Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm
Der Psychiater Manfred Spitzer ist für seine zugespitzten Thesen bekannt. Bildrechte: IMAGO

Sachbuch-Rezension Manfred Spitzer: Einsamkeit macht krank

von Reinhard Bärenz, Hauptredaktionsleiter MDR KULTUR

Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie und Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm
Der Psychiater Manfred Spitzer ist für seine zugespitzten Thesen bekannt. Bildrechte: IMAGO

Wenn Manfred Spitzer zur Feder greift, dann tut er das richtig. In seinen letzten Erfolgsbüchern "Cyberkrank" und "Digitale Demenz" bezog er mit provokanten Thesen eindeutig Stellung zur Digitalisierung unserer Welt. In seinem neuen Buch widmet sich der bekannte Psychiater nun einem gesellschaftlichen Phänomen, das aus seiner Sicht völlig unterschätzt und mehr als gefährlich ist: die Einsamkeit.

Einsamkeit: Ein großes Problem unserer Zeit

Buchcover:  Manfred Spitzer – Einsamkeit-die unerkannte Krankheut. Schmerzhaft, ansteckend, tödlich
Manfred Spitzer untermauert seine Thesen auch in diesem Buch mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis. Bildrechte: Verlag Droemer-Knaur

Wer glaubt, dass Einsamkeit etwas mit "zu-sich-selbst-finden" oder einer gewissen romantischen Melancholie zu tun hat, der irrt. Einsamkeit ist für Spitzer ein großes Problem unserer Zeit, und die Tatsache, dass die britische Regierung ein Ministerium für Einsamkeit eingerichtet hat, weil sich angeblich neun Millionen Briten "einsam" fühlen, zeigt, dass der Autor mit seiner Erkenntnis möglicherweise nicht ganz falsch liegt.

Und Spitzer wäre nicht Spitzer, würde er die Thesen, dass Einsamkeit krank macht, Schmerzen verursacht und sogar als Todesursache zu sehen ist, nicht mit unzähligen Studien belegen. Die Tatsache, dass das Literaturverzeichnis alleine schon auf 40 Seiten kommt, zeigt, dass er seine Thesen nicht aus der Luft gezaubert hat.

Das gesellschaftliche Miteinander lässt nach

Studien beweisen, dass seit Jahren die Empathie, das menschliche Mitgefühl, das Miteinander in unserer Gesellschaft zurückgehen. Und diese Individualisierung der Gesellschaft ist für Spitzer keine kulturelle Errungenschaft, sondern ein großes Problem. Denn diese Einsamkeit macht Stress, sie belastet uns mehr als wir meinen, sie macht uns regelrecht körperlich krank, vor allem dann, wenn es eine nicht gewollte Einsamkeit ist.

Die Schmerzen bei Trennung und Verlust sind in der Literatur immer wieder beschrieben worden. Die moderne Hirnforschung beweist nun, dass die Gefühle, die bei uns ausgelöst werden, wenn wir ausgegrenzt oder alleine gelassen werden, in dem gleichen Hirnareal abgebildet werden wie körperlicher Schmerz, zum Beispiel bei Verbrennungen oder anderen Verletzungen. Umgekehrt berichtet Spitzer sehr eindrücklich aus seiner Zeit als Klinikarzt, dass bei körperlichen Schmerzen beispielsweise nach Operationen die Nähe vertrauter Menschen diese Schmerzen der Patienten nachweisbar gelindert hat.

Psyche und Körper sind eng verbunden

Diese enge Verbindung von Psyche und Körper beim Thema Einsamkeit ist im Buch sehr eindrucksvoll beschrieben. Auch wenn einige der Thesen im Stile Manfred Spitzers vielleicht etwas überzeichnet wirken oder der wissenschaftliche Nachweis nicht immer plausibel scheint, lässt sich festhalten, dass das Buch einen starken Fokus auf ein Thema legt, das im Moment möglicherweise zu wenig Beachtung findet.

Angaben zum Buch Manfred Spitzer:
"Einsamkeit. Die unerkannte Krankheit. Schmerzhaft, ansteckend, tödlich"
Droemer Verlag, 320 Seiten
ISBN: 978-3-426-27676-1
19,99 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Februar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Februar 2018, 00:00 Uhr