Ein Mann mit einem Modell des "Circus Sarrasani" auf der Schulter
Sven Hönig in "Circus Sarrasani" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden / Foto: Sebastian Hoppe

Premiere am Staatschauspiel Dresden Grebes "Circus Sarrasani": Mehr als nur Comedy

Die Dresdner Frauenkirche hatte einen Bruder. Er stand auf der anderen Elbseite und hieß "Circus Sarrasani". Rainald Grebe hat seine Geschichte am Staatsschauspiel Dresden auf die Bühne gebracht. MDR KULTUR-Theaterredakteur Stefan Petraschewsky war bei der Premiere dabei.

Ein Mann mit einem Modell des "Circus Sarrasani" auf der Schulter
Sven Hönig in "Circus Sarrasani" am Staatsschauspiel Dresden Bildrechte: Staatsschauspiel Dresden / Foto: Sebastian Hoppe

Am Theaterhaus in Jena begann Rainald Grebes Karriere. Am Leipziger Centraltheater hat er dann über Wetter, Worldwideweb, Grimms Märchen und Karl May recherchiert. Jetzt inszenierte er erstmals am Staatsschauspiel Dresden. Das Thema steckt im Titel: "Circus Sarrasani. The Greatest Show on Earth". Auf die Bühne bringt Rainald Grebe die Geschichte dieses Zirkus', der in Dresden eine Institution war. Aber nicht nur.

André Sarrasani, Chef des Unternehmens in 4. Generation, und übrigens zur Premiere am Staatsschauspiel Dresden auch als reale Person anwesend, ist ziemlich abgestürzt. Dinnershows im Elbepark gleich neben Ikea und Mediamarkt an der Autobahn - das ist nun sein Geschäft. Der Prolog zum Stück erinnert daran, wie "Sarrasani" 1990 nach Dresden zurückkehrt und versucht, das Unternehmen vermeintlich zeitgemäß und breit aufzustellen. Eine Ausstellung mit plastinierten Körpern rechnet sich gar nicht. Auch nicht die Gaststätte in Radebeul. Trotzdem gibt André Sarrasani nicht auf ...

Vom traurigen Heute in die glorreiche Vergangenheit

Nach diesem Prolog geht es weit zurück ins Jahr 1902. Sarrasani sen. gründet damals den Zirkus. Zunächst mit Standorten in Radebeul und in Meißen. Tiere sind damals mit dabei. Artisten treten auf. Was damals allerdings floppt, sind abnorme Menschen wie Siamesische Drillinge. Anders als in den USA haben die Besucher in Deutschland nämlich Mitleid. 1912 folgt dann die Eröffnung am Carolaplatz in Dresden. Kein Zelt, sondern ein festes Gebäude wird es. Mit 3.800 Plätzen. Zwei Mal so groß wie der Friedrichstadtpalast in Berlin. Im Ersten Weltkrieg stürzt das Unternehmen dann in eine erste große Krise. Von 500 Mitarbeitern müssen 450 an die Front. Tiere sterben vor Hunger oder an fehlender Pflege. Doch der alte Sarrasani geht mit der Zeit und konzipiert patriotische Shows. U-Boote tauchen per Hubpodium aus der Bühnentiefe auf. Matrosen singen: "Denn wir fahren gegen Engeland - ahoi!"

Die Geschichte dieses Zirkus' ist damals trotz aller Umstände immer wieder eine Geschichte der Superlative. Als "Sarrasani" in den 20er-Jahren vor der Inflation in Deutschland nach Argentinien auf große Gastspielreise "flieht", müssen zwei Dampfschiffe für den Tiertransport umgebaut werden. 200 Pferde, 100 Raubtiere, 30 Elefanten - das ist so die Größenordnung. Sofort drängt sich das Bild von der Arche Noah auf. Wie überhaupt diese ganze Zirkuswelt an den Schöpfungsbericht in der Bibel erinnert: Wenn Grebe die "Sarrasani"-Geschichte auf die Bühne bringt, aber auf der zweiten Ebene eine Schöpfungsgeschichte einfügt, die von einer besseren Welt erzählt. Und auf der dritten Ebene ist es dann eine Geschichte über die Verzauberung der Zuschauer durch die Kunst.

Pferdekopf, schwarz-weiß gestreifte Hose - fertig ist das Zebra.

