Oldtimer am DNT Weimar
Die 1990 geborene Isabel Tetzner spielt im Ensemble des Deutschen Nationaltheaters. Bildrechte: Candy Welz

"Oldtimer – als der Mauerfall, mein Ford Fiesta und ich 30 wurden" Premiere am DNT Weimar: Wendegeneration beleuchtet Verhältnis zur DDR

Für die Inszenierung "Oldtimer" sind die zwei jungen Theatermacherinnen Ulrike Günther und Isabel Tetzner zu einem Road-Trip durch Ostdeutschland aufgebrochen: Im Fokus stand der Blick auf die eigene Herkunft, 30 Jahre nach dem Mauerfall. Das Ergebnis der Recherche ist nun als knapp 45-minütiger Abend am Deutschen Nationaltheater Weimar zu erleben.

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Oldtimer am DNT Weimar
Die 1990 geborene Isabel Tetzner spielt im Ensemble des Deutschen Nationaltheaters. Bildrechte: Candy Welz

30 Jahre nach dem Mauerfall lotet das Deutsche Nationaltheater Weimar aus, wie es um das deutsch-deutsche Verhältnis steht: Wird die eigene Geschichte in Ost und West mittlerweile endlich als gleichberechtigt betrachtet? Und sind wir jetzt in der Lage, eine gemeinsame Erzählung über die vielen Jahre der Teilung zu stiften? Diesen Fragen geht das Theater unter der Überschrift "Blühende Landschaften" nach. Nachdem in der vergangenen Woche die Uraufführung "Brüder und Schwestern" leider versagte, hier Antworten zu geben, steht nun ein neuer Versuch an.

Die Jungen sind dran

Regisseurin Ulrike Günther
Regisseurin Ulrike Günther stammt aus Greifswald. Bildrechte: Wolfgang Rappel

In der Inszenierung "Oldtimer" wird der Blick in die Geschichte konsequent aus der Sicht der Nachgeborenen erzählt: Regisseurin Ulrike Günther (geboren 1989 in Greifswald) und Schauspielerin Isabel Tetzner (geboren 1990 in Annaberg-Buchholz) bekamen die Gelegenheit, mit einer eigenen Stückentwicklung ihre Fragen aufzuwerfen: Wenn ich zur Wendezeit im Osten geboren wurde, bin ich dann Wessi oder Ossi? Und muss ich darauf überhaupt eine Antwort haben, wenn die DDR schon so lange nicht mehr existiert? – "Wir haben das Gefühl, dass die Wendegeneration so ein bisschen zwischen den Stühlen sitzt", erklärt Ulrike Günther. Man habe die DDR nicht mehr erlebt, sei aber dennoch auf gewisse Weise ost-sozialisiert, durch die Erinnerungen und Erfahrungen der Familie. Isabel Tetzner fügt hinzu: "Wir sagen immer, es ist so, als würde man auf der Mauer sitzen und nicht genau wissen, wo man hin gehört. Das klingt ein bisschen pathetisch, aber trifft es ganz gut."

Der Fiesta als Oldtimer

Es waren also viele Fragen und recht diffuse Gefühle und Einstellungen zur eigenen Herkunft, die am Anfang standen. Für die Entwicklung des Textes brachen sie zu einem Road-Trip auf: In einem Ford Fiesta, Baujahr 1989, fuhren sie unter anderem ins Erzgebirge, nach Brandenburg und an die Ostsee. Sie sprachen mit älteren Familienmitgliedern, jüngeren gleichaltrigen Bekannten und auch anderen Menschen der Wendegeneration, die sie über das DDR-Museum in Berlin vermittelt bekamen. "Wir wussten zu Beginn gar nicht, ob die Menschen um die 30 überhaupt etwas zu erzählen haben", erinnert sich Schauspielerin Tetzner. "Aber diese Angst war unbegründet, da war viel Gesprächsstoff da."

Oldtimer am DNT Weimar
Der Blick der Nachgeborenen – könnte so ein DDR-Wohnzimmer ausgesehen haben? Bildrechte: Candy Welz

Aus den Gesprächen ist nun ein kleiner "theatraler Road-Trip" entstanden, wie das Team die Inszenierung selbst umschreibt. Schauspielerin Tetzner führt im Alleingang von Ort zu Ort, beschreibt ihre eigene Biografie, versetzt sich in Freunde und Familie. Es geht um die Vergangenheit und die Erinnerungen an früher, aber auch um die heutige Einstellung zum Osten: Dass man manchmal das Gefühl habe, sich verteidigen zu müssen für die eigene Herkunft. Und dass gerade dieses Verteidigen besonders schwer sei, wenn man selber das Gefühl habe, in der eigenen Heimat werde "aktiv das Gehirn abgeschaltet".

Weg vom Schwarz-weiß-Denken

"Es war gar nicht unsere Intention, mit dem Stück klare Antworten zu geben auf die Fragen, die wir aufwerfen", sagt Ulrike Günther. Vielmehr hofft sie, im Nachgang der Inszenierung Gespräche anzustoßen: "Das Thema ist noch lange nicht abgearbeitet. Viele Aspekte müssen noch besprochen werden, über die Aufdeckung der Stasi-Akten hinaus. Es gibt da so ein Bedürfnis, dass man differenzierter über die DDR und die Wende spricht. Und eben nicht mehr nur in schwarz und weiß und gut und böse einteilt." Isabel Tetzner nickt bei diesen Worten. Es sei schon absurd, dass man auch im Jahr 2019 noch oft darauf reduziert werden, aus dem Osten zu kommen. "Dennoch ist es Teil unserer eigenen Vergangenheit. Und wir haben als Generation die Verantwortung dafür, nachzufragen."

Informationen zum Stück "Oldtimer – als der Mauerfall, mein Ford Fiesta und ich 30 wurden"
Ein Theaterprojekt von Ulrike Günther und Isabel Tetzner · Uraufführung

Termine:
Sa 16.11.2019, 20.00 Uhr
Do 28.11.2019, 20.00 Uhr
Mi 11.12.2019, 20.00 Uhr
Fr 31.01.2020, 20.00 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. November 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2019, 04:00 Uhr