Interview mit NT-Intendant Matthias Brenner "Wolfgang Winkler hatte ein Leben wie eine Achterbahnfahrt"

Schauspieler Wolfgang Winkler war vor allem als schnauzbärtiger Ermittler Herbert Schneider im "Polizeiruf" bekannt. Doch auch der Theaterbühne blieb er bis ins hohe Alter treu. Vor vier Jahren war er am Neuen Theater Halle in einer Rolle in "Warten auf Godot" zu sehen. Schauspielintendant Matthias Brenner im Gespräch bei MDR KULTUR über die Person Wolfgang Winkler, den Verlust seines Freundes und wie die Bühnen in Halle an den Schauspieler erinnern wollen.

Schauspieler Wolfgang Winkler als Hauptkommissar Herbert Schneider
Schauspieler Wolfgang Winkler als Hauptkommissar Herbert Schneider Bildrechte: MDR/Steffen Junghans

MDR KULTUR: Herr Brenner, Sie haben in einem Interview gesagt, Wolfgang Winkler hatte eine ganz besondere Präsenz, wenn er in der Theaterkantine war. Was genau für eine Präsenz war das?

Matthias Brenner: Wenn er als Gast zu uns kam, suchte er sich meistens erstmal den Weg zur Kantine, um einfach Menschen und Kollegen zu begegnen. Wenn er mit seinem Hut an der Theke stand oder am Tisch saß, wusste ich, das wird heute ein längeres Gespräch – vor der Vorstellung, nach der Vorstellung, einfach um sich über das Leben auszutauschen und darüber, wie er so denkt. Denn Wolfgang Winkler hat sich immer mit uns – mit dem Neuen Theater – auseinandergesetzt. Er war uns immer treu geblieben. Er hat die gesamte Zeit, die ich dort war, als fernstehender und nahseiender Freund begleitet.

Wenn er da war und im Publikum saß, hatte man da Angst vor seinem Urteil?

Angst würde ich nicht sagen, Respekt würde ich es schon nennen. Es waren tolle Momente, wenn er in sich reingrummelte und sagte 'Wir reden später' oder wenn er drauf losging und sagte 'Was trinkst du?'. Dann wusste man schon, es ist alles gut verlaufen.

Vor seinem Leben habe ich tiefsten Respekt. Es war eine Achterbahnfahrt, die ich ungeheuerlich finde. Und er hat diese Achterbahnfahrt nie vor sich hergetragen, nie irgendwelchen Rummel damit veranstaltet.

Er hatte eine sehr spezielle Karriere – zwischen Pechvogel und Glückskind, so haben wir es auch über ihn gehört. Was waren denn die Pechvogelmomente?

Der Schauspieler Matthias Brenner posiert am 16.06.2015 in Bremen am Rande der Dreharbeiten zum neuen Bremer "Tatort"-Krimi "Der hundertste Affe" (AT).
Schauspieler und Intendant Matthias Brenner Bildrechte: dpa

Wenn ich als junger Schauspieler die Gelegenheit kriege, eine Hauptrolle in einem Kinofilm zu spielen und drehe diesen Film mit einem Regisseur und einer tollen Mannschaft und dann kommt der Film nicht. Das war bei "Das Kanninchen bin ich" der Fall. Der Film "Leichensache Zernik" ist noch so eine Tragödie. Da hat er gespielt und der Regisseur verstarb einfach. Drei- oder viermal war das so. Es wurde schon gesagt, er zieht das irgendwie an.

Andererseits lebte er zunächst den Ur-Traum vieler Jungs – es wird ja immer gesagt: 'Ich werde Lokführer'. Nun wird er das und gründet blöderweise dort ein Kabarett. Und man merkt, er ist besser aufgehoben, wenn er ans Theater geht. Was er dann auch tat und dann eben ein Theaterpferd war ohne Ende.

Ich bin so froh, diesen Kerl in meinem Leben eine lange Zeit an meiner Seite gehabt zu haben.

Matthias Brenner, Schauspieler und Intendant

Der Film "Das Kaninchen bin ich" von Kurt Maetzig wurde 1965 in der DDR verboten. Hat Winkler bereut, dass er diesen Film gemacht hat?

Nein, das hat er auf keinen Fall bereut. Wenn ein DEFA-Film damals verboten wurde, war das tragisch, aber es tat seinem Ansehen unter den Kollegen keinen Abbruch. […] Ich glaube, er hat sich im Kollegenkreis damit große Anerkennung geschaffen, dass er in solchen inhaltlich auch riskanten Filmen seinen Kopf hinhält.

