Der Palast der Republik kommt nach Leipzig - Kunstprojekt von Daniel Theiler
Passt doch, oder? Der Palast der Republik auf dem Leipziger Leuschnerplatz gegenüber der katholischen Kirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kunst-Aktion Künstler will Palast der Republik nach Leipzig holen

Der Palast der Republik ist wieder da: In Rostock als Projektion im Stadtzentrum. In Berlin mit Einzelobjekten im Humboldt-Forum, das in die Replik des Stadtschlosses zieht. In Leipzig als Denkmal auf der Brache am Leuschnerplatz, so stellt es sich zumindest der Künstler Daniel Theiler vor. Schließlich sei der wohl bekannteste Kulturbau der DDR, der 2008 abgerissen wurde, nach wie vor Inspiration und Politikum. Und damit ein sehr schöner Anlass, um 30 Jahre nach der Wende ins Gespräch zu kommen.

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Der Palast der Republik kommt nach Leipzig - Kunstprojekt von Daniel Theiler
Passt doch, oder? Der Palast der Republik auf dem Leipziger Leuschnerplatz gegenüber der katholischen Kirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mitten in Leipzig gähnt auch fast 30 Jahre nach der Wende noch ein großes städtebauliches Loch, direkt vor dem Neuen Rathaus und der noch viel neueren Katholischen Kirche, am Auto-Ring. Das Vorhaben, dieses Loch mit einem Freiheits-Denkmal zu füllen, scheiterte. Warum also nicht den Palast der Republik dort aufbauen als kolossalen Wiedergänger? So wie andernorts in Berlin das Stadtschloss, dem der Palast nach der Wende weichen musste.

Der in Bonn geborene Architekt und Künstler Daniel Theiler hat diesen Coup ersonnen, er arbeitet in Berlin und Leipzig. Er meint, dass Berlin mit dem Stadtschloss "ja ein bisschen in die Vergangenheit zurückgeht, also ins Land der Preußen". Deswegen fand er es interessant, "so ein sehr modernes Gebäude, also wirklich State of the Art, Technik und total funktional" in Leipzig zu haben.

"Als Fiktion fantastisch"

Der Palast der Republik kommt nach Leipzig - Kunstprojekt von Daniel Theiler
Michael Koelsch, Stiftung Friedliche Revolution Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zurück in die Zukunft! Die Idee, dieses politisch aufgeladene Symbol am Ort der friedlichen Revolution zu rekonstruieren, verwirrt, gesteht Michael Kölsch von der Stiftung Friedliche Revolution:

"Im ersten Augenblick wusste ich zugegebenermaßen nicht, ob das Fiktion ist oder ein konkretes Projekt ist. Als gelernter Architekt denkt man natürlich immer gleich an die Technik und das Genehmigungsverfahren. So war klar: Das kann nur Fiktion sein, und als Fiktion finde ich es fantastisch".

Die Bildkombo zeigt den ehemaligen Palast der Republik in Berlin während des Aufbaus etwa im Jahre 1974 (Archivfoto, l.o.), zur Eröffnung des Hauses im Jahr 1976 (r.o.), während der Abrissarbeiten im Jahr 2007 (l.u.) und nach den Abrissarbeiten am Donnerstag (05.02.2009).
Kleine Zeitreise in vier Bildern: Vom Aufbau 1974 über die Eröffnung 1976 bis zum Abriss 2007 Bildrechte: dpa

Also doch eine Eulenspiegelei? 1976 eröffnet, überbetont selbstbewusst und prächtig, behauptete der Palast die Einheit von Volk und Volkskammer. Er verschleierte die Macht und förderte im falschen doch auch wahres Leben. Verlogenheit und gute Absichten – so war die DDR. 1990 wurde das Bauwerk nach der Diagnose Asbestvergiftung geschlossen.

