v.l.n.r. 1. Reihe: Margot Sauerbruch (Luise Wolfram), Otto Marquardt (Jannik Schümann), Dr. Artur Waldhausen (Artjom Gilz), Martin Gruber (Jacob Matschenz). 2. Reihe: Prof. Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) Anni Waldhausen (Mala Emde).
Zwei Hauptfiguren der zweiten Staffel von "Charité": Prof. Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) und Anni Waldhausen (Mala Emde). Bildrechte: ARD/Julie Vrabelova/Montage Maria Jülisch

Neue Staffel Serie "Charité": Klinik-Alltag in der NS-Zeit

Die zweite Staffel der Serie "Charité" spielt zwischen 1943 und 1945 und zeigt, wie die Nazi-Ideologie den Alltag an der berühmten Klinik verändert hat. Sie ist spannend erzählt und gut besetzt, aber keine leichte Kost. Am 19. Februar startet die zweite Staffel im Ersten, in der ARD-Mediathek ist sie bereits verfügbar.

von Claudia Bleibaum, MDR KULTUR

v.l.n.r. 1. Reihe: Margot Sauerbruch (Luise Wolfram), Otto Marquardt (Jannik Schümann), Dr. Artur Waldhausen (Artjom Gilz), Martin Gruber (Jacob Matschenz). 2. Reihe: Prof. Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) Anni Waldhausen (Mala Emde).
Zwei Hauptfiguren der zweiten Staffel von "Charité": Prof. Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) und Anni Waldhausen (Mala Emde). Bildrechte: ARD/Julie Vrabelova/Montage Maria Jülisch

Fans der erfolgreichen Krankenhausserie "Charité" haben die zweite Staffel herbeigesehnt. Man kann nicht wirklich von einer Fortsetzung sprechen, weil die Serie mit den sechs neuen Folgen einen Sprung in die Zeit zwischen 1943 und 1945 macht. Die Geschichte von Ida Lenze, der Mutter Oberin, von Robert Koch und Emil Behring weiterzuerzählen, hätte keinen Sinn ergeben, weil sowohl die fiktiven als auch die historischen Figuren die Charité kurze Zeit nach dem Dreikaiserjahr 1888 verlassen haben.

Otto Marquardt (Jannik Schümann, l.) und seine Schwester Anni (Mala Emde, r.) warten im Hörsaal der Charité auf das Kamerateam der Wochenschau.
Otto Marquardt (Jannik Schümann, l.) und seine Schwester Anni (Mala Emde, r.). Bildrechte: ARD/Julie Vrabelova

Der Grundidee – von Ärzten, Schwestern und Patienten an dem weltberühmten Krankenhaus zu erzählen – sind die Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann treu geblieben. Im Zentrum steht die angehende junge Ärztin Anni, die hochschwanger ihre Prüfung beim berühmten Chirurgen Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen) ablegt.

Seine anschließende Operation wird zu Propagandazwecken für die Wochenschau gefilmt. Ganz Deutschland soll sehen, wie der Vorzeigearzt einem Soldaten den kaputten Oberschenkel rettet, indem er Teile des Unterschenkels einsetzt, der dann wiederum durch eine Prothese ersetzt wird. Auch dafür war Sauerbruch seit dem Ersten Weltkrieg berühmt.

Alltägliche Grausamkeit als Normalität

Alltägliches Leben in der Charité: 1943 gibt es schon seit Jahren keine jüdischen Professoren, Pflegekräfte und Patienten mehr. Annis Doktorvater, der historische Psychiater Max de Crinis (Lukas Miko), ist von der "Rassenhygiene" überzeugter Nationalsozialist und deshalb Leiter der Psychiatrischen Klinik, nicht wegen seiner Qualifikation.

Annis charmanter Ehemann Arthur (Artjom Gilz) testet, dem medizinischen Fortschritt verpflichtet, Medikamente an behinderten Kindern in einer Pflegeanstalt. Er plädiert für die "Reinhaltung des Erbguts".

