Rammstein
Rammstein Bildrechte: Universal Music/Jens Koch

Buchvorstellung Rammstein: Dem Phänomen auf den Grund gegangen

Das neue Rammstein-Buch des Musikwissenschaftlers Peter Wicke ist kein Fan-Buch. Es nimmt die Leser mit auf die Meta-Ebene, auf der die Band agiert, und analysiert sehr gründlich, wofür Rammstein stehen und was ihre Kunst auszeichnet. Sind Rammstein rechts? Provozieren sie nur aus Kalkül? Wickes Antworten auf solche Fragen gehören zum Klügsten, was bisher über Rammstein geschrieben wurde, findet unser Kritiker.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur
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von Stefan Maelck, MDR KULTUR

Rammstein
Rammstein Bildrechte: Universal Music/Jens Koch

"Der Wille zum großen Symbol als opernhaftes Moment", so beschrieb der Regisseur Philipp Stölzl einst die Band Rammstein. Dabei reagierte er auf Anwürfe gegen sein Video zum Song "Stripped", einer Rammstein-Version des Depeche-Mode-Songs. Stölzl hatte dafür Versatzstücke aus Leni Riefenstahls Olympia-Propagandafilmen von 1938 verwendet. Für Stölzl war das eher eine ästhetische Spielerei um die "schwere, blutige, erotische Sprache der Musik" in Bilder zu packen.

Rammstein hat seither mit Vorwürfen zu kämpfen, die Band sei rechts. Die Musiker, die alle eher aus einem linksoppositionellen DDR-Hintergrund stammen, reagierten darauf mit dem Song "Links, 2, 3, 4" und in Interviews. Und da sind wir schon bei den drei Fragen, die man an ein Buch über Rammstein natürlich stellen wird.

Erste Frage: Sind Rammstein nun rechts oder links – oder was? Peter Wicke, bekannt durch sein Standardwerk über Rockmusik und bis 2016 Professor für Theorie und Geschichte der populären Musik an der Humboldt-Universität Berlin, widmet dieser Frage das Kapitel: "Links 2, 3, 4 – Im Stechschritt gegen Rechts." Und kommt zu dem Schluss:

Aus: Peter Wicke – "Rammstein. 100 Seiten", S. 47/48 "Die zeitweilig geradezu hysterische Debatte um die Nazi-Symbolik in der Rammstein-Ästhetik hat zudem übersehen lassen, dass die Band auf dieses Element im Gesamtkunstwerk Rammstein allein nicht reduziert werden kann. Und geradezu fahrlässig ist es, aus diesem Befund auf eine rechte Gesinnung der Musiker zu schließen. Doch das mildert die Brisanz des Tabubruchs nicht. Das frivole Zitieren und Entkontextualisieren ästhetischer Codes, die durch ihre faschistische Indienstnahme kontaminiert sind, ist nicht frei von der Gefahr, dass die entleerte Hülle wieder zu ihrem einstigen Kern findet."

Wicke analysiert und ordnet ein

Keyboarder Flake von Rammstein
Rammstein, das ist auch großes Theater. Hier: Keyboarder Flake auf seinem Laufband. Bildrechte: IMAGO

Genau das Gegenteil von Entkontextualisierung war schon immer Wickes Stärke – Analyse und Einordnung. Gerade bei Rammstein muss man die Idee des Gesamtkunstwerks begreifen, um überhaupt Resultate zu erzielen, die über den reinen Hechel-Impuls hinausgehen.

Wicke arbeitet dafür mit Interviews und Rezensionen, er verweist auf ähnliche Tabubrüche in der Pop-Geschichte bei David Bowie oder Siouxsie and The Banshees, Laibach und Marilyn Manson, er zieht den ganz großen Bogen auf nur wenigen Seiten, weil er aus dem vollen Wissensfundus schöpfen kann.

Provokation als Kalkül?

Zweite Frage wäre natürlich: Ist die Provokation also nur Kalkül? Die Frage muss man sich immer wieder stellen, ist es doch Rammstein mal wieder gelungen, mit nur einem kurzen Schnipsel aus dem Video zum Song "Deutschland" das Land in kollektiven Aufruhr zu versetzen. Um diese Frage geht es im ganzen Buch und speziell im Kapitel "Feuer Frei – Die Provokation als Gesamtkunstwerk." Wicke schreibt:

Aus: Peter Wicke – "Rammstein. 100 Seiten", S. 37 "Rammstein lässt mit diesem Gesamtensemble aus Text, Musik und Show bestimmte Bilder an die Oberfläche des Bewusstseins aufsteigen, die ihren Ursprung in der mit Medienbildern überfüllten Phantasie des Publikums haben. Nicht Rammstein inszeniert diese Bilder, die Band liefert nur die Trigger, die sie aus dem Brei der alltäglichen Medienerfahrung wieder ausfiltern, die sich im Bewusstsein aus dem Horror der Tagesnachrichten, aus Spielfilmen und den Gewaltexzessen im allabendlichen Fernsehen sedimentiert haben. Die Provokation liegt nicht in dem, was Text, Musik und Inszenierung auf die Bühne bringen. Die Provokation erwächst vielmehr aus dem Zum-Vorschein-Bringen, was in den Köpfen schon vorhanden ist."

Rockmusik steht im Ruf, authentisch sein zu wollen und zu müssen – Rammstein, das arbeitet Wicke heraus, sind alles andere als authentisch, sondern großes Theater. Um zu diesem Fazit zu kommen, holt Wicke natürlich weit aus und seziert die Ästhetik der Band.

Kein Fan-Buch

Till Lindemann, Sänger der Band Rammstein
Feuer frei! Kein Rammstein-Konzert kommt ohne Flammenwerfer aus. Bildrechte: dpa

Das Buch ist weit entfernt von einem Fan-Buch, sondern widmet sich der Band auf hohem intellektuellen Niveau und nimmt den Leser mit auf die Meta-Ebene, auf der Rammstein agiert.

Dritte Frage muss natürlich die nach dem speziellen Sound der Band sein – ist der nun wirklich so neu, so brutal, so archaisch? Im Kapitel "Mehr – Der Rammstein Sound" schreibt Peter Wicke:

Aus: Peter Wicke – "Rammstein. 100 Seiten", S. 72/73 Doch das Projekt Rammstein ist zuallererst perfekt gemachtes Theater, das von seinem Sound getragen und von seiner inneren Dynamik vorangetrieben wird – Richard Wagner für das 21. Jahrhundert, voller existenzieller Wucht, teutonischer Mythologie und der invasiven Materialität heroisierter Klangmassen. [...] Es ist die schockhafte Überwältigung des Publikums durch einen perfekt gearbeiteten Sound bei gleichzeitiger Distanzierung durch ein Spektakel, bei dem alle Register gezogen werden, was die Wirkung von Rammstein ausmacht. So erhält die Formel von der 'Ästhetik der Überwältigung', die der deutsche Philosoph und Psychologe Richard Müller-Freienfels schon 1923 prägte, durch den Rammstein-Sound mit seiner übergriffigen Sinnlichkeit heroisierter Klänge einen neuen, zeitgemäßen Inhalt."

Peter Wicke nähert sich dem Phänomen Rammstein eben nicht nur über die Rezeption, sondern über das Werk selbst, über ästhetische Konzepte, über Theater- und Musiktheorie und philosophisches Einordnungsvermögen. Damit gehören die "100 Seiten", die mit Schwarz-Weiß-Fotos illustriert und durch einen Mini-Anhang ergänzt werden, zum Ernsthaftesten und Klügsten, was bisher über Rammstein geschrieben worden ist.

Angaben zum Buch Peter Wicke: "Rammstein. 100 Seiten"
Reclam
10 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Juni 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2019, 16:14 Uhr

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