Grebe spielt selber mit und singt dabei zwei Lieder. Eins heißt: "Die Welt braucht keine Jongleure. Jongleure brauchen die Welt!" Das andere reimt ganz nostalgisch-kitschig: "Zirkusspäne, Raubtierschweiß" - Grebe bricht ab - im Kopf ergänzt der Zuschauer: "Was soll der Scheiß?" Aber dieser Trash ist natürlich Absicht. Einmal taucht Grebe auch mit einem viel zu kleinen karierten Westover von Olaf Schubert auf und behauptet gegen die Lacher: "Hab ich mir geliehen - passt!" Aber so banal das auf der ersten Ebene hier alles daherkommt, es ist mehr: Hier geht es darum, ob und wie Comedy das Erbe der Clowns antritt? Grebe erzählt auch von einer Zirkus-Tagung, die er besucht hat. Frage dort: Hat der Zirkus eine Zukunft? Die Antwort sei ein deutliches "Ja!" gewesen. Zirkus als neue Avantgarde. Allerdings: "Weg vom Handwerk", lautete der Rat. Und dann sieht man plötzlich eine Art Youtube-Video auf der Bühne. Mit der Großaufnahme eines Ich-Darstellers: Wie viel Wäscheklammern kann ich mir ins Gesicht stecken? Der Amateur-Clown im Internet, ohne Handwerk, als Zukunft? Das sind hier die Fragen.

Es gibt auch ein Schaubild. Vorhang auf. Indianerstamm vor Felskulisse. Keine Bewegung. Weil eine peinliche Pause entsteht und das Publikum kichert, singen die Indianer ein sächsisches Heimatlied. Pause. Und dann "Banks of Sacramento". Wieder Pause. Dann fällt ein Indianer vom Felsen. Das ist natürlich eine Interpretation der damaligen, üblichen Völkerschauen im Stile Christoph Marthalers. Aber wer guckt hier eigentlich wen an? Vielleicht doch die Indianer uns, das Publikum?

In den drei Stunden, die der Abend lang ist, wird das Thema Zirkus von vielen Seiten beleuchtet. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Als Exkurs: ein Flohzirkus - Flaubert aus Florenz. Auch ehemalige DDR-Artisten erzählen über ihre Karriere in einem Interview.

Insgesamt sind 30 Akteure auf der Bühne. Es gibt Schauspieler aus dem Ensemble, dazu  Artisten und auch so eine Art kleine Bürgerbühne mit Leuten, die den Zirkus mal ausprobieren wollen. Die Bühne ist meistens leer. Ein historischer Zirkuswagen wird hier und da vorbeigezogen. Mutter Courage lässt grüßen. Es gibt eine riesige Schaukel und ein Hochseil; Seifenblasen und Zaubertricks. Tiere werden übrigens nicht gezeigt. Stattdessen übernehmen das die Schauspieler. Ein Pferdekopf und eine schwarz-weiß gestreifte Hose - fertig ist das Zebra.

"Ich will den Glanz in meinen Augen zurück!"

Dresden, Straߟenpartie vor dem Circus Sarrasani mit Umgebung.
Ein Zirkus nicht im Zelt, sondern in einem großen festen Bau, das war einmalig damals in Europa. Bildrechte: IMAGO

Drei Stunden ist die Inszenierung lang, bleibt aber interessant. Auch weil es eine Geschichte über den Verlust einer besseren Welt ist. Im Stück wird die Architektur des Zirkusbaus von 1912 auf dem Carolaplatz erklärt. Alles hat da seinen Platz und seine funktionierende Logistik. Alles ist in schönster Ordnung. Wie es sich Gott im Alten Testament zusammenbaut. Und hier sind dann die schönsten Momente möglich. Ein blauer Sternenhimmel, Musik, ein langes, rotes Tuch aus dem Schnürboden, in das sich die Artistin Christina Wintz ein- und aus-, hoch und runter wickelt. Atemlose Stille. Größter Applaus. Grebe fleht: "Ich will den Glanz in meinen Augen zurück!" In diesem Moment, wo Struktur und Ordnung stimmen, ist es möglich. Doch dann kommt die Katastrophe.