Prof. Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen, M.) operiert ein Kind, das Opfer eines Bombenangriffs wurde.
Prof. Ferdinand Sauerbruch (Ulrich Noethen, M.) operiert ein Kind, das Opfer eines Bombenangriffs wurde. Bildrechte: ARD/Julie Vrabelova

Die beiden Drehbuchautorinnen Dorothee Schön und Sabine Thor-Wiedemann inszenieren die alltägliche Grausamkeit als Normalität. Dorothee Schön war es nach eigenen Worten besonders wichtig, die Figuren ernst zu nehmen, sie aber nicht zu denunzieren. Die Zuschauer sollten sich nicht zurücklehnen nach dem Motto:

"Das würde mir nie passieren. Diese Übertragung, die man als Zuschauer machen sollte, dass man sagt, ja, ich bin mir nicht sicher, ob ich da immer gefeit wäre, setzt eigentlich erst einen Prozess in Gang, der spannend ist", so Schön.

Sabine Thor-Wiedemann betont, dass die Serie sehr in den Alltag eindringe:

Bei Medizin im Nationalsozialismus denkt man an Mengele, aber man weiß nicht, wie sehr diese Ideologie im Alltag einer Klinik einer Rolle gespielt hat.

Sabine Thor-Wiedemann, Drehbuchautorin

Sie habe zeigen wollen, "was es im Alltag anrichtet in einer Klinik, wenn das Klima bestimmt ist von einer menschenverachtenden Ideologie."

Auch in der zweiten Staffel gibt es wieder den bewährten Mix aus historischen und fiktiven Figuren. Wie zum Beispiel Annis Bruder Otto (Jannik Schümann), Soldat auf Heimaturlaub, der sein Medizinstudium abschließen will und hofft, nicht in den Krieg zurück zu müssen, oder der aus dem besetzten Elsass zwangsversetzte Arzt Adolphe Jung (Hans Löw), der Sauerbruch als Oberarzt zugeteilt wird.

Protagonisten ändern ihre Haltung zum NS-Regime

Dr. Artur Waldhausen (Artjom Gilz, M.) bringt seine hochschwangere Frau Anni (Mala Emde, r.) in die Charité. Annis Bruder Otto Marquardt (Jannik Schümann, l.) rennt den beiden hinterher.
Dr. Artur Waldhausen (Artjom Gilz, M.) bringt seine hochschwangere Frau Anni (Mala Emde, r.) in die Charité. Annis Bruder Otto Marquardt (Jannik Schümann, l.) rennt den beiden hinterher. Bildrechte: ARD/Julie Vrabelova

Schwestern, Ärzte, Pfleger und Patienten, verschiedene ineinandergreifende Handlungsstränge ergeben ein differenziertes Bild der Berliner Charité in den letzten beiden Jahren des Zweiten Weltkrieges. Die überzeugte Nationalsozialistin Anni verändert durch das Schicksal ihres Kindes ihre Haltung zum System. Agierten in der ersten Staffel der Serie mit Koch, Virchow und Behring gleich mehrere herausragende Mediziner, steht hier Ferdinand Sauerbruch, gespielt von Ulrich Noethen, als historische Hauptfigur im Vordergrund.

Sauerbruch ist ein begnadeter Chirurg, aber auch ein Mitläufer und im Verhältnis zum Nationalsozialismus ambivalent, meint Noethen über seine Rolle: "Wir wissen vieles immer noch nicht. Aber wir wissen ziemlich genau, dass er kein Nazi war aufgrund seiner Gesinnung, seiner Ideologie, seiner persönlichen Art." Sauerbruch sei keiner gewesen, der ausgegrenzt habe. Stattdessen habe sein Berufsethos dafür gesorgt, dass er helfen wollte, so Noethen: "Andererseits wissen wir aber auch, dass er Staatsrat war, ein Aushängeschild dieses Regimes, ein Promi, und er hat das genutzt, um seine Aufgabe an der Charité weiter durchführen zu können."

Es geht um die Verantwortung der Mediziner, der Wissenschaftler, um Euthanasie und Menschenversuche. Das ist keine leichte Kost für eine Unterhaltungsserie, die spannend erzählt und mit einem überzeugenden Schauspielerensemble in Szene gesetzt ist. Das und der Mut der Macher, sich in der 300-jährigen Geschichte der Klinik für diese dunkle Zeit zu entscheiden, verdient Respekt und viele Zuschauer.

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Eine Frau hält ein Baby auf dem Arm und schaut sehr ernst. 3 min
Bildrechte: UFA FICTION/DasErste/MDR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. Februar 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 04:00 Uhr

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