Nach dem Schäuble-Interview Corona-Debatte: Ethik-Experten stimmen Schäuble zu

Die einen plädieren für die Aufrechterhaltung der Corona-Schutzmaßnahmen, die anderen wollen Lockerungen mit Verweis auf die Grundrechte sowie die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Lockdowns. Zuletzt befeuerte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble die Debatte: Der Lebensschutz dürfe nicht über allem stehe, sagte er im "Tagesspiegel". Medizinethikerin Alena Buyx und Theologe Eberhard Schockenhoff begründen im Gespräch mit MDR KULTUR, warum sie finden, dass er recht hat.

Eine Radfahrerin mit Mundschutz
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Die Debatte um die Corona-Maßnahmen wird schärfer. Nach dem Interview von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble im "Tagesspiegel", wonach der Schutz des Lebens nicht über allem stehen dürfe, spitzte Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer von den Grünen zu: In Deutschland würden nun möglicherweise Menschen gerettet, die in einen halben Jahr sowieso tot wären. Es müsse unterschiedliche Sicherheitsvorkehrungen für Ältere und Jüngere bzw. Menschen mit Vorerkrankungen geben, da die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Lockdowns beispielsweise für armutsbedrohte Kinder gravierend seien.

Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.

Wofgang Schäuble, Bundestagspräsident Tagesspiegel

Buyx: Schäuble-Aussagen "richtig und wichtig"

Alena Buyx 8 min
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Im Gespräch mit MDR KULTUR pflichtete die Medizinethikerin Alena Buyx jetzt den Aussagen von Schäuble bei.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 27.04.2020 16:10Uhr 07:53 min

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Im Gespräch mit MDR KULTUR pflichtete die Medizinethikerin Alena Buyx jetzt den Aussagen von Schäuble bei. Er habe etwas Richtiges und Wichtiges gesagt, nämlich, dass die Menschenwürde sowohl verfassungsrechtlich als auch ethisch der oberste Leitwert sei: "Der Lebensschutz leitet sich daraus ab, ihn allerdings absolut zu setzen, hätte relativ absurde Folgen." Angesichts von 3.000 Verkehrstoten in Deutschland pro Jahr müsste man dann das Autofahren "ganz anders behandeln". Mit Blick auf die bis zu 20.000 Grippe-Toten hierzulande wäre eine Impflicht zwingend. "Aber wir sagen nicht, dass ein einzelner vermeidbarer Tod über allem steht." In diesem Sinne dürfe es keinen "Corona-Exzeptionalismus" geben.

Schon jetzt zeigten die Schutzmaßnahmen "hochproblematische Effekte", erklärte Buyx, die auch Mitglied des Deutschen Ethikrates und Professorin an der TU München ist. Dass die soziale Ungleichheit bei Kindern zunehme, Menschen wegen der Kontaktsperre ohne Beistand stürben oder andere Patienten nicht die Behandlung bekämen, die sie bräuchten, führte sie als Beispiele an.

Schockenhoff: "Niemand hat ein Recht auf unbegrenzte Unterstützung"

Ähnlich äußerte sich auch der katholische Moraltheologe Eberhard Schockenhoff zur Lebensschutz-Debatte. Im Gespräch mit MDR KULTUR betonte er, es sei wichtig, Fehlinterpretationen zu vermeiden und zu akzeptieren, dass begrenzte Ressourcen dazu führten, abwägen zu müssen, etwa zwischen der Gesundheitsvorsorge und Zukunftsinvestitionen in das Bildungssystem: "Niemand hat ein Recht auf unbegrenzte Unterstützung."

Man dürfe in der Debatte aber auch nicht den Fehler machen, Größen wie die Sterbefallzahlen von Corona- oder Grippe-Toten gegeneinander zu verrechnen und so als Argument zu missbrauchen. Was den viel diskutierten Triage-Fall angehe, werde in dieser Notsituation nicht der Wert von zwei Menschen verglichen, sondern die Erfolgschance einer medizinischen Maßnahme für den einen oder anderen Patienten.

Neu an der Corona-Lage sei die Hilflosigkeit, noch ohne wirksames Mittel in dieser Situation zu stehen. Schockenhoff plädierte dennoch für Lockerungen und zugleich dafür, Verständnis für die Politik zu zeigen. Die Vorstellung, man habe nur einen Schuss und der müsse sitzen, sei falsch. "Man muss hier mit 'Versuch und Irrtum', vorsichtig und sachgemäß vorangehen", stellte das ehemalige Mitglied im Deutschen Ethikrat klar.

Schäuble stößt Debatte an

Schäuble hatte sich am Wochenende im Berliner "Tagesspiegel" zu den Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus geäußert, die Einschränkungen von Grundrechten nach sich zogen: "Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig", warnte der CDU-Politiker. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert im Grundgesetz gebe, sei das die Würde des Menschen. "Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen", sagte der Bundestagspräsident. Der Staat müsse für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. Aber es werde weiter Menschen geben, die an Corona sterben.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. April 2020 | 08:40 Uhr