Robertson Davies
Der kanadische Schriftsteller Robertson Davies (1913–1995) Bildrechte: dpa

Buchkritik Kanadier Robertson Davies zeigt britischen Humor

In seiner Heimat Kanada ist der Autor Robertson Davies (1913–1995) eine feste Größe. Sein 1970 erschienener Roman "Der Fünfte im Spiel" ist nun auf Deutsch neu aufgelegt worden. Ein raffiniert erzähltes Buch voll Witz.

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Robertson Davies
Der kanadische Schriftsteller Robertson Davies (1913–1995) Bildrechte: dpa

Deptford, eine Kleinstadt in Ontario, ein Wintertag im Jahr 1908. Jungen bewerfen sich mit Schneebällen, bis einer von diesen sein Ziel verfehlt und die schwangere Pfarrersfrau Mary Dempster trifft. Es kommt zur Frühgeburt ihres Sohnes Paul, und die Mutter wird sich von diesem Schock nie mehr erholen.

Schon mit dieser glanzvoll inszenierten Auftaktszene zeigt der Kanadier Robertson Davies (1913–1995), der bis heute eine feste Größe in der Literaturgeschichte seiner Heimat ist, seine Erzählkunst. 1970 erschien "Der Fünfte im Spiel" zuerst, als Auftakt der sogenannten Deptford-Trilogie, und dem Dörlemann Verlag ist es zu verdanken, dass der auf Deutsch zuerst 1984 bei Zsolnay erschienene Roman nun in durchgesehener Übersetzung neu aufgelegt wird.

Guter Sinn für komische Situationen

Robertson Davies: Der fünfte im Spiel
In Kanada gilt Robertson Davies' Buch als Klassiker. Bildrechte: Dörlemann

Der folgenreiche Schneeballwurf weist zugleich darauf hin, dass sich Fragen von Schicksal, Zufall und Schuld durch den ganzen Roman ziehen und seine Protagonisten nicht loslassen werden. Dunstan Ramsay und Percy Boyd Staunton, Boy genannt, sind es, die mit ihren nur harmlos wirkenden Kinderspielen das Familienleben der Dempster grundlegend verändern – zwei Freunde, die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Der eine, Boy, scheint einem Roman F. Scott Fitzgeralds entsprungen zu sein, macht als Zuckerfabrikant gute Geschäfte, weiß das gewonnene Geld bestens anzulegen, spannt seinem Freund Dunstan die Jugendfreundin aus, die danach kaum noch glückliche Stunden hat, und gewinnt zuletzt als Parlamentarier weiteres Ansehen.

Dunstan hingegen, der als Ich-Erzähler die Geschichte vom Jahr 1969 aus im Rückblick ausbreitet, hat mit der Geld-Ruhm-und-Sex-Vita seines extrovertierten Freundes wenig zu tun. Er studiert Geschichte, wird Lehrer, tut sich mit dem Heiraten schwer und beschäftigt sich mit Heiligenlegenden, deren Ursprüngen er auf Reisen quer durch Europa und Mexiko nachspürt.

Robertson Davies hat ein genaues Auge für bizarre Episoden.

Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Gleichzeitig hält er Freundschaft mit der zehn Jahre älteren Mary Dempster, die er als "Heilige" verklärt und ihr auch die Treue hält, als sie zuletzt in einer psychiatrischen Anstalt unterkommt. Auch ihrem Sohn Paul, der als Magier weltweit Erfolge feiert, begegnet er immer wieder, was ihm zuletzt die Freundschaft einer kräftigen Schweizer Uhrmacherstochter namens Liesl Vitzlipützli einbringt, die sein Leben zuletzt auf eine neue Spur setzt.

Robertson Davies ist ein raffinierter Erzähler, der mühelos beklemmende Kleinstadtatmosphäre einfängt und kurz darauf seine Leser in die Ypernschlachten des Ersten Weltkriegs führt. Zudem hat er ein genaues Auge für bizarre Episoden, als man zum Beispiel in Ontario die Kriegssiege des kanadischen Corps feiert und dabei eine Kaiser-Wilhelm-Figur unter Gejohle aufknüpft, und einen guten Sinn für komische Situationen, die die nicht wenigen Todesfälle in diesem Roman abfedern.

Bezüge zu C. G. Jung und Sigmund Freud

Dass einige von Duncans Frauenbekanntschaften treffliche Namen wie Agnes Day, Gloria Mundy und Libby Doe tragen, deutet bereits darauf hin – und die Davies-Philologie hat das eifrig untersucht –, dass sich dieser Autor mit den Forschungen C. G. Jungs und Freuds gut auskannte, und man seine Figuren, sofern gewünscht, als Archetypen bestimmter Lebensformen verstehen darf.

Zwingend erforderlich ist das nicht, um Freude an diesem überquellenden Roman zu haben, der viel britischen Witz – Davies verbrachte einige Zeit seines Lebens in Oxford und war mit der englischen Literatur gut vertraut – und viel Gelehrsamkeit aufweist. Und darüber aufklärt, wer der "Fünfte im Spiel" (im Original: "Fifth Business") ist. Derjenige nämlich, der früher im Theater oder in der Oper nicht zu den handelnden Akteuren zählte, aber für die Aufklärung des Geschehens unentbehrlich war. Einer wie der Heiligenforscher Dunstan Ramsay eben.

Angaben zum Buch Robertson Davies: "Der Fünfte im Spiel" Roman
Aus dem Englischen von Maria Seifert
Dörlemann, Zürich 2019
414 Seiten, 25 Euro, gebunden

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Mai 2019, 04:00 Uhr

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