Gedenkstein für den am 13. Februar 1945 zerstörten festen Bau des Zirkus´ Sarrasani
In der Bombenacht vom 13. Februar 1945 wurde auch der feste Zirkus-Bau zerstört. Menschen - und auch Tiere kamen ums Leben, denn die Vorstellung lief noch während einer der ersten Angriffe. Bildrechte: MDR/Stephan Tittel

Am 13. Februar 1945, kurz vor 22.00 Uhr - die Vorstellung läuft noch - wird beim Bombenangriff auf Dresden auch der Zirkus Sarrasani getroffen. Die Kokosmatten in der Manege sind ideales Futter für die Brandbomben. Menschen sterben. Tiere verbrennen. Die Kuppel vom Zirkus fällt in der Nacht zusammen. Wie dann, etwas später, die Kuppel der Frauenkirche. Es sind Schwester und Bruder, die Frauenkirche in der Altstadt und der Zirkus am gegenüberliegenden Elbufer. Geist und Welt. Oder: Welt und Geist. Das ist der Gedanke, der sich neben dieser Frage nach Kunst und Ordnung im Kopf festgesetzt hat.

Termine: "Circus Sarrasani. The Greatest Show On Earth. Ein Abend mit und von Rainald Grebe" am Schauspielhaus Dresden

26. Mai 2018, Uraufführung
31. Mai , 4. und 21. Juni 2018
22. Juni 2019 | 19:30 Uhr

Mehr zum Thema

Eine "schwebende Jungfrau" präsentiert Andre Sarrasani, Chef des gleichnamigen Zirkusunternehmens , am 2.10.2001 während der Premierenvorstellung des traditionsreichen deutschen Zirkus Sarrasani in Frankfurt. Mit einer Mischung aus Show, Variete und Zirkus-Kunst undter dem Motto "Fantastische Vorstellungen" startete Sarrasani seine Jubiläumstour zum 100. Geburtstag. Insgesamt fünf Monate lang wird der Zirkus mit 85 Mitarbeitern durch Deutschland touren.
Circus-Chef Andre-Sarrasani präsentiert als Magier eine "schwebende Jungfrau". Aufnahme vom zweiten Oktober 2001 zur Premiere der Jubiläumsshow "Fantastische Vorstellungen". Anlass ist der 100. Geburtstag. 85 Mitarbeiter gastierten mit der Vorstellung 5 Monate lang quer durch Deutschland. Auftakt war in Frankfurt am Main. Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 24. Mai 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2018, 15:06 Uhr

Eine "schwebende Jungfrau" präsentiert Andre Sarrasani, Chef des gleichnamigen Zirkusunternehmens , am 2.10.2001 während der Premierenvorstellung des traditionsreichen deutschen Zirkus Sarrasani in Frankfurt. Mit einer Mischung aus Show, Variete und Zirkus-Kunst undter dem Motto "Fantastische Vorstellungen" startete Sarrasani seine Jubiläumstour zum 100. Geburtstag. Insgesamt fünf Monate lang wird der Zirkus mit 85 Mitarbeitern durch Deutschland touren.
Circus-Chef Andre-Sarrasani präsentiert als Magier eine "schwebende Jungfrau". Aufnahme vom zweiten Oktober 2001 zur Premiere der Jubiläumsshow "Fantastische Vorstellungen". Anlass ist der 100. Geburtstag. 85 Mitarbeiter gastierten mit der Vorstellung 5 Monate lang quer durch Deutschland. Auftakt war in Frankfurt am Main. Bildrechte: dpa

Sarrasani Zirkus-Zutaten: Artisten, Clowns und Sensationen

Was gehört zu einem Circus unbedingt dazu? Hier die klassischen Zutaten, die Circus Sarrasani in die Shows einbaut.

Circus-Chef Andre-Sarrasani präsentiert als Magier eine "schwebende Jungfrau". Aufnahme vom zweiten Oktober 2001 zur Premiere der Jubiläumsshow "Fantastische Vorstellungen". Anlass ist der 100. Geburtstag. 85 Mitarbeiter gastierten mit der Vorstellung 5 Monate lang quer durch Deutschland. Auftakt war in Frankfurt am Main. Bildrechte: dpa
Circus-Chef Andre-Sarrasani präsentiert als Magier eine "schwebende Jungfrau". Aufnahme vom zweiten Oktober 2001 zur Premiere der Jubiläumsshow "Fantastische Vorstellungen". Anlass ist der 100. Geburtstag. 85 Mitarbeiter gastierten mit der Vorstellung 5 Monate lang quer durch Deutschland. Auftakt war in Frankfurt am Main. Bildrechte: dpa
Rigolo balanciert Palmwedel.
Balanceshow mit tropischem Zubehör: Rigolo balanciert Palmwedel. Bildrechte: IMAGO
Duo Baccala
Akrobatikclowns - das Duo Baccala Bildrechte: IMAGO
Akrobatin Vera
Aktobatin Vera am Vertikalseil Bildrechte: IMAGO
Alle (4) Bilder anzeigen

Circus Sarrasanis Tiere

Als Dressurclown feierte Sarrasani-Gründer Hans Stosch seine ersten Erfolge. Anfangs setzte er auf kleine Tiere aus der hiesigen Tierwelt, doch später wurden die tierischen Stars immer größer und exotischer.

