Opernkritik Meisterhafte "Meistersinger" an der Semperoper Dresden

von Michael Ernst, MDR KULTUR-Opernkritiker

Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg" an der Semperoper Dresden
Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg" an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Die Semperoper Dresden hat eine Produktion der "Meistersinger von Nürnberg" von den Salzburger Osterfestspielen übernommen. Die Inszenierung und das Regiekonzept von Jens-Daniel Herzog waren identisch. Aber die beiden Häuser, das Große Festspielhaus in Salzburg und die Semperoper, sind nun mal sehr unterschiedlich. Da gibt es ganz andere Größen- und demzufolge auch Klangverhältnisse. In der Folge also auch eine andere Wirkung. Es war ein sehr angenehmes Wiedersehen – für jede Erstbegegnung ist das sicherlich eine interessante, vielleicht sogar neuartige Sicht auf diese Oper gewesen.

Regisseur Jens-Daniel Herzog hat das Stück als Theater im Theater spielen lassen. Zu den Osterfestspielen in Salzburg war das insofern interessant, als die riesige Bühne im Großen Festspielhaus das Bühnenportal der Semperoper nachempfunden hatte. Hier nun in der Semperoper ist diese Dopplung ein ganz anderer Effekt, der aber ebenfalls recht wirkungsvoll ist.

Salzburg und Dresden im Vergleich

Da vergleicht man natürlich, stellt hier und da Unterschiede fest, denkt vielleicht darüber nach, dass der jetzige Intendant der Semperoper aus Nürnberg kommt, wo der Regisseur dieser Oper nun dessen Nachfolge angetreten hat - und das Ganze eben "Die Meistersinger von Nürnberg" heißt; vor allem aber darf man dieses Theater-Theater auf sich wirken lassen. Also einen Hans Sachs, der als Schuster und Dichter ebenso unterwegs ist wie als Chefregisseur und Intendant, der die sprichwörtlichen Fäden spinnt, die Strippen zusammenhält und möglichst auch die entscheidenden Weichen stellt.

Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg" an der Semperoper Dresden
Blick auf die "Meistersinger"-Bühne in der Semperoper Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Mit dieser Figur steht und fällt die ganze Oper, dieses Satyrspiel, in dem der Goldschmied Veit Pogner seine Tochter demjenigen als "Preis" verspricht, der einen Gesangswettbewerb am Johannistag gewinnt. Es muss natürlich ein Meister sein, also ein Zunftmeister, und da erhofft sich Sixtus Beckmesser, der Stadtschreiber, die größten Chancen.

Aber wie geht das heute noch an, ein Mädchen, eine Frau als Preis auszuloben. Also verlegt Herzog die Oper in eine zweite Ebene, lässt den Hans Sachs, einen Witwer, einigermaßen offen für Neues sein. Er hält die Fäden ganz anders in der Hand, leitet die Eingangsszene, einen Theaterchor in Kirchenkulisse, sitzt später im Intendantenbüro, dann aber doch wieder in der Schusterwerkstatt und ganz zuletzt beim Preissingen auf der Festwiese. Also weitaus mehr als ein dichtender Schuster.

Eine Inszenierung mit doppeltem Boden

Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg" an der Semperoper Dresden
Sebastian Kohlhepp (David), Klaus Florian Vogt (Walther von Stolzing) und Mitglieder des Sächsischen Staatsopernchors Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

In den "Meistersingern" sind Komik und Tragik oft ganz nah beieinander. Wenn diese Oper hier mit doppeltem Boden versehen wird, funktioniert das vielleicht gerade besonders gut. Da ist viel Witz zu erleben, manchmal auch hintergründiger Klamauk – also die Semperoper in der Semperoper. Dann das berühmte Schokoladenmädchen von Liotard in einer stummen Rolle: Das geht bis hin zum Slapstick, zu tragikomischen Momenten. Und nicht zuletzt bekommt dadurch der sprichwörtliche "Rampengesang" eine Art Methode.

Die Besetzung in Dresden war beinahe identisch mit der von Salzburg. Die Hauptpartien waren deckungsgleich, bis auf die Eva, in Salzburg vortrefflich von Jaqueline Wagner, in Dresden von Camilla Nylund gesungen. Sie hat das vielleicht eine Spur ernsthafter betrieben, weniger mädchenhaft. Hans Sachs aber und seine Meister sowie sein Lehrjunge David und vor allem der Walther von Stolzing waren mit Salzburg identisch.

Georg Zeppenfeld, der in Salzburg sein gefeiertes Debüt als Hans Sachs gab, bewies hier das ungeschriebene Theatergesetz, dass eine schlimme Generalprobe für eine tolle Premiere steht. Zur Endprobe fiel er aus, da wackelte außerdem die Drehbühne, aber zur Premiere hat das alles bestens funktioniert.

Brillante Sängerinnen und Sänger

Klaus Florian Vogt gab einen Strahle-Tenor mit seinem Stolzing, Sebastian Kohlhepp war erneut ein ganz brillanter David, und auch Vitalij Kowaljow als Veit Pogner, vor allem aber Christa Mayer als Evas durchtriebene Amme Magdalene, und ganz besonders Adrian Eröd als Sixtus Beckmesser haben wieder in ihren Partien geglänzt.

Gerade der Beckmesser wird nicht selten vorgeführt, geradezu denunziert. Hier ist er einmal nicht denunziert worden. Aber Adrian Eröd ist spielerisch und gesanglich eine Glanzleistung gelungen, eine überzeichnete Charakterstudie, die jedoch nie vorgeführt wird.

Die "Meistersinger" leben ganz besonders auch von Chor und Orchester. Die Ensembles in Dresden waren großartig, wirklich imposant. Sowohl die Staatskapelle, in den ersten beiden Akten meiner Meinung nach im Parkett als etwas zu laut wahrgenommen, als auch der Staatsopernchor haben ihren ganz großen Auftritt gehabt.

Sechs Stunden Wagner mit enormer Spannung

Christian Thielemann hat das sehr ausgewogen dirigiert, ist summa summarum auf sechs Stunden Spieldauer gekommen, was ziemlich lang ist, aber nie überdehnt wirkte. Er hat eine enorme Spannung erzeugt und ist dafür heftig bejubelt worden.

Euphorischer Beifall und Buh-Rufe

Für die musikalische Seite gab es uneingeschränkten Applaus – zu Recht. Überrascht hat ein recht heftiges Buh- und Bravo-Gewitter für das Inszenierungsteam. Nach insgesamt sechs Stunden Spieldauer aber einen zwanzigminütigen Beifall, das ist für Dresden keineswegs selbstverständlich.

Angaben zum Stück "Die Meistersinger von Nürnberg", Oper in drei Akten von Richard Wagner

Weitere Aufführungstermine:
Do., 30. Januar 2020, 16 Uhr (ausverkauft, evtl. Restkarten an der Kasse)
So., 2. Februar 2020, 15 Uhr
Mo., 10. Februar 2020, 16 Uhr
So., 16. Februar 2020, 15 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Januar 2020 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2020, 10:04 Uhr

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