Der DDR-Kultusminister Johannes R. Becher während der Pressekonferenz am 20.02.1957 in Ost-Berlin, auf der er die Verhaftung des Regimekritikers Harich rechtfertigte.
Johannes R. Becher, bekanntlich selber Dichter, war skeptisch Bildrechte: dpa

Neues Buch über die Leipziger Dichterschmiede Schreiben lernen für den Sozialismus

Der Namenspatron selber war nicht gerade begeistert: "Eine Schule für Schriftsteller soll eingerichtet werden! Scheußlicher Gedanke", frotzelte Johannes R. Becher, Dichter und ab 1954 DDR-Kulturminister. 1955 eröffnete das Leipziger Literaturinstitut, doch was war der Plan und ging er auf?

Der DDR-Kultusminister Johannes R. Becher während der Pressekonferenz am 20.02.1957 in Ost-Berlin, auf der er die Verhaftung des Regimekritikers Harich rechtfertigte.
Johannes R. Becher, bekanntlich selber Dichter, war skeptisch Bildrechte: dpa

Die Frage, ob man "wirkliche Dichter" ausbilden könne, stellte sich schon vor der Gründung des Leipziger Literaturinstitutes 1955 - und sie blieb.

"Très, très chic"

Schreiben lernen im Sozialismus - Das Literaturinstitut in Leipzig.
Zuerst residierte das Institut in der Karl-Tauchnitz-Str. 8. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Knapp 40 Jahre ist es her, dass die Schriftstellerin Katja Lange-Müller am Literaturinstitut studierte, dass zunächst in der Karl-Tauchnitz-Str. 8 residierte:

"Très, très chic", dachte sie beim Anblick der Villa.

Entweder man kam aus der Platte oder aus einem angeknabberten Altbau im Prenzlauer Berg. Und dann in so eine Villa hier. Dass Literatur in diesem Lande einen relativ hohen Stellenwert hatte, das merkte man, wenn man diese Hallen hier betrat.

Katja Lange-Müller, Studentin am Literaturinstitut und Schriftstellerin
Schreiben lernen im Sozialismus - Das Literaturinstitut in Leipzig.
Autorin Katja Lange-Müller Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Direktstudium am Literaturinstitut war ein seltenes Privileg. Auf zehn Studenten pro Jahrgang kamen fast doppelt so viel Lehrkräfte, es gab Prosa- und Lyrikkurse, aber auch Unterweisungen im Marxismus-Leninismus. Der Leipziger Dichter Peter Gosse gehörte zu den Dozenten und war auch Direktor, er nennt das Institut rückblickend eine "Insel der Liberalität", wo mitten in der DDR offene, freimütige Debatten geführt wurde. Weder politisch korrekte Linientreue noch ein bestimmtes poetisches Prinzip sollte den kommenden Schriftstellern oktroyiert werden. Ziel sei es gewesen, "den Intentionskern" der Studenten und Studentinnen zu finden - und sie in diese Richtung weiterzutreiben.

"Manchmal war Zick und manchmal war Zack"

Schreiben lernen im Sozialismus - Das Literaturinstitut in Leipzig.
Katja Stopka, Herausgeberin der Studie "Schreiben lernen im Sozialismus" Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Intentionskern der Gründer in den Aufbau-Jahren der DDR war aber ein anderer: Alfred Kurella, KPD-Funktionär alter Schule und Gründungsdirektor, sah in ihm eine "Nachhilfeanstalt für angehende Schriftsteller", die sich mit ihren Schriften für "die Sache" engagieren sollten. Für den sozialistischen Realismus lautete der Dreisatz: Parteilichkeit, Volksnähe, starke Vorbilder zu schaffen. Die Studie "Schreiben lernen im Sozialismus über die Geschichte des Instituts erhellt nun, dass das Konzept von Anfang an nicht funktionierte. Die Schriftsteller ließen sich nicht auf die häufig wechselnde Parteilinie bringen. Sarah Kirsch, in den 60er-Jahren am Institut, resümierte später: "Die Geschichte geht in Zick-Zack-Bewegungen, und bei Zack muss man den Kopf wegnehmen. So haben wir das gesehen, und manchmal war Zick, manchmal war Zack."