Eine Frau mit zwei Affen, die Musikistrumente halten.
11. November 1955: Die beiden Schimpansen "Ringo und Paul" - benannt nach den Beatles-Stars, verzücken tausende Zuschauer bei ihren Auftritten in Frankfurt am Main. Von Anfang an setzt der Circus Sarrasani auf Showelemente mit Tieren. Anfangs sind es noch kleinere Tiere ... Bildrechte: IMAGO
Eine Frau mit zwei Affen, die Musikistrumente halten.
11. November 1955: Die beiden Schimpansen "Ringo und Paul" - benannt nach den Beatles-Stars, verzücken tausende Zuschauer bei ihren Auftritten in Frankfurt am Main. Von Anfang an setzt der Circus Sarrasani auf Showelemente mit Tieren. Anfangs sind es noch kleinere Tiere ... Bildrechte: IMAGO
Leonid Beljakov mit Hunden.
2008/2009 in Dresden: Wie beim Ursprung aller Sarrasani-Shows - ein Clown, der mit dressierten Haustieren in der Manege auftritt. Bildrechte: IMAGO
Ein Clown mit einer Zuschauerin, die ein Schwein hält.
29. April 1957: Zirkuszuschauer werden bisweilen in die Show eingebunden - hier überreicht Clown Hoppe einer Zuschauerin ein eingekleidetes Schwein. Bildrechte: IMAGO
Elefanten vor der Charlottenburg.
Doch das exotische Moment bringt Zuschauer und Aufsehen - wie hier am 25. März 1959. Laut trompetend zogen sie an der Charlottenburg vorbei, vom Bahnhof auf dem Weg zum Zirkuszelt. Begleitet wurden sie von drei Polizeiwagen. Bildrechte: IMAGO
Ein Mann und ein Affe trinken aus einer Tasse.
27. Juni 1958: Hinter den Kulissen - Ernst Mey trinkt seinen mordenlichen Tee immer zusammen mit "Fips", dem Schimpansen. Eventuell eine namentliche Anlehnung an die populäre Geschichte von Dichter Wilhelm Busch über einen "frechen" Schimpansen. Bildrechte: IMAGO
Ein Polizist mit einem Bären auf dem Go-Kart.
12. Juni 1970, Bärin "Jenny" auf dem Gokart gibt dem Polizisten eine Karte: Sie enthält den Bildinformationen zufolge den Namen der Bärin, eine Arbeitserlaubnis für Berlin, sowie eine Gokart-"Fahrerlaubnis" des Zircusdirektors. Bildrechte: IMAGO
Seelöwe während einer Vorstellung des Zirkus Sarrasani.
10.04.2008 - Ein "Klassiker" in der Seelöwen-Dressur: Der Ball, der auf der Nase balanciert wird. Bildrechte: IMAGO
Leonid Beljakov mit einem seilspringenden Hund.
2008/2009: Leonid Beljakov mit einem seilspringenden Hund. Bildrechte: IMAGO
Alle (8) Bilder anzeigen

Circus Sarrasani Atemberaubende Werbeaktionen

Spektakuläre Kulissen für spektakuläre Bilder: Ob Tiger vor dem Reichstag oder auf dem Hochseil über dem Zirkuszelt - Circus Sarrasani sorgte schon immer für Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Artisten vom Duo-Bress.
07. Juli 1957: Das Duo Bress zeigt eine ungesicherte Seil-Akrobatiknummer in 125 Metern Höhe - nämlich auf dem Berliner Funkturm. Bildrechte: IMAGO
Artisten vom Duo-Bress.
07. Juli 1957: Das Duo Bress zeigt eine ungesicherte Seil-Akrobatiknummer in 125 Metern Höhe - nämlich auf dem Berliner Funkturm. Bildrechte: IMAGO
Alle (1) Bilder anzeigen