DNA-Moleküle, die sich teilt
DNA-Moleküle Bildrechte: Colourbox.de

Sachbuch Die Ursprünge der Europäer, genetisch betrachtet

"Die Reise unserer Gene" lautet der Titel des neuen Buches von Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena. Ein Muss für alle, die Geschichte mal aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen wollen. Denn wie keine andere Fachwissenschaft hat die Biochemie unser Wissen über die Vor- und Frühzeit des Menschen in den letzten zehn Jahren revolutioniert.

von Stefan Nölke, MDR KULTUR-Geschichtsredakteur

DNA-Moleküle, die sich teilt
DNA-Moleküle Bildrechte: Colourbox.de

Zu Tausenden kamen die Menschen über die Balkanroute nach Mitteleuropa. Im fernen Anatolien waren sie einst aufgebrochen, um ein besseres Leben zu finden: kein Szenario aus dem frühen 21. Jahrhundert, sondern aus dem Neolithikum vor 8.000 Jahren. Ackerbauern aus dem fruchtbaren Halbmond drängten damals die mitteleuropäischen Jäger und Sammlerpopulationen immer weiter nach Norden. Im Gepäck hatten die Neuankömmlinge das sogenannte neolithische Paket: Die Fertigkeit, Getreide anzubauen und Haustiere zu halten.

Ihre Haut war hell, ihre Augen dunkel, während dies bei der europäischen Urbevölkerung, die hier die Härten der Eiszeit ausgestanden hatte, genau umgekehrt der Fall war: Ihre Haut war dunkel, fast wie bei den Menschen im heutigen Kenia, dafür aber waren ihre Augen blau.

Einer der gefragtesten mitteldeutschen Wissenschaftler

Eine seltsame Mischung und sicher einer der erstaunlichen Befunde, die die Archäo-Genetiker in den letzten Jahren ans Tageslicht gefördert haben. Nachzulesen im neuen Buch von Johannes Krause, einer der gefragtesten Wissenschaftler in und aus Mitteldeutschland.

Johannes Krause: "Die Reise unserer Gene"
Johannes Krause, Autor von "Die Reise unserer Gene", ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena Bildrechte: Propyläen

Der 38-jährige Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena ist einer der Pioniere der Archäo-Genetik und hat nun gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Thomas Trappe den Stand dieser jungen Disziplin zusammengefasst. Dabei erzählt Johannes Krause eher plaudernd als im wissenschaftlichen Jargon, wie er als junger Doktorand daran mitgewirkt hat, das Erbgut des Neandertalers zu entschlüsseln. Bis zu zwei Prozent stammen wir Mitteleuropäer immer noch vom Neandertaler ab.

"Vielleicht haben wir von ihm die etwas dickere Haut geerbt, wie sie die meisten afrikanischen Menschen südlich der Sahara nicht haben. Vielleicht auch eine gewisse Immunität gegen bestimmte Krankheiten. Unser Wissen steckt da noch in den Anfängen", erklärte Krause im Gespräch mit MDR KULTUR.

Die Entdeckung einer neue Menschenform

Der Biochemiker aus dem Thüringischen Leinefelde hat auch dabei mitgewirkt, eine andere, bis dato unbekannte Menschenform zu entdecken, den Denisova- Menschen, der bis vor 52.000 Jahren in den Weiten Sibiriens zu Hause war. Dabei kam ihm ein neues technisches Verfahren zugute, das er selbst mitentwickelt hat, nämlich eine Methode, die authentischen Gene der Knochen von den Genen der Archäologen und Laborangestellten zu unterscheiden, die mehr oder weniger zwangsläufig auf die Funde herabrieseln und sich dort ablagern.  

So ist es den Archäo-Genetikern in den letzten Jahren gelungen, den Genpool des modernen Europäers zu ermitteln, wie er sich bis zum späten Neolithikum herausgebildet hatte. Die wichtigste Erkenntnis ist dabei für Johannes Krause, dass nunmehr ein alter Wissenschaftsstreit gelöst wurde: Woher kam die sogenannte "Streitaxtkultur"?

'Die Reise unserer Gene' ist ein Muss für alle, die Geschichte einmal aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen wollen.

Stefan Nölke, MDR KULTUR-Geschichtsredakteur

Die Nazis, die für dieses kriegerische Volk ein Faible hatten, vermuteten Skandinavien als Ursprungsort. Dank der Biochemie ist aber nun klar, dass die "Schnurbandkeramiker", wie man die Streitaxtleute heute nennt, vor rund 5.000 Jahren aus den tiefsten Tiefen der russischen und kasachischen Steppe eingewandert sind.

Wie die Archäo-Genetiker herausgefunden haben, brachten diese Migranten allerdings nicht nur riesige Rinderherden, das Pferd und ihre Wagen mit, sondern möglicherweise auch die erste Pestwelle, die damals schon ganze Landstriche in der Mitte Europas entvölkert haben könnte.

Wie die Pest nach Europa kam

Das Buch endet mit einem Kapitel über die Erforschung großer historischer Seuchen, die zuweilen ganze Zivilisationen in den Untergang getrieben haben. Welche Mutationen hat beispielsweise der Pesterreger durchlaufen und von wem oder was nahm er seinen Ausgang? Hier steckt die Forschung erst in den Anfängen.

Und man darf gespannt sein, was die Archäo-Genetiker in den nächsten Jahren dazu an neuen Erkenntnissen zu Tage fördern. Auch die Medizin würde davon profitieren.

Angaben zum Buch Johannes Krause und Thomas Trappe: "Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren"
288 Seiten
Propyläen Verlag
22 Euro (Hardcover)

Das könnte Sie auch interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Juni 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 05. Juni 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR