Porträt Zu Unrecht vergessen: Carl Adolph Riebeck - Der mitteldeutsche Braunkohlebaron

Vom Harzer Bergwerksjungen zum Grubenbesitzer und Großindustriellen in Halle: Riebeck wusste, wie man Kohle mit Kohle macht. Seine Herkunft vergaß er nie. Der Selfmademan der Gründerzeit scheint vergessen. Dabei prägte er die Entwicklung des mitteldeutschen Bergbau- und Industriereviers maßgeblich. Von dem Mann, der wenig an seinem Nachruhm arbeitete, gibt es hingegen nicht viel mehr als ein etwas unvorteilhaftes Bildnis ...

Schwarzweißfoto von Carl Adolph Riebeck, dem mitteldeutschen Braunkohlebaron
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende seines Lebens gehören ihm 15 Kohlebergwerke, 27 Brikettpressen, 31 Schwelereien, drei Mineralölfabriken, außerdem 13 Ziegeleien sowie eine Brauerei und eine Hand voll Rittergüter. Nicht schlecht für einen Bergwerksjungen aus dem Harz.

Carl Adolph Riebeck - Der mitteldeutsche Braunkohlebaron im Porträt
Simone Trieder, Biografin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nur leider scheint die Lebensgeschichte dieses Selfmademan der Gründerzeit fast in Vergessenheit geraten, und das obwohl Carl Adolph Riebeck die Entwicklung des mitteldeutschen Bergbau- und Industriereviers maßgeblich prägte. Möglicherweise kam das so, weil er selbst keinen großen Wert auf seinen Nachruhm legte, mutmaßt seine erste und einzige Biografin Simone Trieder. Auf dem einzigen überlieferten Foto sehe er aus "wie ein trauriger Seebär, nicht wie ein stolzer Industrieller", lacht sie. Dabei sei Riebeck ein "unglaublich energievoller Typ" gewesen.

Vom Bergwerksjungen zum Werksleiter

Carl Adolph Riebeck - Der mitteldeutsche Braunkohlebaron im Porträt
Stollen-Nachbau im Bergbau-Museum Deuben Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seine Mutter verliert er früh, sein Vater, ebenfalls Bergmann, geht der Arbeit wegen ins Ausland, so wächst er zunächst bei entfernteren Verwandten auf, wie Trieder recherchierte: "Später baut er sich ein Imperium auf, er hatte wenig Schulbildung, war aber fasziniert und offen für die technischen Neuerungen seiner Zeit. So interessierte er sich auch für komplizierteste chemische Prozesse wie die Kohleveredlung." Dass es Riebeck zum mitteldeutschen Braunkohlebaron gebracht hat, sieht Trieder in seiner Neugier, seinem technischem Verständnis und vor allem in seinem offenbar sehr großen Aufstiegswillen begründet.

Als Zehnjähriger muss Carl Adolph Riebeck den Lebensunterhalt der Familie, die seit 1827 in Harzgerode lebt, mitverdienen; als Poch-Junge im Erz-Bergwerk unter Tage. Mit 14 beginnt er dort auch seine Ausbildung, arbeitet in Zehn- bis 14-Stunden-Schichten. Irgendwie entkommt er der perspektivlosen Maloche. Schon mit 25 leitet er die Produktion in einem Alaunwerk. Etwa zur selben Zeit heiratet er Marie Renke, 17 Kinder bekommt das Paar in den 26 Jahren des gemeinsamen Lebens, nur vier erreichen das Erwachsenenalter. Offenbar, so schließt Trieder, gibt diese Frau Riebeck starken Rückhalt. Als sie das dritte Kind erwartet, verbüßt er nach der 1848er-Revolution gerade eine einjährige Haftstrafe im Zuchthaus Sonnenburg. Ob er wegen aufrührerischer Äußerungen einsitzt oder wegen Steuerhinterziehung oder ob er einem revolutionären Aufruf zur Steuerverweigerung folgte, lässt sich nicht ganz klären. Trieder schätzt ein, zu seinem Charakter passe das Aufbegehren.

Zeitz-Weißenfelser Revier als Riebeckland

Carl Adolph Riebeck - Der mitteldeutsche Braunkohlebaron im Porträt
Unter Bergleuten heute noch ein Begriff: Riebeck Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der Haft findet Riebeck Anstellung als Bergwerksinspektor bei der Sächsisch-thüringischen Aktiengesellschaft für Braunkohlenverwertung ansässig in Halle. Wie Erik Neumann vom Stadtmuseum erklärt, handelt es sich damals um "das größte und sehr innovative Unternehmen in der mitteldeutschen Region". Ein höherer Posten bleibt ihm wegen mangelnder akademischer Bildung verwehrt. Eine Enttäuschung, wie Neumann meint, die Riebeck mit den Anstoß gibt, sein eigenes Kohle-Start-Up aufzuziehen.

Er beginnt mit einer ersten Grube in Goßerau, wohnt aber selber in Weißenfels und geht anfangs mit seinem ersten Vorarbeiter diese zwei Stunden von Weißenfels nach Goßerau zu Fuß. Und dabei stellt er fest: 'Da gibt's noch 'ne Grube und noch 'ne Grube. Dann kauft er eine nach der anderen in der Region auf.

Erik Neumann Stadtmuseum Halle

Mit Gespür für die guten Standorte und die besondere Kohle, aus der sich auch das Halbfabrikat Teer herstellen lässt. Langsam wird das Zeitz-Weißenfelser Revier zum Riebeck-Land. Das Risiko-Kapital dafür bekommt er vom Hallenser Bankhaus Ludwig Lehmann, bei einem Zinssatz von 25 Prozent! Er schafft es, schnell zu expandieren und die Schulden zu begleichen.

Kohle, Koks, Kerzen – und Reudnitzer Bier

Carl Adolph Riebeck - Der mitteldeutsche Braunkohlebaron im Porträt
Werbung für Briketts, Fundstücke im Magazin Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und schneller als viele der Studierten von der Konkurrenz entdeckt er, welches Potenzial in der mitteldeutschen Braunkohle steckt. So nutzt er das Teer weiter zur Herstellung von Paraffin, das wiederum für die Produktion von Kerzen wichtig ist. Die werden in einer Zeit, in der die Leute noch Rüböl oder Bienenwachs brauchen, um sich Licht zu machen, wegen ihrer guten Qualität zum Verkaufsschlager, auch im Ausland, sogar im Vatikan sorgen sie für Erleuchtung. Sein nächster durchschlagender Erfolg sind die Briketts. Industriell aus bis dahin kaum verwertetem Braunkohlengrus gepresst und getrocknet, sind sie ein guter und preiswerter Brennstoff – sowohl für Haushalte als auch für die stark wachsende Industrie.

Immer plant er so, dass die Wege kurz und effizient sind; die Brikettfabrik steht neben der Grube, und daneben noch eine Fabrik zur Herstellung von Ziegeln. Außerdem entdeckt er neue Geschäftsfelder Schließlich produziert er nicht nur Kohle, Koks, Teer und Kerzen, sondern nimmt auch die Arbeiter als Konsumenten in den Blick. Er gründet die Riebeck-Brauerei in Leipzig-Reudnitz.

Spurensuche in Halle

Carl Adolph Riebeck - Der mitteldeutsche Braunkohlebaron im Porträt
Büste im Stadtmuseum Halle Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus dem Harzgeröder Poch-Jungen wird ein Großindustrieller, der 1866 seine neue Residenz in Halle bezieht. Nahe der Altstadt und noch näher am Bahnhof, an dem auch seine Produkte verladen werden, kauft er einen repräsentativen Firmen- und Wohnsitz. Er wird zum reichsten Bürger der Stadt und lässt sich in den Stadtrat wählen.

Gut 100 Jahre später wird der Platz nach dem Arbeiterführer Thälmann umbenannt. Riebecks Aufstieg aus der Arbeiterklasse scheint zu DDR-Zeiten nur bedingt beispielhaft. Auch wenn er sich für sozialen Wohnungsbau oder bei der Bekämpfung der Folgen der Choleraepidemie, die um 1866 in Mitteldeutschland grassiert, engagiert. In Zeiten der aufkommenden Arbeiterbewegung und der Sozialgesetzgebung sieht Erik Neumann vom Stadtmuseum Halle in Riebeck tatsächlich eher einen "Verfechter des Liberalismus mit einer patriarchalisch-familiäre Auffassung von Unternehmensführung".

Carl Adolph Riebeck - Der mitteldeutsche Braunkohlebaron im Porträt
Grabanlage auf dem Stadtgottesacker in Halle Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

1883 stirbt Carl Adolph Riebeck. In der Grabanlage auf dem Stadtgottesacker in Halle ruht er bei seiner ersten und seiner später verstorbenen zweiten Frau und einigen Kindern aus beiden Ehen. Zwei seiner Söhne ließ er studieren, was ihm nicht konnte. Doch sie treten das Erbe des Vaters nicht an. Aus Riebecks Reich wird eine Aktiengesellschaft, der Firmengründer gerät mehr und mehr in Vergessenheit.

Seit 1991 heißt der Platz am Bahnhof wieder nach Riebeck, das DDR-Monument verschwand. Außer einigen Bergleuten wissen nicht mehr viele, was für ein spannender Mann der Namensgeber war.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 16. Juli 2020 | 23:05 Uhr