Interview Pippi Langstrumpf, eine unnachahmliche Figur

Seit 75 Jahren begeistert Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf mit ihrer unkonventionellen Art Kinder aus aller Welt. Auch Verlegerin Monika Osberghaus vom Leipziger Verlag Klett-Kinderbuch ist mit Pippi aufgewachsen. Im Interview erklärt sie, warum die Figur unnachahmlich ist – und welche nachträglichen Änderungen am ursprünglichen Text ihr zu weit gehen.

Monika Osberghaus 10 min
Bildrechte: Susen Heyder, Lichtbildnerei Leipzig

Vor 75 Jahren erschien das erste Pippi-Langstrumpf-Buch von Astrid Lindgren. Was hat die Figur, dass sie bis heute derart beliebt ist? Ein Gespräch mit Verlegerin Monika Osberghaus vom Klett-Kinderbuchverlag Leipzig.

MDR KULTUR - Das Radio Do 21.05.2020 11:00Uhr 10:00 min

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MDR KULTUR: Pippi Langstrumpf ist ziemlich unkonventionell – damals wie heute ein emanzipiertes, ein starkes Mädchen. Eigentlich ist die Emanzipation heute doch schon hinter uns oder ist in der Phase der Abschließung. Hat Pippi trotzdem für Sie ein Alleinstellungsmerkmal?

Monika Osberghaus: Ja, auf jeden Fall, denn eigentlich kann man sie nicht mehr nachahmen. Wenn man jetzt wieder so etwas Ähnliches versucht, ist es eigentlich immer gleich nachgemacht. Die Pippi war so stark und so unerhört und hat so lange so viele Leserinnen geprägt, dass sie einfach für sich steht. Und dass, wenn man eine ähnliche Figur erfinden würde, dann sie immer sofort mit Pippi verglichen wird. Die ist schon sehr, sehr einzigartig.

Ich weiß nicht, wie emanzipatorisch Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren damals angelegt war, vielleicht gar nicht so sehr, wie man heute hineininterpretieren mag. Aber aus Ihrer Sicht: Brauchen Kinder nach wie vor solche Geschichten der Emanzipation?

Pippi Langstrumpf mit riesigem Schneeball
Pippi Langstrumpf, das stärkste Mädchen der Welt Bildrechte: imago/United Archives

Ich finde, man braucht Bücher, die eine Haltung verbreiten, so wie Pippi ist. Also Pippis Haltung, das würde ich jetzt unterscheiden von Emanzipation. Sehr viel länger haben wir schon jede Menge wichtige emanzipatorisch ambitionierte Bücher, die finde ich ja zum Teil ein bisschen aufdringlich, und ja, einfach ein bisschen nervig. Die sind dann so pädagogisch korrekt und so. Und die sind auch in Pippis Kielwasser sozusagen entstanden.

Die sind auch in der Haltung schon richtig. Aber was toll an der Pippi ist, dass die so unbotmäßig ist, so wirklich. Die entspricht auch nicht komplett der emanzipatorischen Lehre. Da macht sie ja auch ein paar Sachen daneben. Das ist ja das Tolle. Sie ist ja auch nicht korrekt. Sie wurde ja jetzt noch mal mehrfach angepasst. Wir haben hier all die schlimmen Ausdrücke, "Negerkönig" und so weiter, wurde ja alles ausgemerzt, auch Verhaltensweisen von ihr wurden ausgemerzt.

Das ist das Tolle an Pippi: Man findet sie ziemlich aufregend, aber man möchte sie eigentlich nicht selber sein.

Monika Osberghaus, Verlegerin

Was halten Sie von so etwas?

Ich finde, es kommt sehr darauf an. Astrid Lindgren, glaube ich, hätte es lange Zeit nicht mitgemacht. Wenn es aber dem Sprachgebrauch der Kinder überhaupt nicht mehr entspricht, finde ich, muss man vorsichtig anpassen.

