Alba August als junge Astrid
Alba August als junge Astrid Bildrechte: Erik Molberg Hansen / DCM

Interview Wie Astrid Lindgren auf ihre Geschichten kam: Pernille Fischer Christensen über ihren Film

Pippi Langstrumpf ist so stark, dass sie ein Pferd hochheben kann - sie ist mutig und kommt allein zurecht. So wie einige von Astrid Lindgrens kleinen Heldinnen und Helden. Woher die Autorin, die zunächst behütet im kleinen schwedischen Vimmerby heranwuchs, ihre Geschichten nahm, das erforscht jetzt der Film "Astrid" von Pernille Fischer Christensen. Im Fokus stehen die Jahre ihres Lebens, über die Lindgren erst im hohen Alter und - selbst mit der Familie - nur bruchstückhaft gesprochen hat.

Alba August als junge Astrid
Alba August als junge Astrid Bildrechte: Erik Molberg Hansen / DCM

MDR KULTUR: Als Dänin, die in der Kindheit oft im schwedischen Småland Urlaub machte, sind Sie bestimmt aufgewachsen mit den Geschichten von Pippi, Michel und den Brüdern Löwenherz - was ist Ihnen von diesen Helden noch in Erinnerung geblieben?

Pernille Fischer Christensen: Es ist mehr als eine Erinnerung. Ich wurde oft gefragt, wer mich am meisten beeinflusst hat. Da ich Regisseurin bin, erwarteten die meisten, dass ich antworte: Ingmar Bergman oder Fassbinder. Aber ich habe gesagt: Es ist Astrid Lindgren. Sie war die erste, die mich mit Kunst konfrontiert hat, mit großen hoch emotionalen Geschichten, die mich wirklich geschockt haben.

Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen
Die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich kann mich gut erinnern, wie mir meine Mutter aus den "Brüdern Löwenherz" vorlas und wie wir immer wieder über diese auch dunkle Geschichte gesprochen haben: Vorher hatte ich noch nie darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn ich jemanden, den ich liebe, verliere oder was nach dem Tod kommt … Astrid Lindgrens Geschichten ließen mich neu denken. Genauso war es mit Pippi. Ich stellte fest: Oh, so kann ein Mädchen also auch sein.

All ihre Charaktere haben diese enorme Willenskraft. Sie sind Kämpfer und haben eine klare Vorstellung davon, was richtig und was falsch ist. Das hat mich als Kind sehr beeindruckt.

Astrid Lindgren selbst sagte ja einmal, Kinder müssten mit der Realität konfrontiert werden. Ich finde, das stimmt. Wir alle brauchen manchmal so eine Art Schock, um wach zu werden, um herauszufinden, wer wir sind, wo unsere Grenzen liegen. Das Großartige an ihren Geschichten ist ja, dass sie sehr einfach, lustig und unterhaltsam sind, zugleich aber sind sie sehr tief.

Die junge Astrid Lindgren scheint ein echter Wildfang gewesen zu sein. Geboren wird sie in eine protestantische und bodenständige Familie, die Land und Hof von der Kirche gepachtet hat, doch sie langweilt sich im Gottesdienst, liebt es, wild zu tanzen und schneidet sich die Zöpfe ab - doch dann wird sie mit 18 ledig schwanger und muss sich den gesellschaftlichen Konventionen beugen. Wie kamen Sie auf die Idee, einen Spielfilm über die junge Astrid machen zu wollen?

Astrid tanzt Jazz
Astrid liebt Jazz mehr als den Gottesdienst und tanzt wild. Bildrechte: DCM

Ich bin Dänin, aber in meiner Kindheit haben wir viel Zeit im Sommer in Småland verbracht, also in der ländlichen idyllischen Gegend, in der Astrid Lindgren aufwuchs. Ich spreche auch Schwedisch. Insofern gab es eine Verbindung. Wenn ich früher an Astrid Lindgren dachte, sah ich eine alte Frau vor mir, eine Ikone, keinen Menschen aus Fleisch und Blut. Ich habe mich nicht gefragt, woher diese Frau ihre Geschichten genommen hat oder ihre Fähigkeit, sich so in Kinder hineinzuversetzen. Erst ein Zufall brachte mich dazu: Ich schlug eine dänische Zeitung auf und sah das Foto einer jungen schönen Frau mit einem Kind. Darunter stand: Astrid und der kleine Lasse auf der Straße der Hoffnung. Und ich dachte: Was - das ist Astrid Lindgren? Es war die Besprechung eines Buches über ihr Leben in Bildern, das ich dann kaufte. Ich las und wurde immer neugieriger darauf zu erfahren, wer diese Frau war, die ihren Sohn wegen der gesellschaftlichen Konventionen heimlich in Dänemark auf die Welt bringen und dann für eine Zeit bei einer Kinderfrau zurück lassen musste. Genau auf diese drei Jahre in ihrem Leben, über die sie erst spät und sogar mit ihrer Familie nur bruchstückhaft gesprochen hat, konzentriert sich mein Film.

