Hausbesuch Rudolf Horn: Der "Mister IKEA" Ostdeutschlands wird 90

Einfache und zugleich schöne Möbel sind heute eine teure Angelegenheit. In der DDR waren sie vor allem rar. Nur mit guten Beziehungen ließ sich die inzwischen legendäre Möbelwand MDW der Werkstätten Hellerau ergattern. Rund 500.000 Exemplare wurden ab Ende der 1960er-Jahre verkauft. Am 24. Juni feiert ihr Erfinder Rudolf Horn seinen 90. Geburtstag, der "Mister Ikea" Ostdeutschlands nennt sich selbst übrigens nicht Designer sondern Formgestalter. Wir haben ihn in Leipzig-Gohlis besucht.

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Der Möbelgestalter Rudolf Horn steht in seiner Wohnung in Leipzig in seinem Arbeitszimmer vor Möbelentwürfen der 1960er/70er Jahre. 4 min
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MDR KULTUR - Das Radio So 23.06.2019 18:37Uhr 04:18 min

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Rudolf Horn gilt heute als der bekannteste Designer der DDR. Manche nennen ihn den Design-Papst, andere "Mister Ikea" der DDR.

"Ein spaßiger, wenn auch nicht zutreffender Vergleich"

Horn indessen, der eine schwarze Hornbrille trägt und mit nunmehr 90 aussieht wie 70, belächelt jene Zuschreibungen: "Ich kannte IKEA nicht, in den 1960er-Jahren. Das ist insofern ein spaßiger, wenn auch nicht zutreffender Vergleich, weil, als es dann im Osten Deutschlands kaufbar war, es das gleiche Prinzip realisierte, nämlich weitgehend offene Programme anzubieten, die vom Nutzer nach eigenen Maß gekauft werden konnten."

Horn betont, dass er sich selbst nicht als Designer, sondern als Formgestalter sieht: Ein Designer präsentiere fertige Produkte, während Formgestaltung immer einem offenen Wandlungsprozess unterliege. Jahrzehnte lang arbeitete er eng mit der Industrie zusammen. Nach seinem Diplom als Formgestalter an der Burg in Halle, leitete er dort von 1966 bis 1996, 30 Jahre lang, das Institut für Ausbaugestaltung.

MDW – Geniales Möbelmontagesystem oder "Bretterhaufen"?

Am Anfang jener Jahre entwickelte er auch jene neuartige Möbelserie, mit Namen MDW, die 1967 in Leipzig auf der Messe präsentiert, ihren Siegeszug in ostdeutsche Wohnungen antreten sollte. Vom Staatsratsvorsitzenden, und gelernten Tischler, Walter Ulbricht zunächst als "Bretterhaufen" verschmäht, kamen die Deutschen Werkstätten Hellerau gar nicht nach, mit der Produktion, die wie stets in der DDR gefordert, wirtschaftlich war, zudem konnten die Kunden erstmals beim Möbelbau selbst kreativ werden:

Es ist das am längsten in Europa gefertigte Montagemöbelsystem. Ich habe in den Wohnungen immer fotografieren lassen, um zu sehen, was machen die Leute denn da mit dem, was ich mir ausgedacht hatte. Und das war wunderbar, ich wäre nie auf diese Gedanken gekommen. Konnte ich auch nicht, denn ich lebte nicht mit diesen Menschen, die wussten besser als ich, was sie brauchten. - Der Handel war mein Gegner.

Rudolf Horn, Formgestalter

Das "Möbelprogramm Deutsche Werkstätten" aus Dresden-Hellerau

MDW steht für "Möbelprogramm Deutsche Werkstätten" aus Dresden-Hellerau. Die Montage-Möbel wurden zwischen 1966 und 1991 produziert und sind heute längst Klassiker. Das Design des Möbelprogramms stammt von Rudolf Horn.

Einrichtungsbeispiel mit den Montagemöbeln MDW 90
Praktisch und von nobler Schlichtheit sollte es sein - das "Möbelprogramm Deutsche Werkstätten" (MDW) aus Hellerau bei Dresden. Für die Gestaltung der Möbel war der Designer Rudolf Horn zuständig. Im Bild ein Einrichtungsbeispiel mit den Montagemöbeln "MDW 90": Bücherregale verschiedener Größen, die man je nach Bedarf kombinieren kann. Bildrechte: Rudolf Horn
Einrichtungsbeispiel mit den Montagemöbeln MDW 90
Praktisch und von nobler Schlichtheit sollte es sein - das "Möbelprogramm Deutsche Werkstätten" (MDW) aus Hellerau bei Dresden. Für die Gestaltung der Möbel war der Designer Rudolf Horn zuständig. Im Bild ein Einrichtungsbeispiel mit den Montagemöbeln "MDW 90": Bücherregale verschiedener Größen, die man je nach Bedarf kombinieren kann. Bildrechte: Rudolf Horn
Beispiel für Anwendung der Montagemöbel MDW 90
Rudolf Horn wollte Möbel für den "Volksbedarf" schaffen, keinen Luxus. Und genau das ist ihm auch gelungen. Im Bild diverse "MDW 90"-Regalteile. Bildrechte: Rudolf Horn
Beispiel für Anwendung der Montagemöbel MDW 90
Rudolf Horns Möbel sind längst Klassiker der Moderne. Hier sind Regalteile und ein Büroschrank miteinander kombiniert. Bildrechte: Rudolf Horn
Beispiel für Funktionalität der Kücheneinrichtung
Ein Beispiel für die Funktionalität der Kücheneinrichtung aus Hellerau. Unterschränke, Oberschränke, ein in das Küchenmöbel integrierter Kühlschrank sowie ein herausziehbarer Esstisch. Der Stuhl stammt ebenfalls aus den Werkstätten Hellerau. Bildrechte: Rudolf Horn
Beispiel für Funktionalität der Kücheneinrichtung
Ein Küchenschrank aus Hellerau. Die Besonderheit des Küchenmöbels - die herausziehbare Arbeitsplatte aus Holz. Bildrechte: Rudolf Horn
Beispiel für Funktionalität der Kücheneinrichtung
Die Möbel aus Hellerau waren wegen ihrer Funktionalität und hochwertigen Verarbeitung äußerst begehrt in der DDR. Im Bild: Besenschrank mit Regalen. Bildrechte: Rudolf Horn
Montagemöbel MDW 90
Insgesamt 500.000 Montagemöbel sind zwischen 1966 und 1990 in Hellerau produziert worden. Der Klassiker war die Schrankwand mit einem kleinen Schreibtisch.
(Über dieses Thema berichtete der MDR auch in "MDR Zeitreise", 25.07.2017 | 21.05 Uhr.)
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Mit der MDW-Serie entwickelte sich ein neues Kundenverhalten in der DDR; neben Kundendienst, Beratung und Prospekten waren erstmals auch Ausschneidebögen für die Möbel gefragt. Auf seine geistigen Väter angesprochen, betont Rudolf Horn, dass es unteren anderen der letzte Bauhaus-Direktor Hannes Meyer und sein, der Masse, verpflichteter, Gestaltungswille gewesen sei, der auch ihn beflügelt habe: Keine avantgardistischen, keine repräsentativen, sondern funktionelle, preiswerte und schöne Möbel für die breite Mittelschicht entwarf Horn.

Besser als das Original: Horns Retro-Chair bald in Neuauflage

Jedoch, es gibt Ausnahmen. Wer Rudolf Horns Altbauwohnung in Leipzig-Gohlis betritt, dem fällt zunächst jene zeitlos-moderne Einrichtung ins Auge, die fast gänzlich aus Entwürfen, teils Prototypen, des Formgestalters aus frühen DDR-Zeiten besteht.

Freischwinger nach Rudolf Horn
Freischwinger nach Rudolf Horn, "kritische Reflektion" auf Breuer Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Im Arbeitszimmer schließlich grüßt ein Freischwinger, ein Sessel, den Horn in den 1970ern als "kritische Reflektion" zu van der Rohes Barcelona-Chair entwarf, damals leider nur im Westen erhältlich. Wesentlich bequemer, federnder als der Barcelona-Chair, wird Horns Sessel unter Kennern als Retro-Chair für Tausende gehandelt.

Bald soll er eine Neuauflage erhalten.

Ich bin jetzt dabei, mit einer Verwertungsgesellschaft, ihn neu aufzulegen. Verbessert in den Details. Ich hoffe, dass wir noch in diesem Jahr in der Lage sind, ihn vielleicht im Grassimuseum in Leipzig, vorzustellen. Mit einer Erweiterung: Es ist dazu ein Hocker entstanden, ein Zweisitzer aus dem Einsitzer, also eine Produktfamilie.

Rudolf Horn, Formgestalter

Innovation Nummer 2: "Variables Wohnen" bis heute nicht realisiert

Nach der MDW-Möbelserie ab 1967 fand bahnbrechendes Möbeldesign in der DDR jedoch immer spärlicher den Weg zu den Kunden: Das Korsett der DDR-Massenindustrie zwängte die Gestalter zunehmend ein, verkrustete Organsiationsformen taten ihr Übriges. Das zeigte sich schon in den 1970ern, als Horn mithilfe des DDR-Plattenbaus in Rostock einen Versuch zum "variablen Wohnen" unternahm, der sich letztlich nicht durchsetzen ließ. Die Familien jedoch, die daran teilnahmen, konnten die Innenwände ihrer Wohnung so versetzen lassen, wie sie es brauchten. Am Ende waren selbst die Planer überrascht, dass kein Grundriss dem anderen glich. Rudolf Horn erklärt dazu:

Die volkswirtschaftliche Umsetzung, die scheiterte. An der Starre planwirtschaftlichen Vorgehens, leider! Im Kern ist es ein System, dieses variable Wohnen, das man nur im volkswirtschaftlichen, größeren Rahmen realisieren kann. Es ist bis heute nicht wirklich realisiert.

Rudolf Horn, Formgestalter

Immer noch nicht ganz im Ruhestand

Seit 1997 als Professor emeritiert, befindet sich Rudolf Horn dennoch nicht im kompletten Ruhestands-Modus, treibt täglich Sport, publiziert hie und da eine Schrift zu Design und Formgestaltung, besonders in der DDR, und hat zu jener Betätigung zurückgefunden, mit der, in seiner Jugend in Waldheim, alles anfing – dem Malen.

Der DDR-Designer Rudolf Horn steht an einer von ihm entworfenen Garderobe und dem Telefon w 58 in der Ausstellung «Jugendstil bis Gegenwart» im Grassi-Museum in Leipzig.
Horn am Apparat und vor seiner Garderobe, in der ständigen Ausstellung im Leipziger Grassimuseum Bildrechte: dpa

Ausstellungen in Leipzig und Dresden Ständige Ausstellung
Grassi – Museum für Angewandte Kunst
Johannisplatz 5-11
04103 Leipzig

Öffnungszeiten
Di-So, Feiertage: 10—18 Uhr

Wenn Sie Ihre MDW-Anbauwand nicht mehr bei sich zu Hause stehen haben, Sie aber eine Sehnsucht gepackt hat, so besuchen Sie doch die ständige Ausstellung im Grassimuseum in Leipzig, die sich im Teil "Jugendstil bis Gegenwart" ausführlich der DDR-Formgestaltung widmet. 

"Wohnen als Offenes System"
24.08.-03.11.2019
Kunstgewerbemuseum Dresden - Schloss Pillnitz
August-Böckstiegel-Str. 2
01326 Dresden

Öffnungszeiten
Täglich 10—18 Uhr, Montag geschlossen

Mit "Variabilität", "Freiheit für den Nutzer" und "der Nutzer als Finalist" beschreibt Rudolf Horn die zentralen Themen seines Schaffens. In einem partizipativen Wohnlabor können die Besucher in der Schau sein Denkansätze auf interaktive Art und Weise nachempfinden – und eigene Geschichten mit der MDW-Anbauwand berichten.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Juni 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2019, 11:43 Uhr

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