Sie sind ihm als ganz junger Schauspieler begegnet, als Sie eine erste Chance hatten mit einem ersten Kinofilm. Er hat Ihnen in einer besonderen Weise geholfen?

Ich hatte einen solchen Respekt. Ich kannte weder den Regisseur noch das Kollegium. Es war ein hoch angesetzter Film über das Thema Friedensfahrt in der DDR, Rennfahrergeschichte. Der Film hieß "Über die Grenzen". Wieder ein Film, bei dem man nicht wusste, ob er überhaupt gezeigt wird. [...]  Das war kurz vor Ende der DDR. Ich war ein junger Schauspieler damals in Erfurt engagiert. Ich spielte einen italienischen Journalisten, er spielte einen deutschen Journalisten und wir treffen uns an einem dieser Versorgungswagen, die man bei den Rennen hat und unterhalten uns über unsere Erfahrungen, ich als jüngerer, er als ältere.

Es war für mich besonders toll. Ich hab in seine Augen gucken können und dort war Ruhe, Empfangsbereitschaft, Gesprächsbereitschaft. Er hat mir Tipps gegeben, er hat mich auch zu Recht gedreht ('Dreh dich mal ein bisschen über die Achse, sonst bist du gar nicht zu sehen.'). Er war uneitel und klar mit mir. Ich war ihm sicherlich auch sympathisch. Das war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, die ihren Kreis vor vier Jahren etwa wieder schloss, als ich ihn bat, in "Warten auf Godot" zusammen mit Jaecki Schwarz, Hilmar Eichhorn, Axel Gärtner, Reinhard Straube, in meiner Inszenierung hier am Neuen Theater mitzuspielen. Und es sind fast 30 Vorstellungen gelaufen. 

Bilder: Die Rollen des Wolfgang Winkler

Im Gefängnis: Marie (Angelika Waller; vorne links) besucht mit Tante Hete (Ilse Voigt) ihren inhaftierten Bruder Dieter (Wolfgang Winkler, mitte links).
Der erste Film überhaupt: "Das Kaninchen bin ich" setzte sich kritisch mit der Strafjustiz der DDR auseinander und wurde verboten. Bildrechte: MDR/PROGRESS Film-Verleih
Im Gefängnis: Marie (Angelika Waller; vorne links) besucht mit Tante Hete (Ilse Voigt) ihren inhaftierten Bruder Dieter (Wolfgang Winkler, mitte links).
Der erste Film überhaupt: "Das Kaninchen bin ich" setzte sich kritisch mit der Strafjustiz der DDR auseinander und wurde verboten. Bildrechte: MDR/PROGRESS Film-Verleih
Christian Steyer (Dr. Mattsen) (1.v.l.), Viola Schweitzer (Monika Januschowitz) (2.v.l.), Wolfgang Winkler (Peter Januschowitz) (4.v.l.)
Schon 1979 spielte Winkler im Polizeiruf mit: allerdings nur in einer Folge mit dem Titel "Am Abgrund". Bildrechte: MDR/Deutsches Rundfunkarchiv/Siegfried Rieck
Sendungsbild
Erst ab 1996 war Winkler regelmäßig dabei: Als Kommissar Schneider spielte er an der Seite von Jaecki Schwarz. Bildrechte: MDR
Edwin, Günter und Vicky Adam
In "Die Rentnercops" wollte Winkler es an der Seite von Tilo Prückner noch einmal wissen: Er spielte ab 2015 den aus dem Ruhestand zurückgeholten Kommissar Günter Hoffmann. Bildrechte: MDR/ARD/Kai Schulz
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Es war ein großer Erfolg und die letzte Rolle von Wolfgang Winkler am Neuen Theater.

Am Neuen Theater war es auf jeden Fall die letzte Rolle. Das wollte ich natürlich nicht. Ich bin natürlich traurig über seinen Tod, das ist klar, und ich wünsche seiner Familie das Allerbeste. Wir werden da sein. Wir werden auch im Neuen Theater etwas machen. Wenn ein bisschen Zeit vergangen ist, werden wir in guter, komödiantischer Weise an ihn erinnern und auch seinem Theaterpublikum die Gelegenheit geben, sich seiner nochmal zu erinnern. Aber ich möchte es einfach so ausdrücken: Es hat so viel sollen sein mit ihm, was er ausgehalten hat, was er in seinem Herzen getragen hat, was er freundschaftlich geteilt hat mit anderen – und da gehörte ich dazu. Und ich bin so froh, diesen Kerl in meinem Leben eine lange Zeit an meiner Seite gehabt zu haben.

Die Fragen stellte MDR KULTUR-Moderatorin Ellen Schweda.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Dezember 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Dezember 2019, 15:47 Uhr