Plácido Domingo (Nabucco)
Plácido Domingo bei seinem (kurzen) Auftritt an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden / Daniel Koch

"Nabucco"-Neuproduktion in Dresden Plácido Domingo in Dresden: Wieviel Vorbereitung braucht ein Opern-Star?

Plácido Domingo (Nabucco)
Plácido Domingo bei seinem (kurzen) Auftritt an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden / Daniel Koch

Anmerkung der Redaktion vom 11. Juni 2019 Das nachfolgende Gespräch mit Manuel Brug wurde am Mittag des 7. Juni 2019 geführt. Zu diesem Zeitpunkt musste die Redaktion von MDR KULTUR nach Informationen der Semperoper davon ausgehen, dass Plácido Domingo ausschließlich am Tag der Nabucco-Aufführung in Dresden gewesen sei. Dies war auch ein wesentlicher Aspekt des Gesprächs mit Manuel Brug.

Inzwischen ist der Stand der Informationen, dass Plácido Domingo bereits vor der Vorstellung am Mittwoch (5. Juni 2019) zu musikalischen Proben und einem Vorstellungsbesuch in Dresden war.

Am vergangenen Mittwoch hatte Opern-Star Plácido Domingo sein Debüt als "Nabucco" an der Semperoper Dresden. Doch es war ein kurzes Vergnügen: In der Pause brach er den Auftritt ab, wegen einer Erkältung. Zudem hatte der 78-Jährige einen engen Zeitplan: Noch knapp zwei Stunden vor der Vorstellung erhielt er eine Einweisung in die Dresdner Inszenierung. Für den nächsten Tag war bereits ein Auftritt von ihm in Madrid geplant, und am Pfingstsonntag steht Domingos zweite "Nabucco" Vorstellung an der Semperoper auf dem Programm.

Ist ein solches Pensum mit entsprechend kurzer Vorbereitung gängige Praxis im Opernbetrieb? Und was können Stars sich erlauben? Darüber haben wir mit Manuel Brug gesprochen, Opernkritiker von der Tageszeitung "Die Welt".

MDR KULTUR: Ist sowas üblich?

Manuel Brug: Eigentlich nicht. Das ist natürlich ein Sonderfall, weil Domingo ist natürlich der Tenorissimo beziehungsweise jetzt der Baritonissimo, bei dem man es mal möglich macht. Zumal es ja auch sein Dresden-Debüt sein sollte. Die großen Häuser in Deutschland, und dazu gehört natürlich auch die Semperoper – wenn die Gastsänger haben in laufenden Inszenierungen, dann wird da natürlich normalerweise schon ein bis zwei Tage geprobt.

Es kann natürlich sein, bei Domingo ist es natürlich der Fall, dass die Sänger dann plötzlich sagen: Hallo, ich komme doch ein bisschen später – das ist immer dann diese Erpressungstaktik. Geht man darauf ein oder geht man nicht darauf ein? Man weiß natürlich, es gibt Sänger, die sind schnell im Begreifen. Manchmal sind es ja auch ausgeliehene Inszenierungen, da weiß man auch: Die kennen die Inszenierung schon. Dann kann man das machen. Aber ich würde sagen: Der Regelfall ist das nicht.

Das heißt, da muss es unterschiedliche Standards geben an den Opernhäusern im Umgang mit Stars verschiedener Kategorien?

Richtig. Domingo ist ja dann sozusagen über allem schwebend. Den wollte man eben gerne haben, und dann hat man es halt ausnahmsweise mal möglich gemacht. Es ist ja auch schon bei einem Herrn seines Alters ein bisschen schwierig, wenn er am nächsten Tag schon wieder in Madrid singen muss, dann wiederkommt, da ist natürlich auch klar, dass das nicht unbedingt gut ist fürs Singen. Aber die Regel ist es nicht.

Nun wird der eine oder andere natürlich wieder einwenden, die deutschen Opernhäuser hängen an der öffentlichen Hand. Brauchen wir dann eigentlich diesen Star-Betrieb im Alltag?

Was ist Alltag? Natürlich brauchen die großen Häuser ab und zu auch mal Stars, soweit es sie überhaupt gibt. Sie sind das Salz in der Suppe. Und vor allem ist es natürlich so, Häuser wie eben München, auch Dresden, Hamburg, Berlin – das sind ja auch immer noch Repertoire-Häuser. Das heißt, da werden natürlich die gleichen Inszenierungen über die Jahre hinweg gespielt.

Und um die auch wieder attraktiv zu machen, sowohl für Abonnenten als auch für das normale Publikum, das kommt, ist es natürlich notwendig, dass man unterschiedliche Besetzungen hat. Und wenn man die mal ein bisschen aufpeppt mit dem einen oder anderen Star in der Aufführung, das tut natürlich in der Regel der Kasse auch gut.

Insofern: Es muss eine gute Mischung sein aus Stars, aber es soll auch geprobt sein. In der Regel ist es ja so, die Stars haben ja durchaus Lust zu proben. Sie wollen ja auch über Rollen, die sie schon kennen, nochmal was Neues erfahren, auch von einer Interpretation vielleicht berührt werden oder die dann auch integrieren in ihre eigene Interpretation, die ein bisschen neu oder ein bisschen anders ist.

Ich würde sagen, es ist immer give and take. Es sollen Stars kommen, aber sie sollen wirklich eben nicht so wirken, als ob sie gerade vor zwei Stunden eingewiesen worden sind.

Da hatte Plácido Domingo offenbar keinen Bedarf zu proben, weil er wahrscheinlich die Nabucco-Partitur seit vielen Jahren auswendig kennt?

Seit so vielen Jahren noch nicht, weil er ist ja noch nicht seit so vielen Jahren Bariton. (...) Aber Domingo ist nie als großer Prober bekannt gewesen und bei Domingo zählt eben offenbar der Star-Glanz so viel, dass man das auch einkalkuliert, wobei man auch bei Domingo ehrlich gesagt sagen muss: Er ist auch nicht der dollste Schauspieler. Das heißt, selbst wenn er jetzt zwei Wochen geprobt hätte, weiß ich nicht, ob das so viel besser gestalterisch auf der Bühne ausgesehen hätte.

Das Gespräch führte Alexander Mayer für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. Juni 2019 | 07:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. August 2019, 10:59 Uhr

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