Notre-Dame
Die Fassade von Notre-Dame de Paris kommt erst durch den Vorplatz zur Geltung. Hier eine Aufnahme aus der Zeit vor dem verheerenden Brand. Bildrechte: imago images / PanoramiC

Architekturgeschichte Notre-Dame: Eine Ikone der Gotik

Notre-Dame de Paris ist eine der berühmtesten Kirchen der Welt. Durch einen Brand am Montagabend wurden große Teile der Kathedrale schwer beschädigt. Am Dienstag gelang es, das Feuer zu löschen. Weltweit wurde zu Spenden für den Wiederaufbau aufgerufen, bis jetzt konnten bereits 600 Millionen Euro bereitgestellt werden. Notre-Dame gilt für viele Menschen als Wahrzeichen von Paris. Aber welche Bedeutung hat der Bau künstlerisch betrachtet? Der Architekturhistoriker und Publizist Nikolaus Bernau erklärt im Interview, warum Notre-Dame einzigartig ist.

Notre-Dame
Die Fassade von Notre-Dame de Paris kommt erst durch den Vorplatz zur Geltung. Hier eine Aufnahme aus der Zeit vor dem verheerenden Brand. Bildrechte: imago images / PanoramiC

MDR KULTUR: Notre-Dame bewegt so viele, man hat das Gefühl, es ist natürlich eine der großen Weltkirchen. Aber stimmt es, dass diese große Kirche auch ein Monument der Architekturgeschichte ist?

Nikolaus Bernau: Sie ist auf jeden Fall ein Monument der Architektur-Geschichtsschreibung. Weil vieles von dem, was wir heute mit Gotik verbinden, mit der Idee, wie sich diese Architekturrichtung des hohen Mittelalters entwickelt hat, wie sie sich ausgebreitet hat in einer atemberaubend kurzen Zeit über ganz Europa – oder zumindest über das ganze westliche Europa –, das verbindet sich immer wieder mit den Rekonstruktionen und den Überlegungen, wie sich die Architektur der Notre-Dame de Paris entwickelt hat.

Und das hängt ganz viel damit zusammen, dass Notre-Dame de Paris eine ganz besonders systematisch entwickelte Kirche ist. Es ist, wenn man so will, eine Kirche der Architekten und deswegen auch der Künstler geworden. Weil sie weit mehr als, sagen wir, die Kathedralen in Reims oder in Amiens eine Kirche ist, die man wirklich in Plänen sehr genau fassen kann, und die sehr genau entwickelt wurde aus einzelnen Bausteinen, die zusammengefügt sind und dann zusammengenommen ein wirklich großartiges Raum- und ästhetisches Erlebnis geboten haben und ja im Grunde genommen auch heute noch bieten. Selbst ohne das große Dach ist das eine Ruine, die ist phänomenal offensichtlich.

Sie sagten, es ist eine systemisch errichtete Kirche, nach System errichtet. Diese Kirche steht auch in einem System der Kathedralen. Wie sehen Sie die denn da: Notre-Dame als Teil einer Linie, deren Anfang Notre-Dame aber nicht ist. Da gibt es eben auch noch die anderen großen. Wie hängt das zusammen?

Alle diese Kathedralen hängen in irgendeiner Form zusammen mit den Königshäusern der Kapetinger oder der Valoire, die versuchten, vor allem gegen die Engländer und die Burgunder zu zeigen: Wir sind das eigentliche Frankreich. Wir sind die starke Macht im Herzen Frankreichs. Und das wurde eben über diese Kathedralen ausgedrückt.

Notre-Dame de Paris ist da insofern eine besondere Kirche, weil es eben auch gleichzeitig eine Stadtkirche war immer und besonders systemisch entwickelt wurde. Die anderen Kirchen wurden sehr monumental gestaltet. Vor allem die in Reims oder in Amiens. Das sind Kirchen, die sollten von vornherein zeigen: Wir sind viel mehr, als für unsere kleine Stadt eigentlich angemessen ist. (…)

Notre-Dame de Paris war eben die Bischofskirche der wichtigsten Stadt Frankreichs und zeigte dadurch mit ihrer Architektur: Wir sind auch in der Lage, das ganze Land gut zu organisieren und gut zu verwalten. Deswegen eben auch dieser atemberaubende Systematismus. Also dass man wirklich die ganze Chor-Anlage genau zentriert über dem Hauptaltar. Oder diese Fassade, die völlig entwickelt ist aus einigen Quadraten, die ineinander geschoben sind. Das ist total faszinierend, schon wenn man es selber mal zeichnet. Und wenn man es dann gezeichnet sieht, ist es noch faszinierender.

Sie würden tatsächlich sagen, dass es also ein bürokratisch-technisches Element ist, was Zeichen geworden ist und all diese Dinge, die Sie angedeutet hatten, dann auch ausdrücken sollte?

