Ein Kind hält sich die Ohren zu während die Eltern streiten
Mal ist Papa zuhause, mal Mama: Beim sogenannten Nestmodell müssen die Ex-Partner gut zusammenarbeiten. Bildrechte: Colourbox.de

Erfahrungsbericht Was taugt das Nestmodell bei Trennungsfamilien?

Wenn Eltern durch eine Scheidung getrennte Wege gehen, ist das Leid der Kinder oft groß. Hilft es da, wenn Familien eine gemeinsame Wohnung behalten und Mutter und Vater dort abwechselnd leben? Immer mehr Eltern entscheiden sich in letzter Zeit für dieses sogenannte Nestmodell. Und auch MDR KULTUR-Autorin Anne Sailer hat das Nestmodell nach ihrer Trennung getestet. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Ein Kind hält sich die Ohren zu während die Eltern streiten
Mal ist Papa zuhause, mal Mama: Beim sogenannten Nestmodell müssen die Ex-Partner gut zusammenarbeiten. Bildrechte: Colourbox.de

Ich bin selber ein Scheidungskind. Als klar wurde, dass ich und mein damaliger Partner uns trennen würden, wollte ich deswegen alles richtig machen. Von einem Anwalt erfuhr ich, dass europaweit immer mehr Getrennte das Nestmodell leben. Ein Modell, bei dem die Kinder immer am gleichen Ort leben – und die Eltern wechselseitig aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen. Im Trend liegt es, weil zum einen immer mehr Väter keine Wochenendväter sein wollen und zum anderen die Kinder nicht für die Trennung bestraft werden sollen. Ich habe das Nestmodell ausprobiert – aber es ging schief.

Fremd im eigenen Heim

Bei uns endete die gut gemeinte Idee, den Kindern ihr gewohntes Umfeld zu lassen, tatsächlich im Chaos. Ich lebte aus dem Koffer, am Ende war meine Privatsphäre auf mein selbstgebautes Bett zusammengeschrumpft. Zwei Meter mal 90 Zentimeter, die Wohnungsregeln hatte ein anderer gemacht. Für eine Frau Mitte 40 ist das zu wenig. Ich war ein Zugvogel geworden, und eine Vogelmama ohne Nest kann keine Geborgenheit bieten. Ich muss doch aber Nest sein – das habe ich dann begriffen. Seit ein paar Monaten nun pendeln meine beiden Kleinen wöchentlich zwischen Mama und Papa.

Mein Fazit

Das Nestmodell ist grundsätzlich eine gute Idee, funktioniert aber nur wenn beide Ex-Partner mitmachen und sich auch beide eine doppelte Haushaltsführung leisten können. Denn unterm Strich ist es sehr teuer. Mittlerweile haben sich meine Kinder an die wöchentlichen Wechsel gewöhnt, dass Mama und Papa entspannt sind, fällt natürlich auch ihnen auf. Und für immer wird dies auch nicht so bleiben, schnell werden der heute Neun- und die 13-Jährige flügge sein. Wir machen nun das Beste draus.

Geborgenheit in Trennungsfamilien Auch für Monika Czernin, Autorin des Buches "Glückliche Scheidungskinder", spielt das Bedürfnis nach Geborgenheit von Kindern eine große Rolle, erklärt sie im Interview bei MDR KULTUR: "Es ist das erste ganz große Bedürfnis von Kindern, insbesondere wenn sie ganz jung sind. Dieses Bedürfnis ist aber über die Pubertät hinaus da. Nun geht es darum, bei einer Trennung trotzdem diese Geborgenheit weiter zu entwickeln. Das bedeutet nicht unbedingt, dass beide Eltern gleichviel mit dem Kind zusammen leben müssen wie beim viel diskutierten Wechselmodell. Nein, es geht darum: Wo kann das Kind am meisten Geborgenheit bekommen? Das sollte jedes Paar für sich herausfinden, vielleicht auch mit einem Coach."

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 22. Januar 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Januar 2019, 14:36 Uhr