Der Palast der Republik kommt nach Leipzig - Kunstprojekt von Daniel Theiler
Daniel Theiler, Künstler und Architekt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Daniel Theiler hat es aber gar nicht auf das ganze kontaminierte Gebäude abgesehen: "Der Vorschlag bezieht sich auf den Palast der Republik, nachdem alle Symbole der DDR dort rausgenommen sind, eigentlich ist es nur noch eine Hülle, die aus Stützen und Decken besteht, und die, finde ich, auch ein schönes Symbol dafür ist, dass die DDR nicht mehr existiert."

Nachdem der Abriss 2003 beschlossen war, hatte man den Palast der Berliner Kunstszene quasi zwei Jahre zum Spielen überlassen. Der Kampf gegen den Abriss wurde zwar verloren, war aber eine Zeit produktiver Diskussion – so Daniel Theiler. Der Zug war abgefahren, als gleich nebenan der Aufbau des Stadtschlosses winkte – das die DDR 1950 abgerissen hatte. Das Stadtschloss – demnächst mit dem Humboldtforum – war der letzte Sargnagel für den Palast: politisch und städtebaulich. Noch einmal deutlich: Theiler ruft zwar auf, diesen Volkspalast in Leipzig wieder aufzubauen, aber im Sinne einer Kunstaktion, als Debatten-Anstoß.

Intervention: Schinkel-Parade gegen den Berliner Historismus

Der Palast der Republik kommt nach Leipzig - Kunstprojekt von Daniel Theiler
Schinkel-Parade in Berlin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei hat Daniel Theiler den Schalk im Nacken, wie seine Video-Aktion mit einer kleinen Parade zeigt, die den erbarmunglosen Historismus in Berlin aufspießt: Alles soll so aussehen wie zu Karl Friedrich Schinkels Zeiten: "Die Schinkel-Parade ist im Grunde so eine ironische Arbeit, die so einen fiktiven Themenpark Schinkel in der Berliner Mitte imitiert, sozusagen als Beweis dafür, dass dieses Schinkelland existiert." Für seine Aktion mit dem "Palast der Republik" auf dem Leipziger Leuschnerplatz hat der Künstler im Atelier in der Baumwoll-Spinnerei sogar ein kleines Merchandising in Gang gesetzt mit T-Shirt oder Beutel mit Palast-Signet.

Man hätte natürlich nicht das Stadtschloss wieder aufbauen dürfen, ich finde es skandalös, dass das passiert ist, weil sich einige politisch sehr dafür stark gemacht haben.

Daniel Theiler, Künstler & Architekt
Der Palast der Republik kommt nach Leipzig - Kunstprojekt von Daniel Theiler
Das neue Palast-Merchandising ist da. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Daniel Theilers Intervention schillert mehrdeutig. Sie holt, weil das politische Symbol so stark ist, die DDR zurück und zeigt gleichzeitig, wie die geschliffen wurde. Vor dem Hintergrund der eklatanten Hilflosigkeit der politischen Klasse gegenüber dem unbelehrbaren Osten – und auf dem Platz, wo das Freiheits- und Einheitsdenkmal scheiterte – gewinnt das zweifellos an Brisanz. Michael Kölsch von der Stiftung Friedliche Revolution kommentiert: "Er wird viele Fragezeichen produzieren, er wird aber auch viele Diskussionen produzieren, und jedes Gespräch, das über '89 geführt wird, ist ein gutes Gespräch, ein wichtiges." Der Künstler erklärt seine Intention so: "Ich glaube, dass wir genau solche Orte brauchen, um eine gemeinsame deutsche Identität zu entwickeln." Und:

Ich habe das Gefühl, dass wir 30 Jahre nach der Wiedervereinigung praktisch wieder ganz am Anfang stehen. Das finde ich schade. Deshalb brauchen wir diese Orte, an denen wir uns austauschen.

Daniel Theiler, Künstler & Architekt

Im Herbst soll es übrigens irgendwie mit dem Freiheitsdenkmal weitergehen. Und den Ort des Gesprächs, den Daniel Theiler meint, werden wir schon finden. Es muss ihn ja irgendwo geben.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 04. Juli 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2019, 04:00 Uhr

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