Blomberg in der Redaktion
Der noch verheiratete Herr Blomberg in der Redaktion, in der Astrid ein Praktikum macht. Bildrechte: DCM

Es ist also kein Film, der ihr ganzes Leben erzählen soll, sondern versucht, die Essenz zu erfassen, das, was ihr Leben und ihr Schreiben prägte. Sie selbst hat mal gesagt, dass sie auch ohne die Erfahrungen in diesen drei Jahren, eine Autorin hätte werden können, aber vielleicht eine nicht so gute. Wenn man sich ihre Bücher anschaut, gibt es darin viele Geschichten von Kindern ohne Eltern oder Kindern, die sich nach ihren Eltern sehnen. Es gibt nicht viele Mütter ...

Wie wurde der Film in Schweden aufgenommen?

Astrid Lindgren galt in Schweden immer als eine Person von großer Autorität, als jemand, der sich für Kinderrechte einsetzte, als jemand, den man fragen konnte, was richtig und falsch ist. Insofern sorgte der Film, der von ihren dunklen Jahren handelt, für Aufsehen. Aber nicht erst wir erzählen davon. Zuvor erschien schon eine große Biografie, von dem dänischen Autor Jens Andersen, der über diese Zeit Auskunft gibt.

Die Tochter Astrid Lindgrens, Karin Nyman, soll nicht so begeistert vom Film sein?

Die Familie war in das Projekt involviert. Sie unterstützte auch unsere Recherchen. Der Kommentar, den Sie meinen, den machte sie, bevor sie den Film überhaupt gesehen hatte.

Sie sagten, wie schwer es für Sie war, sich die junge Astrid Lindgren vorzustellen. Wie haben Sie die Hauptdarstellerin gefunden?

Astrid mit Sohn
Mit 18 wird sie ledig schwanger. Ihren Sohn Lasse bringt sie in Kopenhagen auf die Welt und lässt ihn dort zurück. Bildrechte: DCM

Wir haben mit dem Drehbuch begonnen und ich hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, wer die Rolle übernehmen könnte. Bis mir plötzlich aufging, dass es nicht so einfach werden würde, diese Rolle zu besetzen. Schließlich konnte es keine ausgebildete Schauspielerin sein, wir wollten ja von einer Zeit in Astrid Lindgrens Leben erzählen, in der sie zwischen 16 und 19 war. So begannen wir, lange erfolglos Aufrufe zu starten - und dann in Schauspielschulen zu suchen. So entdeckten wir Alba August. Gott sei Dank! Die Rolle ist sehr anspruchsvoll: Astrid - das ist das wilde, rebellische Kind, aber auch die junge, verzweifelte Mutter ...

Die Zeiten haben sich geändert, alleinstehende Mütter gibt es heute viele. Was sagt uns die Geschichte von Astrid Lindgren heute?

Wenn Sie überlegen, fallen Ihnen wahrscheinlich nicht so viele Filme über Frauen und ihre Biografien ein. Ich selbst beispielsweise wusste nichts von ledigen Frauen, die aus Schweden nach Kopenhagen kamen, um dort sozusagen anonym ihr Kind auf die Welt zu bringen - und zurückzulassen. Denn solche Geschichten wurden lange nicht erzählt. Das ändert sich nun. Wir sehen immer klarer, wie wichtig es ist, über unsere Geschichte Bescheid zu wissen. Ich bemühe mich, meiner Tochter davon zu erzählen, was es mal bedeutete, eine Frau zu sein, dass es lange eine Geschichte von Schmerz und Leid war. Insofern ist "Astrid" auch ein Film über den Kampf gegen Geschlechterrollen, für Emanzipation und Courage, der ermutigen soll, seinen eigenen Gefühlen und Ideen zu folgen entgegen den gesellschaftlichen Konventionen. Und das ist wiederum eine Geschichte für uns alle.

Das Gespräch mit Pernille Fischer Christensen führte Anett Friedrich, MDR KULTUR.

Astrid - Film 4 min
Bildrechte: DCM Film Distribution GmbH

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 06. Dezember 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Dezember 2018, 13:30 Uhr

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