Petra Köpping (SPD), Integrationsministerin von Sachsen
Petra Köpping wurde 1958 in Nordhausen geboren. Seit 2014 ist sie sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. Bildrechte: dpa

Sachsens Gleichstellungs- und Integrationsministerin im Interview Petra Köpping: Die Wunden im Osten sitzen tief

In ihrer Streitschrift "Integriert doch erst mal uns!" versucht Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping, das gesamtdeutsche Narrativ um einen Seitenpfad zu erweitern: Ihr Anliegen ist es, die Nachwendeerfahrung der Ostdeutschen ins Spiel zu bringen, um so letzten Endes die Gräben zwischen Ost und West zu verkleinern. Im Interview bei MDR KULTUR erklärt sie, wieso sie das Buch geschrieben hat und fordert, mehr über die Nachwendezeit zu sprechen.

Petra Köpping (SPD), Integrationsministerin von Sachsen
Petra Köpping wurde 1958 in Nordhausen geboren. Seit 2014 ist sie sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Frau Köpping, Ihr Buch ist Anfang des Monats erschienen. Wie ist die Resonanz bisher?

Petra Köpping: Ich bin selber ganz erstaunt, denn das Buch geht schon in die dritte Auflage. Insofern glaube ich, dass ein großes Interesse da ist. Bei den ganzen Gesprächen, die ich in den Medien und auf den sozialen Medien führe, war die Reaktion größtenteils positiv. Ich würde sagen, dass nur rund 25 Prozent der Leser kommen und sagen: Das sehe ich ganz anders. Aber das Buch ist ja eine Streitschrift, das heißt, ich lege gar keinen Wert drauf, dass ich in allen Punkten Recht habe. Ich möchte eine Facette, die mich in meinem politischen Leben begleitet hat, darstellen.

Wollen Sie uns mit dem Titel sagen, dass eine große Zahl der Menschen – 28 Jahre nach der Wende – nicht ausreichend in die gesamtdeutsche Gesellschaft integriert ist?

Ja, das war eine Erkenntnis, die ich selber erst lernen musste. Die ist ja nicht von mir definiert wurden, sondern nachdem ich als Integrationsministerin gute Programme zusammengestellt habe für die geflüchteten Menschen, die zu uns kommen. Das hat es in dieser Form in der Vergangenheit in Sachsen ja nicht gegeben. Und als ich die vorgestellt habe, kamen bei Einwohnerversammlungen immer wieder schräge Blicke und Leute sagten zu mir: Bevor Sie sich um Flüchtlinge kümmern, kümmern Sie sich erstmal um uns! Erstmal sind wir zu integrieren, nicht die Flüchtlinge – das war die Botschaft.

Buchcover - Integriert doch erst mal uns! Eine Streitschrift für den Osten von Petra Köpping 6 min
Bildrechte: Christoph Links Verlag

Da habe ich mir Gedanken gemacht und gesagt: Das stimmt. Wir haben noch ein weiteres Problem, um das wir uns kümmern müssen: Nämlich dass Menschen in Ostdeutschland sich als Menschen zweiter Klasse fühlen – das sagen auch unsere Haltungsstudien, das hab ich mir nicht ausgedacht. Hinzu kommt, dass sich auch die jüngeren Menschen (die 18- bis 27-Jährigen) genauso als Menschen zweiter Klasse fühlen wie die Über-60-Jährigen. Das ist ein Zeichen für mich gewesen.

Es hat also ein soziales Vererben eines Befindens gegeben?

Ja, in meiner Bornaer Region, wo ich auch Landrätin gewesen bin, waren über 30 Prozent arbeitslos oder auch im Vorruhestand. Dort habe ich festgestellt, dass der einzige, der morgen das Haus verlassen hat, das Kind war, das in die Schule musste. Alle anderen, Eltern, Großeltern, die noch im arbeitsfähigen Alter waren, blieben zu Hause und waren deshalb auch an der gesellschaftlichen Entwicklung gar nicht beteiligt. Sie hatten keine Teilhabe an der Gesellschaft. Und so etwas vererbt sich, das ist klar. Die Kinder haben ja gehört, wie ihre Eltern und Großelten gesprochen haben, auch über alte Zeiten, und was das mit ihren Familien macht.

Benutzen Sie den Satz "Integriert doch erstmal uns" immer noch als Zitat oder ist das inzwischen auch Ihre Haltung?

Ich benutze ihn als Zitat. Ich glaube, dass das differenziert zu betrachten ist. Denn praktisch geht es nicht nur um Lebensgeschichten, sondern auch um Tatsachen aus dem realen Leben, wie zum Beispiel unterschiedliche Löhne und Gehälter. Wir haben uns in Ostdeutschland – das trifft nicht nur auf Sachsen zu – viele Jahre lang als Billiglohnland angepriesen. Billiglohnland bedeutet aber auch, dass Leute, die 30 oder 40 Jahre gearbeitet haben, eine geringe Rente bekommen. Das heißt: Sie bleiben bis an ihr Lebensende arm. Jeder Vierte in Ostdeutschland wird unter die Altersarmut fallen. Um diese Zahlen und Belege müssen wir uns kümmern.

