Neues Sachbuch: "Rosenkranzkommunismus" Wie die DDR den Glauben im Eichsfeld besiegen wollte

War das katholische Eichsfeld zu DDR-Zeiten so etwas wie Asterix' gallisches Dorf? Der Historiker Christian Stöber spricht lieber von einem politischem Ausnahmegebiet. Offene Rebellion gegen die atheistischen Eindringlinge habe es nicht gegeben, eher missmutige Anpassung, aber auch renitente Verweigerung. Im Sachbuch "Rosenkranzkommunismus" beschreibt er, wie Partei und Staat den "Irrglauben" mit dem 1959 gefassten "Eichsfeldplan" besiegen wollten – und scheiterten.

Wiese vor Dorf
"Gallische Dörfer"? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Rosenkranzkommunisten" – so nannte die Stasi spöttisch die Eichsfelder Katholiken, die auch in der SED Mitglied waren. Im Sachbuch analysiert der Historiker Christian Stöber, wie die Partei ab Ende der 1950er-Jahre versuchte, den in der Region tief verwurzelten Glauben zurückzudrängen.

"Ideologisches Dilemma"

Dazu brauchten die Genossen, die eigentlich keine "religiös Gebundenen" in ihren Reihen wollten, paradoxerweise auch die ortsansässigen Katholiken, denn die waren anders als sonst im atheistischen Staat absolut in der Überzahl. Stöber spricht von einem "ideologischen Dilemma", in dem die Funktionäre steckten, zumal das Eichsfeld an der innerdeutschen Grenze lag. Nicht nur mit Marx, Engels und Lenin versuchten sie deswegen im Ost-West-Vergleich zu punkten.

Der "Eichsfeldplan", den die Partei 1959 beschloss, umfasste Stöber zufolge vor allem Maßnahmen zur Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Infrastruktur in einer Region, die über Jahrhunderte als Armenhaus galt. Bauern konnten dort wegen der kargen Böden schlecht überleben. Industrie gab es kaum. Als Wanderarbeiter mussten sich viele verdingen, zum Broterwerb gingen sie bis ins Rhein-Ruhr-Gebiet. Mitte der 1950er-Jahre gab es über 150 Vereine der Eichsfelder in der Fremde, deren Dachverband sorgte dafür, dass man genau hinschaute, was im Osten passiert. Auch so erklärt Stöber den Zugzwang, in dem sich das DDR-Regime befand.

Mann
Historiker Christian Stöber Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die ausgeprägt politische Seite des Eichsfelder Katholizismus habe man von Anfang an, "schon 1946 bei den einzigen halbwegs freien Wahlen in der SBZ" spüren können: "Nirgendwo schnitt die SED schlechter ab, die CDU nirgendwo besser."

Grenzanlage
Im deutsch-deutschen Grenzgebiet Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Versuche der Fremdbestimmung kamen bei den Eichsfeldern nie so gut an, was sich laut Stöber zu DDR-Zeiten auch daran zeigte, dass die verbliebenen Bauern nicht so recht fürs kollektive Wirtschaften in einer LPG zu begeistern waren. Gemeinschaft stifteten Prozessionen und Wallfahrten, eine führte hinauf zum Hülfensberg nahe Geismar mitten im bereits 1952 eingerichteten Sperrgebiet, erzählt Sachbuch-Autor Stöber, der heute auch wissenschaftlicher Leiter des Grenzmuseums Schifflersgrund ist.

"Loyalitätsfördernde Maßnahmen"

Angesichts dieser "hochproblematischen Gemengelage" wurde geklotzt und nicht gekleckert: Mit dem "Eichsfeldplan" entstand das größte Zement-Werk des Landes in Deuna sowie die damals größte Baumwollspinnerei Europas in Leinefelde.

Relief
"An sozialistische Alltagskultur heranführen" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Neben Arbeitsplätzen wurde neuer Wohnraum geschaffen; Krippen, Kindergärten, medizinische Einrichtungen massiv ausgebaut. Kulturhäuser und -säle, Bibliotheken und Musikschulen eröffneten. So sollten die Leute ihrer kirchennahen Lebenswelt entfremdet und an eine staatsnahe sozialistische Alltagskultur herangeführt werden, sagt Stöber. Als Ersatzritus für die kirchliche Kommunion wurde die Jugendweihe propagiert. Währenddessen begannen kirchliche Einrichtungen um ihre Existenz zu kämpfen, ab den 1960er-Jahren durften sie Kinder nicht mehr erziehen oder unterrichten. So wurde beispielsweise das Raphaelsheim in Heiligenstadt geschlossen. Stattdessen sollte man sich dort nun um geistig behinderte Menschen kümmern. Darüber hinaus gab es Stöber zufolge "nachweislich Diskriminierungen von Katholiken im Berufsalltag, im Bildungsweg, Unterwanderungsversuche durch die Stasi". Doch wer bedrängt worden sei, habe mit Hilfe von Seiten der Kirche rechnen können.

Kulturhaus
Eichsfelder Kulturhaus Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am Ende, so konstatiert der Historiker, sei der "Eichsfeldplan" vielleicht ein wirtschafts- und sozialpolitischer Erfolg gewesen, das "ideologische Dilemma" löste er nicht. Die SED konnte keinen Zulauf verzeichnen. So kam es, dass man den Eichsfeldern erlaubte, zugleich in Partei und Kirche zu sein. Das wiederum führte Stöber zufolge dazu, dass man den "Rosenkranzkommunisten" nicht recht traute. Leitungspositionen in Partei, Betrieben und Kommunen wurden in einer "Kaderoffensive" mit zuverlässigem Führungspersonal aus anderen Teilen des Landes besetzt. Rückblickend sei dieses Misstrauen ein Grundfehler gewesen.

Bis zum Ende schwankte der Kurs zwischen Vereinnahmung und Ausgrenzung. Der zuständige Erfurter SED-Bezirkschef Gerhard Müller wollte 1982 durchgreifen im "politischen Ausnahmegebiet", schildert Stöber. Auf einer Parteiversammlung forderte er, man müsse sich jetzt zwischen Marx, Engels, Lenin oder dem Papst entscheiden. 1984 stoppte das Politbüro den Hardliner. "Man holte die Peitsche raus, schlug aber nicht richtig zu", sagt Stöber, der bei seinen Recherchen außerdem feststellte, dass es im Eichsfeld zwar viele Parteistrafen, aber wenig Ausschlussverfahren gab.

Zwischen missmutiger Anpassung und Resistenz

Kirche
Am Ende bleibt die Kirche im Dorf, Leinefelde bekommt den größten Kirchenneubau der DDR und ein Papst besucht die Wallfahrtskapelle Etzelsbach. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das katholische Eichsfeld mit Asterix' gallischem Dorf zu vergleichen, findet der Historiker nicht ganz treffend. Dort habe es keine offene Rebellion gegen die atheistischen Eindringlinge gegeben, übrigens auch nicht mehr Ausreiseanträge oder Bausoldaten als andernorts in der DDR: "Missmutige Anpassung, widerspenstige Verweigerung, Renitenz – das sind eher Begriffe, die auf das Eichsfeld passen." Selbst die katholische Kirche hielt sich mit öffentlicher Kritik zurück, um intern hart zu verhandeln, wie Stöber erklärt. Etwa über den Ausbau kirchlicher Einrichtungen, auch mit Hilfe von finanziellen Mitteln aus dem Westen. All das war nun möglich, strebte die DDR doch nach internationaler Anerkennung, auch durch den Vatikan.

Irgendwie profitierte die katholische Kirche sogar vom "Eichsfeldplan". Nicht zufällig, so Stöber, sei ausgerechnet in Leinefelde der größte Kirchenneubau der DDR entstanden. Das Wachstum der Stadt machte auch die Kirche größer. Viele die wegen der Baumwollspinnerei in die Stadt gezogen waren, waren auch Katholiken und brauchten aus Kirchensicht seelsorgerische Betreuung. Auch die Jugendarbeit wurde intensiviert. Ab 1988 wurde St. Bonifatius als Teil eines überregionalen Gemeindezentrums gebaut. Eingeweiht wurde das Gotteshaus 1993, als nicht nur der "Eichsfeldplan" sondern auch die DDR schon Geschichte waren.

Rosenkranzkommunismus - Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld 1945-1989
Ch. Links Verlag, 424 Seiten
ISBN: 978-3-96289-064-3
Bildrechte: Ch. Links Verlag

Stichwort: Glaubenskampf im Eichsfeld * Von den 110.000 Bewohnern des Eichsfeldes gehörten zu DDR-Zeiten 80 Prozent dem katholischen Glauben an.

* Das Eichsfeld war innerdeutsches Grenzgebiet. Rund ein Drittel lag im Westen, 40 Prozent der Ost-Gemeinden im 1952 von der DDR eingeführten Sperrgebiet.

* 600 Eichsfelder wurden zu DDR-Zeiten aus dem Sperrgebiet zwangsumgesiedelt. Eine Maßnahme, die auch der Einschüchterung diente.

* Gestählt waren die Eichsfelder bereits durch den Kulturkampf, den Bismarck gegen die Katholiken führte. Nach den Napoleonischen Kriegen war das Gebiet Preußen zugefallen und damit protestantisch. Als Strafe für den Widerstand wurde das Eichsfeld vernachlässigt, die Region verarmte.

* In dieser Zeit bildete sich das Selbstverständnis von einem katholischen Bollwerk gegen den Staat heraus.

* Dabei war das Eichsfeld im Zuge der Reformation zunächst protestantisch geworden. Das änderte sich mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555. Danach bestimmte der Landesherr die Konfession. Der Kurfürst von Mainz war zugleich Erzbischof, also ein katholischer Geistlicher, der als Vorhut die Jesuiten schickte. Die gründeten Schulen und schafften es, sich der einfachen Landbevölkerung so zuzuwenden, dass der neue Glauben Fuß fassen und Teil der Identität werden konnte.

Angaben zum Buch Christian Stöber
Rosenkranzkommunismus
Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld 1945-1989
Ch. Links Verlag, 424 Seiten
ISBN: 978-3-96289-064-3

Mehr zum Thema

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 05. Dezember 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Dezember 2019, 12:03 Uhr

Abonnieren