Schreiben lernen im Sozialismus - Das Literaturinstitut in Leipzig.
Peter Gosse, studierter Ingenieur, Lyriker und Direktor des Literaturinstituts Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ihr Lehrer und Vorbild: Georg Maurer, der eine ganze Generation von Absolventen prägte. Auch mit seiner sehr subjektiven Haltung: Man solle so schreiben, als sähe man den Gegenstand zum letzten Mal, "hineinpressend das eigene Blut, um ihn unverlierbar zu machen, so dass ihn andere sehen wie zum ersten Mal".

"Es war ein Freiraum, der bedenklich war"

Schreiben lernen im Sozialismus - Das Literaturinstitut in Leipzig.
Autor Thomas Rosenlöcher Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zeitweilig war das Institut von Schließung bedroht, Studenten wurden exmatrikuliert. Der Schriftsteller Thomas Rosenlöcher war Mitte der 70er-Jahre hin- und hergerissen. Er sah auch die bedenkliche Seite des Freiraumes, den das Institut bot, etwa in dem die Studenten alles, was sie lesen wollten auch lesen konnten und alles, was sie diskutieren wollten auch diskutieren konnten. Das Privileg, an einem Institut zu sein, das ihn schützt, wurde für ihn zum Problem: Denn in der DDR sei man als Bürger nicht geschützt gewesen.

Es war ein Freiraum, der bedenklich war, weil die DDR war nicht frei. Die Gefahr war, daß man dadurch weichgespült wurde und dachte: ist ja gar nicht so schlimm. Es war schlimm.

Thomas Rosenlöcher, Student am Literaturinstitut und Schriftsteller

Katja Lange-Müller möchte die Zeit am Institut nicht missen, gerade die Diskussionen über Texte, die Werkstatt-Charakter hatten:

Man merkte schon, daß die besseren Texte eine Art von Widerstand leisten, an der die Kritik abperlt wie Wasser von einem eingeölten Boxer.

Katja Lange-Müller, Studentin am Literaturinstitut und Schriftstellerin
Schreiben lernen im Sozialismus - Das Literaturinstitut in Leipzig.
Seit der Neugründung ist die Wächterstraße 36 Sitz des Institutes. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Liste der heute prominenten Namen, die das Institut zu DDR-Zeiten absolvierten ist lang: Neben Lange-Müller und Rosenlöcher waren das Autoren wie Sarah Kirsch, Erich Loest oder Angela Krauß. Sie prägten das literarische Leben in der DDR, nicht immer so, wie sich das Partei- und Staatführung gewünscht hat. Trotzdem wäre das Institut nach der Wende beinahe abgewickelt woren. Der Freistaat Sachsen hatte nicht mit der Widerstandskraft der Literaten gerechnet, die das Institut schwarz flaggten. Nach Protesten von Studenten, Absolventen, Wissenschaftlern und auch von Organisationen wie dem PEN bekam das Haus eine neue Chance.

Nach der Neugründung 1995 wurde aus dem Literaturinstitut "Johannes R. Becher" das Deutsche Literaturinstitut - kurz DLL - das nun in der Wächterstraße 36 residiert. Bald las sich die Absolventenliste auch dort wie ein Who is Who der jungen deutschen Literaturszene. Autoren wie Juli Zeh, Clemens Meyer oder Saša Stanišić, räumten inzwischen große Preise ab, begeisterten Kritik und Publikum - gegen die Skepsis in so einem künstlichen Freiraum könne doch nur eine ganz bestimmte Sorte wohlgenährter Institutsliteratur entstehen. Das Bedürfnis, Schreiben zu lernen aber hat die Systeme überdauert - wie die Diskussion, ob man "wirkliche Dichter" ausbilden könne.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 12. Juli 2018 | 22:05 Uhr

Service-Info

Schreiben lernen im Sozialismus, Cover
Bildrechte: Wallstein-Verlag

Buchtipp Schreiben lernen im Sozialismus

Schreiben lernen im Sozialismus

Das Institut für Literatur "Johannes R. Becher"
Von Isabelle Lehn, Sascha Macht, Katja Stopka
Wallstein Verlag
600 Seiten, lieferbar vorauss. ab 16. Juli
ISBN: 978-3-8353-3232-4 (2018)