Sächsische Landesausstellung zur Industriekultur "Silber-Boom": zu Besuch im Forschungsbergwerk Freiberg

Einer der sechs Schauplätze der sächsischen Landesausstellung ist ein Bergwerk in Freiberg, wo seit 1168 Silber gewonnen wurde. Führungen zeigen den Alltag der Bergleute damals und die Folgen des Silber-Booms bis heute.

Lars Eggers - Bergwerk Freiberg 5 min
Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Einer der sechs Schauplätze der sächsischen Landesausstellung ist ein Bergwerk in Freiberg, wo seit 1168 Silber gewonnen wurde. Führungen zeigen den Alltag der Bergleute damals und die Folgen des Silber-Booms bis heute.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 13.07.2020 06:00Uhr 04:30 min

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Wer heute ins sächsische Erzgebirge fährt, kann zumindest noch das Echo des "grossen berggeschreys" hören, das 1168 zuerst durch Freiberg hallte. Als dort Silber gefunden wurde, zogen Bergleute, Händler, Köhler und Vagabunden in die damals noch dicht bewaldete Gegend. Es gab später ein zweites und drittes Berggeschrey, in Schneeberg, Annaberg oder Georgenthal.

Der Silber-Boom hielt zwar nicht ewig an, förderte aber die Wissenschaft. Und so ist nun das Lehr- und Schaubergwerk Reiche Zeche der TU Bergakademie Freiberg ein Ort für die vierte Sächsische Landesausstellung geworden.

Dort drängt sich Prof. Helmut Mischo mit drei Besuchern in den engen Fahrkorb. Mehr dürfen es wegen Corona nicht sein. Alle haben sich einen Overall und Gummistiefel angezogen. Und einen Helm mit Geleucht aufgesetzt.

Mehrere Touren unter Tage für die Landesausstellung neu konzipiert

Die Fahrt geht auf die sogenannte erste Sohle – eine von fünf Sohlen, die zur Zeit noch offen sind. "Das ist die Tour für Besucher, und das, was wir heute erleben, sind Teile der Entdeckertour und der Forschertour, der beiden Touren, die für die Landesausstellung neu konzipiert wurden", so Mischo.

Projektion - Bergwerk Freiberg
Eine audio-visuelle Installation zeigt die Entstehung von Silbererzen. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Mit zwei Metern pro Sekunde geht es in die Tiefe, bis zu einer Täufe von 150 Metern. Vorbei an zwei anderen Sohlen, der Röschensohle, der alten Hauptwasserversorgungssohle des Bergwerkes, und an der Stollensohle. Dort seien bereits im 13. Und 14. Jahrhundert die Stollen ins Muldental getrieben worden, erklärt Mischo.

Die Reiche Zeche ist Teil des Bergwerkverbundes "Himmelfahrt Fundgrube". Auch wenn der Erzbergbau 1969 hier zu Ende ging, gibt es noch immer Erzgänge zu sehen, etwa aus Bleiglanz und Zinkblende. Sie dienen heute der Forschung.

Videoinstallation zeigt die Entstehung von Silbererz

In der sogenannten Silberkammer zeigt eine audio-visuelle Installation, wie das Erz in Jahrmillionen entstanden ist, für die Landesausstellung inszeniert von Designerin Nicole Kluge. "Es ist für die Bergwerksführer oftmals sehr schwer, das zu erklären, wie eigentlich der Prozess stattfindet", meint Kluge, "und hier kann man es einfach schön sehen."

Kunstgezeug - Bergwerk Freiberg
Kunstgezeug: ein Modell der "Fahrten", mit denen die Bergleute in die Tiefe fuhren. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Das Silber, für das Freiberg berühmt ist, die sogenannten Silberlocken, war extrem selten. Das Leben der Hauer war schwer und gefährlich. Mittels Leitern, den sogenannten "Fahrten", gelangten sie vor Ort. Ein 1:10-Modell führt vor, wie eine doppelläufige "Fahrkunst" den Bergleuten die Ein- und Ausfahrt erleichtern konnte – vor Erfindung der Dampfmaschine.

"Die Bergwerke waren damals schon mehrere hundert Meter tief. Ein- und Ausfahrt dauerten Stunden", erläutert Mischo. Auf diese Art konnten Einfahrt- und Ausfahrzeit deutlich verkürzt werden.

Eine Forschertour zu 23 unterirdischen Laboren

Die kürzere Entdeckertour endet in einer ausgeweiteten Kammer. Der Aufriss zeigt die Ausmaße des Stollensystems unter Freiberg. Auf einem sogenannten Forschertisch markieren weiße Reiter den Weg der längeren Forschertour zu 23 Unter-Tage-Laboren. Dort werden neue Technologien erforscht: etwa Wasserstoffspeicher, neue Materialien, Hochdruckforschung, der Einsatz von Bakterien als Bergleute.

Seit Gründung der Bergakadmie im Jahre 1765 lernten und forschten hier Bergleute aus aller Welt. So fuhr der junge Alexander von Humboldt 1791/92 fast täglich in den Himmelfahrt St. Abraham-Schacht ein, erzählt Bergbauarchäologe Lars Eggers: "Schon in den ersten Wochen hat er seine ersten sechs bis neuen Gruben befahren und ganz praktisch die Arbeit der Bergleute gelernt. Man könnte sagen von der Pike auf, mit Schlegel und Eisen."

Die Zukunft des sächsischen Bergbaus

Erzgang - Bergwerk Freiberg
Im Bergwerk gibt es unterschiedlich lange Führungen. Bildrechte: MDR/Wolfram Nagel

Heute arbeiten die Bergleute mit Computersytemen und Robotern. Sie verstünden sich auch als Dienstleister für die Wirtschaft, sagt Prof. Mischo, während er durch Wasser und Schlamm zur Sprengkammer stapft. Dort werden unter gewaltigem Druck neue Materialien erzeugt, vergleichbar mit künstlichen Diamanten.

"Wir haben mit dem Erzgebirge eine der am besten erkundeten Regionen weltweit. Mit der Einführung neuer Technologien hat sich auch der Fokus auf anderen Materialien, auf andere Elemente verlagert", so Mischo – etwa auf Lithium oder Indium. Gefördert mit umweltfreundlichen Technologien. Und so ist die Fahrt in die Reiche Zeche nicht nur eine Exkursion in Geschichte und Gegenwart des Bergbaus, sondern auch in die Zukunft.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. Juli 2020 | 08:10 Uhr