Auf jeden Fall das. Aber eben eine unglaubliche künstlerische Verfeinerung dabei. Es ist überhaupt keine Bürokraten-Architektur, sondern sie ist mit kleinsten Elementen teilweise, also dass man hier irgendwo mal eine neue Phase einsetzt, oder dort das Gewölbe ein bisschen aufweitet, oder die Lichter etwas höher setzt, ist es immer wieder eine Architektur, die irre spannend ist. Weil sie nicht erstarrt ist.

Sondern sie bewegt sich, das Licht fällt von immer neuen Situationen ein, auch wenn die Systematik des Lichtes ganz durchgehalten ist durch den ganzen Raum. Das ist eine Architektur, die wirklich zeigen kann, was bedeutet System einerseits. Aber was bedeutet auch das Detail im System. Dass nämlich erst das Detail ein System überhaupt erträglich machen kann.

Und wenn Sie dann diese Architektenkirche, von der Sie gerade so schön geschwärmt haben, Notre-Dame, dann neben die anderen großen Kirchen dieser Welt stellen, also den Petersdom, oder den Dom von Florenz, St. Paul's Cathedral in London oder eben den Kreml in Moskau?

Das ist eben ganz typisch, dass Sie diese Beispiele genommen haben. Weil das sind nämlich alles Orte, die erst durch ihre Wahrnehmung wirklich große Bedeutung bekommen haben. Also für das Mittelalter beispielsweise war die Kathedrale von Reims wichtiger als die Kathedrale von Paris. Der Dom von Florenz ist wichtig geworden durch unsere Wahrnehmung der Renaissance. Der Kreml in Moskau ist wichtig geworden absurderweise durch die Eroberung durch Napoleon. (…) Ich glaube, das ist eine Sache, die man ganz streng zu trennen versuchen sollte wenigstens, obwohl sie kaum zu trennen ist. Nämlich einerseits die reale kunsthistorische Bedeutung eines Gebäudes wie der Notre-Dame im Rahmen eines Systems von Kathedralen beispielsweise. Und das andere ist unsere Wahrnehmung dieser Kathedrale.

Völlig faszinierend, gerade bei Notre-Dame: Ohne die Freilegung des Vorplatzes durch Napoleon I. für die Kaiserkrönung 1804 wüssten wir gar nicht, was für eine großartige Fassade das ist. Dann würde die nämlich noch immer an einem ganz kleinen Plätzchen stehen. Dadurch wurde die erst überhaupt berühmt. Oder durch die Freilegung des ganzen Süd-Schiffes und der ganzen Südseite hin zur Seine konnte die ja überhaupt erst durch die ganzen Maler und Fotografen vor allem und durch die ganzen Filmer immer wieder dargestellt werden in immer neuem Licht und ist erst dadurch zu so einer Ikone der Gotik geworden und damit auch des Fortschrittsglaubens – weil die Gotik war eben ein immenser Innovationsfaktor in der westeuropäischen Kultur.

Wie groß sind die Probleme beim Wiederaufbau von so einer riesigen gotischen Kirche?

Der große Vorteil ist der: Es ist eine gotische Kirche. Das heißt, es ist ein Systembau. (…) Und wenn wir uns angucken, dass im Zweiten Weltkrieg praktisch alle mitteleuropäischen Kirchen in irgendeiner Weise entweder schwer beschädigt oder sogar zerstört wurden und gerade die gotischen sehr schnell und sehr effizient wieder aufgebaut werden konnten – die waren bis Mitte der 50er-Jahre fast alle wieder hergestellt – muss man sich glaube ich um Notre-Dame de Paris keine Sorgen machen.

Der große Verlust, der auf jeden Fall zu konstatieren ist, das ist der Dachstuhl. Und dieser Dachstuhl war einmalig. Ich habe das große Glück gehabt, da zweimal drin gewesen zu sein – das war ein unglaubliches Erlebnis, in einem Dachstuhl zu stehen, der 800 Jahre alt ist und mit Bäumen konstruiert wurde, die gibt es in dieser Form heute in ganz Europa nicht mehr.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderator Carsten Tesch.

Notre-Dame: ein architektonisches Meisterwerk

Notre-Dame wurde ab 1163 errichtet und markiert in ihrer Architektur den Übergang von der Romanik zur Gotik. Vielen gilt sie als Inbegriff von Frankreichs Kathedralen - ein Überblick.

Notre-Dame
Notre-Dame de Paris ("Unsere Liebe Frau von Paris") ist die Kathedrale des katholischen Erzbistums Paris. Charakteristisch sind vor allem die beiden 69 Meter hohen Türme. Das Gebäude steht auf der Île de la Cité, einer kleinen Insel im Fluss Seine. Bildrechte: imago images / PanoramiC
Notre-Dame
Notre-Dame de Paris ("Unsere Liebe Frau von Paris") ist die Kathedrale des katholischen Erzbistums Paris. Charakteristisch sind vor allem die beiden 69 Meter hohen Türme. Das Gebäude steht auf der Île de la Cité, einer kleinen Insel im Fluss Seine. Bildrechte: imago images / PanoramiC
Besucher in der Kathedrale Notre-Dame
Das Kirchenschiff bietet bis zu 10.000 Personen Platz. Im Inneren ist es 130 Meter lang, 48 Meter breit und 35 Meter hoch. Bildrechte: imago images / ZUMA Press
Notre-Dame - Skulpturengruppe und Rosette des Kirchenfensters
Die Geschichte der Kathedrale reicht bis ins Jahr 1163 zurück, als der Bau unter Bischof Maurice de Sully begann. Es dauerte rund 200 Jahre, bis verschiedene Bauphasen und Erweiterungen abgeschlossen waren. Bildrechte: imago/imagebroker
Bleiglasfenster Rosette des nördlichen Querschiffs in der Kathedrale Notre Dame von Chartres
In der Architektur erkennt man deswegen den Übergang von der Romanik zur Gotik: Zu Beginn wurde der Chor im romanischen Stil errichtet, später wurden zunehmend technische Möglichkeiten und Stilmittel der Gotik eingesetzt. Fensterrosen beispielsweise sind vor allem in gotischen Kirchen zu finden.  Bildrechte: imago/imagebroker
Blick vom Notre-Dame über das verschneite Paris
Notre-Dame ist berühmt für die unheimlichen Grotesken und Wasserspeier der "Galerie des Chimères",  die von der oberen Balustrade auf die Stadt hinabblicken. Die heutigen Figuren sind allerdings Nachbildungen aus dem 19. Jahrhundert. Bildrechte: imago/ZUMA Press
Skulpturenstein zeigt den Kopf von König David.
1793 wurde das Bauwerk von Frankreichs Revolutionären geplündert und verwüstet. Die Kirche wurde entweiht und zum "Tempel des höchsten Wesens", der Vernunft, erklärt. In den Folgejahren verfiel die Kathedrale zunehmend. Diese Büste des Königs David von Juda wurde zerstört, weil die Revolutionäre dachten, es handele sich bei ihm um einen früheren französischen Herrscher. Bildrechte: imago images / ZUMA Press
Gemälde - Die Krönung des Napoleon.
1802 gestattete Napoleon die erneute liturgische Nutzung der Kirche. Zwei Jahre später ließ er sich hier zum Kaiser krönen. Bildrechte: imago/United Archives International
Szene aus - ''Der Glöckner von Notre Dame''.
Mit seinem 1831 erschienenen Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" verewigte Victor Hugo die Kathedrale in der Literatur. Durch die Geschichte wurde sie auch in der Bevölkerung wieder beliebter. Hier eine Szene aus dem Film von 1956 mit den Darstellern Gina Lollobrigida und Anthony Quinn. Bildrechte: imago/United Archives
Dornenkrone Christi - Passionsreliquien in der Notre Dame-Kathedrale in Paris.
In Notre-Dame wurde bis zum Brand eine der wichtigsten katholischen Reliquien aufbewahrt: die Dornenkrone, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll. Die Krone sowie weitere wertvolle Kunstschätze konnten aus dem Feuer gerettet werden. Bildrechte: imago/robertharding
Kathedrale von Notre-Dame vor dem Feuer.
Der schlanke Vierungsturm der Kathedrale, der etwa 93 Meter in die Höhe reichte, stürzte beim Großbrand jedoch ein. Bildrechte: imago images / ZUMA Press
Stahlrohre eines Baugerüstes hüllen die Kathedrale Notre Dame ein.
Vor dem Brand befand sich die Kathedrale in einem schlechten baulichen Zustand. Witterung und Luftverschmutzung hatten ihr über die Jahre schwer zugesetzt, an vielen Stellen bröckelte zuletzt die Bausubstanz. Erst vor kurzem war mit einer umfassenden Sanierung begonnen worden. Bildrechte: dpa
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Christoph Markschies 7 min
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Notre Dame in Flammen 7 min
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Ein Sprinkleranlage 7 min
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Ein Interview mit dem Erfurter Dombaumeister Andreas Gold über die Möglichkeiten, Kirchen vor Feuern zu schützen.

MDR KULTUR - Das Radio Di 16.04.2019 18:05Uhr 06:46 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Szene aus - ''Der Glöckner von Notre Dame''. 6 min
Bildrechte: imago/United Archives

Ein Beitrag von Barbara Vinken.

MDR KULTUR - Das Radio Di 16.04.2019 18:05Uhr 06:24 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. April 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. April 2019, 09:46 Uhr

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