Zum 65. Geburtstag Nina Hagen, die Diva des Punk

Nina Hagen ist einer der wenigen deutschen Weltstars. Von ihrer Mutter Eva Maria Hagen und Ziehvater Wolf Biermann wurde sie früh in die Künstlerszene der DDR eingeführt. Die größten Erfolge hatte sie dann nach ihrer Übersiedlung in den Westen. Nun wird die Sängerin 65 Jahre alt.

Nina Hagen singt im DDR-Rundfunkstudio.
Nina Hagen 1974 in einem DDR-Rundfunkstudio Bildrechte: imago/Gueffroy

"Vielleicht freuen sich die Leute, dass eine Frau mal ein paar Faxen macht auf der Bühne", sagt Nina Hagen im November 1974 nach einem Auftritt mit der Band "Automobil" in der Jugendsendung "Rund" im DDR-Fernsehen.

Faxen auf der Bühne macht Nina zum ersten Mal mit 15, an der Seite ihrer Mutter, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen. In Annaberg-Buchholz wird da Cole Porters "Can-Can" gegeben. Ninas Vater ist der Drehbuch-Autor Hans Hagen. Der Stiefvater, der regimekritische Liedermacher Wolf Biermann, bringt ihr das Gitarrenspiel bei. 1974 landet sie ihren ersten großen Erfolg, ein Kult-Hit noch Jahrzehnte später: "Du hast den Farbfilm vergessen".

Die 19-jährige Nina hat schon einiges hinter sich: Suizidversuch aus Liebeskummer, Abtreibung, gescheiterte Republikflucht über Polen. Ein Schauspielstudium wissen die Staatsoberen zu verhindern. Schließlich landet sie bei der Gruppe "Automobil". Nebenher hat sie Filmaufritte. Doch die so verheißungsvoll beginnende DDR-Karriere endet jäh.

Als die SED-Spitze 1976 Wolf Biermann ausbürgert, drängt man auch Eva-Maria Hagen und Nina aus dem Land. Im Rückblick für die Sängerin folgerichtig, wie sie 1983 sagt:

Ich musste weg. Ich wollte sowieso mal die Welt sehen. Ich wollte schon in der DDR weltberühmt werden. Und zur Welt gehört nun mal Japan, China, Amerika, Sowjetunion.

Nina Hagen

Nina Hagen – ein Leben in Bildern

Die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen mit ihrer kleinen Tochter Nina auf dem Arm im Sommer 1957 in Ost-Berlin in der DDR.
Die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen mit ihrer kleinen Tochter Nina auf dem Arm im Sommer 1957 in Ost-Berlin Bildrechte: dpa
Die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen mit ihrer kleinen Tochter Nina auf dem Arm im Sommer 1957 in Ost-Berlin in der DDR.
Die Schauspielerin und Sängerin Eva-Maria Hagen mit ihrer kleinen Tochter Nina auf dem Arm im Sommer 1957 in Ost-Berlin Bildrechte: dpa
Nina Hagen singt im DDR-Rundfunkstudio.
Erste schritte zur eigenen Weltkarriere: Nina Hagen 1974 in einem DDR-Rundfunkstudio Bildrechte: imago/Gueffroy
Nina Hagen, 1975
Die Vorliebe für extravagante Kleider entstand schon früh: Nina Hagen im Jahr 1975. Bildrechte: imago images / Mary Evans
Nina Hagen mit ihrer Band am 03. Oktober 1978 in Berlin.
Im Westen wurde sie dann Teil der Punk-Bewegung – und gründete in Berlin die Nina Hagen Band. Hier ein Bild von 1978. Bildrechte: dpa
Sängerin Nina Hagen, die 1976 aus der DDR ausgebürgert wurde, im Juli 1980 in Soho in New York.
Nina Hagen im Juli 1980 in Soho in New York – vier Jahre nach ihrer Übersiedlung in den Westen. Bildrechte: dpa
Nina Hagen, 1986
Auch eine Phase mit kurzen Haaren gab es: eine Aufnahme von 1986. Bildrechte: imago images / BRIGANI-ART
Nina Hagen, 1992
Ungewohnt konservativ: Nina Hagen 1992 Bildrechte: imago images / teutopress
Rockröhre Nina Hagen
Nina Hagen bringt stets Farbe in TV-Talkshows – hier 1999 im MDR Riverboat. Bildrechte: dpa
Cosma Shiva Hagen und Nina Hagen posieren für ein Foto.
Nina Hagen und Cosma Shiva Hagen 2004. Bildrechte: dpa
Die Sängerin Nina Hagen tritt am 26.04.2015 im Ohnsorg-Theater in Hamburg während des Literaturfestivals "Lesen ohne Atomstrom" zu Ehren des kürzlich gestorbenen Schriftstellers Günter Grass auf.
Die Sängerin Nina Hagen 2015 im Hamburger Ohnsorg-Theater Bildrechte: dpa
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Prägende Zeit mit der Nina Hagen Band

Zunächst schaut sich Nina Hagen in London um, wo gerade der Punk entsteht. In Westberlin trifft sie dann 1978 auf Musiker der Polit-Rock-Gruppe "Lokomotive Kreuzberg". Die "Nina Hagen Band"entsteht, gemanagt von Fotograf Jim Rakete. Und, so resümiert Musikkritiker Andrian Kreye im Juli 2010 in der "Süddeutschen Zeitung", das erste Album der Hagen-Band, hat "auf deutsche Teenager eine ähnlich elektrisierende Wirkung … wie beispielsweise das weiße Album der Beatles auf ihre Eltern oder das Debüt von The Clash auf ihre englischen Zeitgenossen."

Aus der Ost-Rock-Röhre Hagen wird die "Mother of Punk", wild und ungestüm im Auftreten, ungewohnt direkt in der Sprache – Deutsch, keine Selbstverständlichkeit im Westen. Auch international sorgt sie für Aufmerksamkeit. Das Musikblatt "Melody Maker" fragt im Juni 1979: "Kann Nina Hagen Deutschlands wichtigster Beitrag zur radikalen Popkultur seit Brecht werden?"

Allerdings: Während der Arbeit an der zweiten Platte zerstreiten sich Sängerin und Musiker. Aus der Hagen-Band wird Spliff. Nina Hagen selbst etabliert sich als einer der schrillsten Pop-Stars Deutschlands. Auch als Schauspielerin und Synchronsprecherin arbeitet sie erfolgreich.

Von der Sängerin zur Krawallschachtel

Als Sängerin indes gelangt sie nur noch selten in die Chart-Höhen früher Tage. Hagens künstlerische Qualität und Originalität werden seit langem überstrahlt, wie 2010 Kritiker Andrian Kreye in der "Süddeutschen Zeitung" schreibt – von ihrem Image einer "Krawallschachtel, die immer dann in eine Talkshow eingeladen wird, wenn man mal jemanden braucht, … der telegen auffälliges Sozialverhalten garantiert. … Man muss das Fernsehen dafür hassen, weil es Deutschlands einzig echten Superstar, der in New York, London und Paris immer noch viel gilt, in der Heimat unmöglich gemacht hat."

Vom vergessenen Farbfilm bis heute hat Nina Hagen vieles gesungen: Country, Gospel, Swing, Jazz, Opern-Arien oder Brecht. Und vermutlich ist sie noch nicht fertig. "Man kann doch als Künstler des Volkes bis zum letzten Atemzug noch singen und Repertoire schaffen", so Hagen 2010.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. März 2020 | 06:40 Uhr

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