leiter des Kolleg Friedrich Nietzsche, nun zum Leiter des neuen Stabsreferats "Forschung & Kolleg" befördert, machte deutlich, dass die Forschung der Stiftung künftig einen viel stärkeren Gegenwartsbezug haben und auch an Zukunftsfragen arbeiten soll. So sollen verstärkt junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt angelockt werden, um in Weimar zu arbeiten. Man wolle so aus der "Einfalt einseitiger Wahrnehmungen heraustreten und Räume schaffen, in denen das Gespräch über neue Utopien möglich wird", so formulierte es Heit bei der Pressekonferenz.

Utopien können wir gebrauchen in der Pandemie, in der medizinethische Fragen die Gesellschaft spalten. Ist das nicht geradezu eine Steilvorlage für die neuausgerichtete Klassik Stiftung, die sich doch bewusst einmischen will?

Das könnte man meinen, bislang hat sich die Stiftung aber nicht zu dieser Thematik geäußert. Ulrike Lorenz verwies bei der Pressekonferenz darauf, dass man natürlich die eigenen Programme in diese Richtung weiter treiben wolle, "urteilsfähig und differenzierungsfähig" zu werden.

Sie erklärte jedoch auch, dass man nicht "jeder Aufregung in der Gesellschaft sofort die Stirn bieten" könne. Diese Antwort hat mich enttäuscht: Man kann herauslesen, wie schwerfällig sich die Stiftung nach wie vor bewegt und den Entwicklungen hinterherrennt. Schade finde ich auch, dass Ulrike Lorenz sich nun, wo es eine konkrete Debatte gibt, die bei weitem keine kleine Aufregung ist, nicht so diskursfreudig äußert, wie sie das noch im vergangenen Jahr angekündigt hat.

Die Fragen stellte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Klassik Stiftung Weimar

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2020 | 16:15 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei