Autor Frank Biess
Der Autor Frank Biess Bildrechte: ttt / Das Erste

Sachbuch-Kritik Frank Biess beschreibt Deutschland als "Republik der Angst"

In seinem Sachbuch "Republik der Angst" erzählt Frank Biess die Geschichte der Bundesrepublik als eine Geschichte kollektiver Ängste. Biess, Jahrgang 1966, lebt seit rund 20 Jahren in den USA, wo er an der University of California lehrt. Dieser Perspektivwechsel hat ihm vielleicht beim Schreiben seiner, wie es im Untertitel heißt, "anderen Geschichte der Bundesrepublik" geholfen. Mit seinem Sachbuch ist Biess für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Eine Kritik.

von Bernd Schekauski, MDR KULTUR-Redakteur für Politik

Autor Frank Biess
Der Autor Frank Biess Bildrechte: ttt / Das Erste

Im Jubiläumsjahr 2019 wird bei so mancher Feierstunde zurückgeschaut auf Wirtschaftswunder, demokratischen Wandel oder Deutsche Einheit – nur, so meint Frank Biess, habe sich diese glückselige Nachkriegsgeschichte der Westdeutschen ja nicht zwangsläufig ergeben – sie lasse sich ebenso gut als eine Geschichte von Unwägbarkeiten lesen, etwa - und genau da setzt Frank Biess an – als die von kollektiven Ängsten.

Zwar will er bei den Feierlichkeiten in diesem Jahr nicht unbedingt Essig ins Glas kippen. Er erzählt aber immerhin Geschichte aus vielleicht etwas verstörender Perspektive – durchaus eine Bereicherung. Viel wichtiger aber noch: Frank Biess vermittelt.

Bleibt Deutschland erfolgreich?

Frank Biess: "Republik der Angst"
Frank Biess schreibt die deutsche Geschichte aus einer neuen Perspektive. Bildrechte: Rowohlt

Es hat ja nie wirklich Garantien gegeben für eine erfolgreiche Geschichte der Bundesrepublik, und ob die Geschichte nun ähnlich erfolgreich so immer weiter geht oder, im Gegenteil, nicht doch wieder verheerend verläuft, das, so Frank Biess, hängt ganz wesentlich von unserer Fähigkeit ab, mit Ängsten umzugehen. Und wie Biess seine Betrachtungen dazu anlegt, das macht er großartig!

Aber täte ein Historiker nicht grundsätzlich besser daran, bei historisch belegbaren Fakten zu bleiben? Das werden einige Historiker-Kollegen so vielleicht wirklich sagen; manch einer von ihnen könnte auch den Vorwuf erheben, Biess schreibe Ängsten zu viel treibende Kräfte in der Geschichte zu.

Allerdings bleibt er sehr wohl bei belegbaren historischen Phänomenen – etwa, indem er untersucht, worauf sich wann, in welcher historischen Phase, kollektive Ängste eigentlich bezogen haben. Zunächst etwa auf ganz reale alte Nazi-Seilschaften, auf kommunistische Infiltration, später auf angebliches Waldsterben durch sauren Regen, auf den Nato-Doppelbeschluss.

Biess beschreibt Ängste im geschichtlichen Kontext

In jüngster Vergangenheit etwa wächst Angst vor dem Islam - und beängstigend geschürt auch wieder: Angst vor einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung. Biess "wiegt" da also nicht Ängste auf, um sie nach "Gewicht" zu bewerten - er beschreibt vielmehr ihren Gegenstand, ihren Ausdruck und ihre historischen Begleitumstände.

Das Geschichtsbild, das Biess uns da malt, bekommt auf diese Weise Töne und Nuancen, die wir anderswo so schnell wahrscheinlich nicht entdecken. Jedenfalls schaut Biess sich an, wie und in welchem Kontext Ängste entstehen, wie sie verlaufen, einander überlagern.

Er fragt, wodurch sie mal verstärkt, dann wieder in den Hintergrund gedrängt werden – um dann doch wieder hervorzubrechen. Und wenn man das so liest, dann versteht man schon: Ängste können historische Brandbeschleuniger sein, im besten Fall aber auch Brände verhindern.

Angst – ein deutsches Phänomen?

"Republik der Angst" – der Titel suggeriert, Angst sei in besonderer Weise der Bundesrepublik eigen. Manche Ängste hat es so tatsächlich nur in Deutschland geben können – etwa die Angst nach Krieg und Holocaust vor Vergeltung. Selbstverständlich geht Biess auch ein auf das viel spätere Phänomen der "German Angst", einem, wie er schreibt, Konstrukt der frühen 90er-Jahre – gemünzt zunächst auf Umweltschützer und Pazifisten.

Später ist der Begriff im Ausland aufgegriffen worden, um damit das Nein Deutschlands zum Irak-Krieg abzutun. Immer mehr aber, so Frank Biess, stünden nun verbreitete Ängste in Deutschland für transnationale Phänomene: die Krise der europäischen Staatsfinanzen, Klimawandel und Migration; auf der anderen Seite: erstarkender Rechtspopulismus; am meisten aber neuerdings, wie Frank Bliess belegt: die erratische Politik eines Donald Trump – weiß Gott alles keine Objekte von exklusiv Deutscher Angst.

Wie sollten wir Ängsten begegnen?

Wie wir Ängsten begegnen sollen, sagt Frank Biess in seinem Buch zumindest indirekt – etwa indem er zu verstehen gibt: Ängsten begegnet man am besten, wenn man erkennt, wodurch oder durch wen sie befeuert werden. Etwa wenn Rechtspopulisten in Deutschland das diffuse Gefühl von Angst auf Menschen projizieren: auf Muslime und Migranten, darüber hinaus aber auch auf gegnerische politische Akteure, auf das von ihnen so genannte "System" - was insofern wieder ein Bruch in deutscher Emotionsgeschichte sei, als sich hier Ängste wandelten in Hass gegen Menschen, und der Hass wiederum in Gewalt.

Wie dem nun begegnen? Biess propagiert eine, wie er es nennt, "demokratische Gefühls-Politik". Da der Rechtspopulismus auf Angstpolitik fuße, müsse man ihm eben auch auf der Gefühlsebene begegnen, sozusagen "demokratische Ängste" aktivieren - vor Verlust an freiheitlicher Demokratie, vor Despotie, vor autoritärer Gewalt. Das Ziel: Stärkung demokratischer Institutionen, Vertrauen in den Staat, Vertrauen in die Zukunft.

Und da kommt Frank Biess dann doch an Grenzen: weder will er den Psychotherapeuten geben, noch den Politikberater, und so bleibt sein Rat, der des Historikers, eher grundsätzlich-abstrakt - was aber einer nachdrücklichen Empfehlung für dieses Buch keinen Abbruch tut. Dessen Fazit: "Wir sollten uns gut überlegen, wovor wir uns ängstigen wollen". Prädikat: sehr lesenswert!

Angaben zum Buch Frank Biess: "Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik"
624 Seiten
erschienen bei Rowohlt

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. März 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. März 2019, 12:51 Uhr

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