Schreibschrift steht an eine Tafel geschrieben
Schreibschrift sieht nicht nur schön aus, sondern bringt die Gehirnentwicklung voran. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bildungsdebatte Hirnforscher: Ohne Schreibschrift verkümmert das Gehirn

Eine schöne Handschrift – vor nicht allzu langer Zeit gehörte das einfach dazu. Schreiben war ein zentraler Teil unserer Kommunikation. Doch mittlerweile wird die von Ludwig Sütterlin entwickelte Schrift mit ihren schön geschwungenen Bögen und Häkchen immer mehr vom Tippen ersetzt. Sollen die Kinder in der Grundschule angesichts von Computer und Smartphone immer noch eine komplizierte, gebundene Schreibschrift lernen oder genügen einfache Druckbuchstaben? Darüber wird seit Jahren eine erbitterte Debatte geführt.

von Ulrike Reiß, MDR KULTUR

Schreibschrift steht an eine Tafel geschrieben
Schreibschrift sieht nicht nur schön aus, sondern bringt die Gehirnentwicklung voran. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schreiben lernen – wohl kein Kind will zu Beginn seiner Schulzeit nicht auch das schaffen, was die Erwachsenen schon können. Buchstaben, Worte und ganze Sätze selbst aufschreiben. In mühsamen, kleinen Schritten müssen sich die Sechsjährigen diese Jahrtausende alte Kulturtechnik erschließen. Das Schreibenkönnen ist es, was uns später in die Lage versetzt, Wissen festzuhalten und Erfahrungen zu überliefern. Es ist einer der ganz wichtigen Schritte hinein in die Welt der Erwachsenen. Und es fordert Höchstleistung vom Gehirn.

Handschrift ist etwas motorisch ziemlich Komplexes.

Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher

Wenn wir schreiben, beansprucht das unser Gehirn. Wird das Gehirn beansprucht, verändert es sich – das nennt man auch lernen, erklärt der Hirnforscher Manfred Spitzer. Wenn wir uns etwas merken wollen, dann schreiben wir das auf und erinnern uns auch ohne Liste leichter an das Aufgeschriebene, deswegen sei die Handschrift für Kinder so wichtig, so Spitzer.

Die Handschrift ist gewissermaßen der Weg in unser Gedächtnis.

Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher

Die Digitalisierung der Schrift

Aber Smartphone, Tablet und Computer haben zum Großangriff gegen die Handschrift geblasen. Das Rumtippen auf Bildschirmen und Tastaturen ist effizienter und viel leichter zu erlernen. Götterdämmerung im Reich der Handschrift? Wir stehen vor einer Entscheidung: Wollen wir, dass unsere Kinder noch die verbundene Handschrift lernen oder nicht? An einigen Schulen wird bereits nur noch eine "Grundschrift" unterrichtet: Druckbuchstaben – man kann, aber man muss sie nicht verbinden. Welche der beiden Schriftarten nun gelernt werden soll, ist – selbstverständlich – Sache jedes Bundeslandes. In Sachsen-Anhalt ist noch verbundene Handschrift Pflicht.

Marco Tullner
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Ich bin schon der Meinung, dass sie in der Grundschule die Kulturtechniken, wie sie so schön genannt werden, lernen sollen. Dazu gehört Lesen, Rechnen, aber auch Schreiben im Sinne von Handschrift.

Marco Tullner, Bildungsminister des Landes Sachsen-Anhalt

Die Schreibschrift im Lehrplan

In Sachsen-Anhalt und auch in Sachsen ist das Erlernen der gebundenen Schreibschrift im Lehrplan festgelegt. Am Ende der vierten Klasse müssen alle Schüler die verbundene Handschrift können. Mit ihren Häkchen und Schleifen – feinmotorisch anspruchsvoll. Aber wenn man es kann, befördert das nicht nur das flüssige Schreiben, sondern hilft auch beim Lesen lernen.

Denn dabei müssen die Kinder erst ganz mühsam die einzelnen Buchstaben zu Wörtern zusammenschleifen und in der Schreibschrift werden die einzelnen Buchstaben schon zu Wörtern verbunden.

Agnes Heinz, Grundschullehrerin

In Thüringen aber ist die verbundene Schreibschrift kein Muss. Hier steht nur noch die Druckschrift im Lehrplan. Aus der sollen die Kinder dann eine gut lesbare, individuelle Handschrift entwickeln. Wie genau die aussieht, kann jede Schule selbst entscheiden. Verbindliche Vorgaben dazu sucht man vergebens im Thüringer Bildungsplan.

Helmut Holter
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Wissen Sie, wir haben im Bildungsbereich so viele Regeln. Ich bin dafür, dass wir auch ein paar Freiheiten haben. (…) Ich bin nicht dafür, dass wir das regeln sondern, (…) dass das an den Schulen von den Lehrerinnen und Lehrern entschieden wird.

Helmut Holter, Minister für Bildung, Jugend und Sport in Thüringen

Die Handschrift: Mehr als Nostalgie

Weniger Regeln, den Kollegen vertrauen? Der Minister weiß, was gut klingt… Aber er weiß offenbar nicht, was es bedeutet: Der Druck, den die Digitalisierung auf die Kinder ausübt, ist enorm. Es ist ausnahmsweise mal keine Sache, die man sich selbst überlassen kann, ob Kinder eine verbundene Handschrift lernen oder nicht. Und es geht auch nicht um einen hinterwäldlerischen Widerstand gegen die neue Technik. Es geht darum, ob wir angesichts dieser Technik eine der wichtigsten menschlichen Fähigkeiten – das handschriftliche Schreiben – aufgeben. In Finnland lernen die Kinder nur noch Druckschrift, für den Notfall. Das Ziel nach der 4. Klasse: Mit zehn Fingern zügig tippen können. Hirnforscher Spitzer warnt vor solchen Vereinfachungen.

Das Gehirn ist wie ein Muskel. Wenn man es nicht benutzt, dann verkümmert es.

Manfred Spitzer, Psychiater und Hirnforscher

Es ist also nicht nur Nostalgie, die den Wert der Handschrift ausmacht. Wer mit der Hand schreibt, lernt auch besser. Die eigene Schrift ist immer auch Ausdruck unserer Persönlichkeit, sie gehört zu unserer Identität. Das alles zugunsten von Effizienz und Schnelligkeit aufs Spiel zu setzen, kann fatale Folgen haben.

Ein Junge schreibt auf ein Blatt
Auch wenn es am Anfang mühsam erscheint, Schreibenlernen lohnt sich. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 11. Januar 2018 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2018, 13:27 Uhr

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