Was bringt es, darüber ins Gespräch zu kommen – auch über die unerzählten Geschichten der Nachwendezeit?

Meine Absicht mit dem Buch war in dreierlei Hinsicht: Das eine war, den Menschen, die mir ihre Geschichten erzählt haben, ein Gesicht und von meiner Seite auch Würdigung und Anerkennung zu geben. Dass ich sehe, dass jemand, der seinen Job verloren hat, auch seine Berufsbildung verloren hat. Zum Beispiel eine Textilfacharbeiterin. Den Beruf gab es im Erzgebirge gar nicht mehr. Die Menschen mussten sich neu orientieren und oft in Berufen arbeiten, für die sie überqualifiziert waren.

Viele Akademiker und Ingenieure sind vielleicht Versicherungsvertreter geworden. Viele Menschen haben gesagt: Ist egal, wir haben 1989 für Freiheit und Demokratie gekämpft, und wir wollen die neuen Chancen nutzen. Wenn sie dann aber nach vielen Jahren mit ABM- und Umschulungsmaßnahmen und nachdem sie einen neuen Beruf gelernt haben, wieder nicht belohnt wurden und feststellen, dass sie auch noch eine Rente bekommen, von der man nicht leben kann, dann ist das ein Zeichen, dass wir was tun müssen. Das demütigt die Menschen schwer.

Deswegen versuchte ich, neben dem Geschichtenerzählen auch Verständnis in Gesamtdeutschland für die Situation in Ostdeutschland zu wecken. Das ist nichts, was wir allein bewältigen können. Dafür brauchen wir die Unterstützung der Bundesrepublik und das Verständnis der Menschen in den alten Bundesländern. Und das dritte ist, dass ich Vorschläge mache, was wir tun können. Warum sollte Ostdeutschland da nicht Vorreiter sein, wenn es um die Lösung von gewissen sozialen Problemem geht?

Was können wir erreichten, wenn wir anfangen, die Nachwendezeit zu bearbeiten?

Es geht hier um "Wiedergutmachung" für die Seele. Und dieses Reden darüber, dass ich die Schwierigkeiten in Lebensläufen sehe und das anerkenne, ist eine sehr wichtige Komponente. Aber es gibt auch das Feld, wo man auf anderem Wege heilen und wiedergutmachen muss. Deswegen haben wir versucht, im Koalitionsvertrag den Gerechtigkeitsfonds zu etablieren – daraus ist der Härtefallfonds geworden, den ich trotzdem gerne als Gerechtigkeitsfonds gehabt hätte. Gerade dadurch würden viele Menschen, die jetzt ihre Rente beziehen, sehen, dass man ihre Lebensleistung anerkennt – in ganz Deutschland. Weil ich denke, dass jeder, der sein Leben lang gearbeitet hat, von seiner Rente leben können muss.

Was antworten Sie denen, die sagen, dass Sie die Wunden eher aufreißen als heilen?

Ich hätte ja gar nicht gedacht, dass die Wunden noch so tief sitzen. Ein Beispiel: Ich war in Groß-Dubrau, wo es eine Porzellan-Keramik-Manufaktur gab, die 1990 abgewickelt wurde. Da haben mal 800 Menschen gearbeitet, sie war international aufgestellt, und 70 Prozent der Produktion gingen als Export in die alten Bundesländer. Dann kam die Treuhand und sagte: Das Werk ist veraltet und muss geschlossen werden. Hinzu kam, dass man den Tresor mit den Patenten und den letzen Gehältern der Angestellten über Nacht abgeholt hat.

Als die Menschen das erzählt haben, stand ein älterer Mann auf, der hatte Tränen in den Augen, konnte nicht mehr weitersprechen, der war deswegen in psychologischer Behandlung, und seine ganze Familie hat darunter gelitten. Da hab ich gemerkt, wie tief das noch sitzt. Und die Menschen haben auch gesagt, wie gut das ist, dass wir darüber gesprochen haben und dem eine Öffentlichkeit geben. Diese Geschichten sind einfach verborgen. Sie kennen ja alle den Begriff Jammer-Ossi, aber der wird der Sache nicht gerecht.

Die Treuhandanstalt kommt in Ihrem Buch insgesamt nicht gut weg …

Nicht nur in meinem Buch, sondern auch in dem Feedback, das ich kriege. Ich glaube, dass es wichtig ist, über die Treuhand zu reden. Was war sie eigentlich? War sie wirklich alternativlos? Was ist passiert mit 8.000 Unternehmen? Die Treuhand wurde nicht kontrolliert, war aber nicht losgelöst von politischen Entscheidungen. Man schimpft auf die Treuhand, schaut aber nicht hin, wer die politischen Entscheidungsträger waren. Momentan gibt es vier Angestellte in Deutschland, die Treuhandakten bearbeiten. Wichtig ist, dass diese Akten nicht vernichtet werden und man Einsicht nehmen kann.

Das Interview führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

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Informationen zum Buch Petra Köpping: "Integriert doch erst mal uns! - Eine Streitschrift für den Osten"
Verlag: Ch. Links
ISBN: 978-3-96289-009-4

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 03. Oktober 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Oktober 2018, 04:00 Uhr

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