Also ich würde unterscheiden. Ich würde nicht das Wort "Neger" mehr verwenden im Kinderbuch. Oder Mohrenkopf auch nicht mehr, weil die Kinder das ja schon gar nicht mehr kennen. Und weil wir uns alle da schon sehr umgewöhnt haben – zu Recht. Ich denke, dass Astrid Lindgren inzwischen auch zugestimmt hätte. Sie hatte früher nicht zugestimmt, als sie noch dazu gefragt wurde. Aber das ist jetzt ja auch schon wieder über 20 Jahre her.

Was aber zum Beispiel die Pippi in den Ursprungs-Büchern macht, die ist wirklich viel frecher als in der Ausgabe, die wir jetzt haben: Sie ballert rum mit Schusswaffen. Sie futtert einen Fliegenpilz, der ja eigentlich ganz klar giftig sein müsste. Da wurde schon was abgeschliffen, was ich niemals gemacht hätte, wo ich mich weigern würde, wenn ich die Verlegerin wäre.

Pippi ist unglaublich stark, lebt zusammen mit Pferd und Affe und ohne Eltern in der Villa Kunterbunt. Als Spielgefährten hat sie die Nachbarkinder Annika und Thomas. Welches von diesen Kindern wären sie als Kind gern gewesen?

Pippi Langstrumpf und ihre Freunde
Pippi Langstrumpf und ihre Freunde Thomas und Annika Bildrechte: imago/United Archives

Ganz klar die Annika. Das ist ja auch das Tolle an der Pippi: Man findet die ziemlich aufregend, aber man möchte sie eigentlich nicht selber sein. Man hätte sie gerne als Freundin oder als Nachbarskind. Das wäre toll.

Annika ist ja auch erst ein bisschen vorsichtig mit ihr. Und auch ich hätte wahrscheinlich ein bisschen Schiss vor ihr gehabt, weil sie so exzentrisch und draufgängerisch ist. Und man möchte sie sich zum Beispiel nicht zum Feind machen.

Wir alle, und Kinder erst recht – wir spüren irgendwie: Wir sind allein auf der Welt. Irgendwann werden wir ohne Mama und Papa sein müssen. Pippi nimmt das vorweg und macht mit ihrem großartigen Humor das Beste daraus.

Monika Osberghaus, Verlegerin

Nicht alles ist nur toll in diesem Buch: Dieses kleine Mädchen lebt ohne Eltern, also auch, ohne beschützt zu werden, ohne die liebevolle Nähe einer Familie. Das ist ein bisschen traurig. Wie geht es Ihnen damit?

Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf
Inger Nilsson als Pippi Langstrumpf Bildrechte: IMAGO

Als Kind habe ich das nicht besonders wahrgenommen. Jetzt als Erwachsene finde ich das ganz großartig und verstehe sehr gut die Gründe, warum die Pippi das einsame Kind ist und diese Einsamkeit auch so gezeigt wird.

Es gibt ja kaum besseren Stoff für eine gute Geschichte, als wenn Mama tot ist und Papa weit weg. Das ist immer das Beste für eine Kindergeschichte, dass keiner aufpasst. Und die Kinder von heute werden ja so bewacht und so behütet. Die Pippi lebt dann was aus, mit ihrer Art, alleine zu leben. Das ist großartig.

Andererseits ist es auch natürlich sehr traurig. Ich finde das sehr wichtig, denn es spricht die Einsamkeit in jedem von uns an. Wir alle, und Kinder erst recht – wir spüren irgendwie: Wir sind allein auf der Welt. Also irgendwann kommt man zu dieser Erkenntnis, und irgendwann werden wir ohne Mama und Papa sein müssen. Und die Pippi nimmt das ein bisschen vorweg und lebt das so durch und macht mit ihrem großartigen Humor dann auch das Beste daraus.

Das Interview führte MDR KULTUR-Moderatorin Ilka Hein.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Mai 2020 | 11:15 Uhr