Autor Peter Neumann verschränkt die Arme in einer schwarz-weiß Fotografie.
Der Autor Peter Neumann Bildrechte: Dirk Skiba

Literaturgeschichte "Jena 1800": Kreativer Hotspot der deutschen Bohème

Die Brüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Clemens Brentano, Novalis, Friedrich Tieck, die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und  Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, und natürlich Johann Wolfgang Goethe: In der Zeit um 1800 lebte und wirkte in Jena und Weimar eine Gruppe junger Dichter und Philosophen, die die Literaturgeschichte maßgeblich beeinflusst haben. Das Sachbuch "Jena 1800. Die Republik der freien Geister" versetzt seine Leser äußerst unterhaltsam in diese Zeit.

von Jörg Sobiella, MDR KULTUR-Landeskorrespondent für Thüringen

Autor Peter Neumann verschränkt die Arme in einer schwarz-weiß Fotografie.
Der Autor Peter Neumann Bildrechte: Dirk Skiba

"Jena 1800. Die Republik der freien Geister" rekapituliert eine Sternstunde der deutschen Philosophie und Literatur – das mehr oder weniger zufällige Zusammentreffen der bedeutendsten Köpfe Deutschlands in Jena und Weimar in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von etwas mehr anderthalb Jahrzehnten, ungefähr von 1789, beginnend mit Schillers Antrittsrede als Geschichtsprofessor an der Universität und endend mit der Schlacht von Jena und Auerstädt 1806. Unter dem Kanonendonner der Schlacht will Georg Wilhelm Friedrich Hegel seine großartige "Phänomenologie des Geistes", ein Grundbuch des deutschen Idealismus, beendet haben.

Schweres leicht erzählt

Peter Neumann: Jena 1800. Die Republik der freien Geister
Bildrechte: Siedler

Im Mittelpunkt stehen die Brüder Schlegel und ihre Frauen. Friedrich mit Dorothea und August Wilhelm mit Caroline Schlegel; Friedrich, der als Literaturtheoretiker bis heute nachwirkt, Wilhelm, dessen Shakespeare-Übersetzungen selber zum klassischen Kanon unserer Literatur gehören. Die beiden Männer und ihre geistreichen Frauen sind allein schon einen Roman wert.

Um dieses Quartett herum gruppieren sich junge, wilde Denker, die alle auf ihre Weise den epochalen Umbruch der Zeit, die Französische Revolution, reflektieren: Clemens Brentano, Novalis, Friedrich Tieck mit Gattin Dorothea, die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und  Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Und über allen schwebt der benachbarte Olympier Goethe, der immer wieder in Jena aufkreuzt.

Geschrieben im Stil eines Gesellschaftsreporters

Dieses Panorama einer für die damalige Zeit revolutionären Versuchsanordnung von Kunst und Leben erzählt Peter Neumann teilweise als Bohème, teils auch als von Schaffenskrisen, Ehekrisen durchsetztes Dasein – ein kreatives Miteinander und Gegeneinander von Individualisten, wer mit wem sich im Denken, im Leben und Lieben verbündet, wie man literarische Feindschaften anzettelte und gegen wen. Neumann tut das auf leichte, saloppe, unterhaltsame Weise; er schreibt fast durchgehend im Präsens, das bringt die Ereignisse nah an den Leser heran.

Auf diese Art gelingt es ihm auch, durchaus Schweres, Theoretisches zu transportieren. Er erzählt im Gestus eines Gesellschaftsreporters von heute, der damals als Beobachter direkt dabei gewesen zu sein scheint, wenn August Wilhelm über seiner schriftstellerischen Arbeit brütet und sich Stirn und die Nase massiert oder man in abendlicher Runde sich über Schillers "Lied von der Glocke" lustig macht und man vor Lachen fast von den Stühlen fällt; wenn er Goethe Schlittschuh laufen lässt und es so beschreibt, als habe er es mit eigenen Augen gesehen oder Fichte sich im Weimarer Theater mit Champagner betrinkt. Neumanns historischer Report bietet insgesamt einen neuen, erfrischenden Blick auf eine der großen genialischen Tragikomödien in der Geschichte der deutschen Kultur.

Angaben zum Buch Peter Neumann: "Jena 1800. Die Republik der freien Geister"
Siedler Verlag
22 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Oktober 2018 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Oktober 2018, 04:00 Uhr