Ottessa Moshfegh
Ottessa Moshfegh, geboren 1981 in Boston, gehört zu den Shooting-Stars der US-amerikanischen Literatur. Ihr Roman "Eileen" schaffte es auf die Shortlist des Man Booker Prize. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Buchrezension Wie wäre es, ein Jahr durchzuschlafen?

Eine schöne junge Frau beschließt zu schlafen. Ein Jahr lang will sie im Dämmerzustand verbringen, um danach wie Phönix aus der Asche aufzusteigen. Der neue Roman "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung" von Ottessa Moshfegh dekliniert eine krasse Idee so amüsant und erschütternd durch, dass man ihm auch ein wenig Geplapper verzeiht.

von Katrin Schumacher, MDR KULTUR-Literaturredakteurin

Ottessa Moshfegh
Ottessa Moshfegh, geboren 1981 in Boston, gehört zu den Shooting-Stars der US-amerikanischen Literatur. Ihr Roman "Eileen" schaffte es auf die Shortlist des Man Booker Prize. Bildrechte: imago/ZUMA Press

Einfach mal schlafen. Um diesen Wunsch, diese Idee, weiß jeder, der getaktet durch die Welt läuft. An den Rändern des Schlafes lauern Wecker, Kinder, Bügelwäsche, Schulbeginn, späte Telefonate. Einfach mal schlafen, das ist ein Paradiesgedanke. Doch was ist, wenn aus "Einfach mal schlafen": "Nur noch schlafen" wird? Dieses gedankliche Experiment steht am Anfang des neuen Romans der amerikanischen Autorin Ottessa Moshfegh.

Meinen 'Winterschlaf' begann ich Mitte Juni 2000. Ich war sechsundzwanzig Jahre alt. Durch eine kaputte Lamelle in der Jalousie sah ich zu, wie der Sommer starb und der Herbst kalt und grau wurde.

aus "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung"

Ich möchte lieber nicht – sagt sich die Ich-Erzählerin und versucht, der Welt ein Jahr lang verloren zu gehen. Mithilfe eines veritablen Medikamentenkatalogs, den sie sich bei einer dubiosen Psychiaterin besorgt, will die schöne junge Frau in einen Winterschlaf versinken, um daraus als neue Person hervorzugehen.

Ich sah aus wie ein Model, hatte Geld, für das ich keinen Finger krumm zu machen brauchte, trug echte Designerklamotten, hatte einen Abschluss in Kunstgeschichte und war damit Teil der 'Kulturelite'.

aus "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung"

Nichts mehr tun

Großer Überdruss, vollkommener Ennui. Die Protagonistin muss nicht arbeiten, gehört zur postindustriell ausgesorgten Elite, hat keine Leidenschaften. Sie muss nicht von einem großen Projekt ausruhen, sondern macht den Schlaf zu ihrem Projekt.

Ich weiß nicht genau, ob ein konkretes Ereignis zu meiner Entscheidung führte, Winterschlaf zu halten. Anfangs wollte ich nur ein paar Downer, um meine ewig kritischen Gedanken zu ersticken; der stetige negative Ansturm in meinem Hirn machte es mir schwer, nicht alles und jeden zu hassen.

aus "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung"
Buchcover von Ottessa Moshfegh: "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung".
Bildrechte: Liebeskind Verlag

Ihr liebstes Hass-Objekt, von dem sie allerdings nicht loskommt, ist ihre Freundin Reva. Ihre einzige Freundin, die selten nüchtern ist und sich um wenig mehr als ihre Bulimie, nachgemachte Designerhandtaschen, ihre kranken Eltern und – eben – um ihre schlafsüchtige beste Freundin kümmert. Auf dem Sofa vorm Fernseher versucht Reva sie meist vergeblich zum Sprechen zu bringen, über Lieblingsfilme oder Diäten, Männer oder Zukunft. Die Dialoge zwischen Reva und der Hauptfigur des Romans – sie sind die etwas verplapperten Längen in diesem Roman, dessen beste Szenen die Besuche bei der Katzenverrückten Psychiaterin Dr. Tuttle sind. Rote krisselige Haare, ein gelbes Wallekleid, ein Kuli mit lila Feder dran. Die schusselige Psychiaterin vergisst bei jedem Besuch, dass sich die Mutter ihrer Patientin umgebracht hat.

'Und wie ist sie gestorben?' fragte sie. 'Sie hat Beruhigungsmittel mit Alkohol gemischt', antwortete ich. Dr. Tuttle schüttelte missbilligend den Kopf. 'Wegen Leuten wie ihrer Mutter haben Psychopharmaka so einen schlechten Ruf.'

aus "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung"

Sie ist eine kleine Schwester von Hermann Melvilles Bartleby, dem großen literarischen Verweigerer, und sie ist es doch nicht: Denn Otessa Moshfegh rüstet ihre Protagonistin im Gegensatz zum irritierend undurchsichtigen Bartleby mit einer stringenten Motivationspsychologie aus. Die Hauptfigur ist gefangen im Wiederholungszwang, den ihre Mutter ausgelöst hat, die sich ebenso mit Alkohol und Pillen betäubt hat, und sich ins Bett gelegt hat, sich nicht um das Kind oder die Welt geschert hat.

Auch der Schlaf lässt sie nicht enfliehen

Für jemanden, der maximal mal eine Ibuprofen nimmt, ist dieser Roman ein veritabler Blick in ein Medikamentenschränkchen. Wobei die pharmazeutischen Fachsimpeleien für ein befremdliches Paradox stehen: Geht man zum Arzt und bekommt Medikamente, dann doch dafür, dass es einem besser geht und man wieder "funktioniert". Hier sollen die Medikamente vom Funktionieren abhalten. Welch ein Clou, dass der Hauptfigur im Schlaf schließlich kapitalistische Automatismen widerfahren: sie geht zum Friseur, shoppt online, wechselt aufreizende Mails mit Männern. Wohin das führt, sei nicht verraten. Doch am Ende dieses gut konstruierten und durchaus satirisch gemeinten Roman steht ein helles Erwachen. Ottessa Moshfeghs neuer Roman dekliniert eine krasse Idee so amüsant und erschütternd durch, dass man ihm auch ein wenig Geplapper verzeiht.

Angaben zum Buch Ottessa Moshfegh: "Mein Jahr der Ruhe und Entspannung"
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Liebeskind Verlag
320 Seiten
ISBN 978-3-95438-092-3

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 09. Oktober 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2018, 04:00 Uhr

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