Szenenbild -  Eine verzweifelte Frau wird von Soldaten zurückgehalten.
In "Holocaust" spielte Meryl Streep die Rolle der Inga Helms-Weiss. Die Serie wird aktuell von NDR und SWR erneut gezeigt. Bildrechte: WDR/Worldvision Enterprises Inc.

Vor 40 Jahren im Fernsehen Wie die Serie "Holocaust" zum Medienereignis wurde

Vor 40 Jahren, im Januar 1979, sorgte eine US-amerikanische Miniserie in der BRD für Diskussionen: "Holocaust" mit Meryl Streep zeichnete das Leben einer jüdischen Familie in Berlin während der Nazizeit nach. Sie setzte eine Zäsur in der Debatte um immer wieder gestellte Fragen: Kann man das unfassbare Verbrechen des Holocaust angemessen darstellen? Und: Wie konnte das geschehen?

von Sven Hecker, MDR KULTUR

Szenenbild -  Eine verzweifelte Frau wird von Soldaten zurückgehalten.
In "Holocaust" spielte Meryl Streep die Rolle der Inga Helms-Weiss. Die Serie wird aktuell von NDR und SWR erneut gezeigt. Bildrechte: WDR/Worldvision Enterprises Inc.

In "Holocaust" erzählt Regisseur Marvin J. Chomsky in vier Teilen die Geschichte der fiktiven jüdischen Familie Weiss, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Berlin lebt: von 1935 bis 1945. Von der Hochzeit in Berlin, durch die Zeit zunehmender Repression, bis in die KZs und Ghettos. Es geht um Demütigung und Widerstand, um Deportation und Vernichtung.

Rund drei Jahrzehnte nach Ende der Nazi-Herrschaft wird die Serie im westdeutschen Fernsehen gezeigt. Die Einschaltquoten liegen zwischen 30 und 40 Prozent, über zehn Millionen Zuschauer schalten ein trotz relativ später Sendezeit. Zehntausende Anrufe und Briefe thematisieren die Serie.

'Sie haben den Film "Holocaust" gesehen?' – 'Ja, aber da werde ich Ihnen mal was sagen, wir haben überhaupt nichts davon gewusst, von der ganzen Sache'.

Aus einer Straßenumfrage 1979

Die Emotionen kochen hoch

"Holocaust" wird im Westen Deutschlands zum Medienereignis. Auch, weil der Vierteiler umstritten ist – schon vor der Ausstrahlung. Deshalb läuft die Serie auch nicht – wie ursprünglich geplant – im Ersten bei der ARD, sondern zeitgleich in allen dritten Programmen; begleitet von Diskussionsrunden und Zuschauertelefon.

Die amerikanische Darstellung des entsetzlichen Geschehnisses, die wir in Deutschland aus mehreren Gründen vermutlich nicht zustande gebracht hätten, hat in der Bundesrepublik einen Bann gebrochen. Man kann über die schrecklichen Dinge bis in die Schuld und Schuldfrage hinein endlich miteinander sprechen.

Eugen Kogon, Publizist und Holocaust-Überlebender

Geld verdienen mit Gräueltaten?

Szenenbild - Nackte, zusammengetriebene Männer stehen vor Offizieren und Soldaten mit Maschinengewehren.
"Holocaust" schockierte - und kam doch dem Grauen des Verbrechens nicht ansatzweise nahe, so KZ-Überlebende. Bildrechte: WDR/Worldvision Enterprises Inc.

Doch es gibt nach der Ausstrahlung auch viel Kritik. "Holocaust" sei trivial, eine "perverse Operette", eine "Shoa-Soap"; ein kühl kalkuliertes Produkt, das sich der Kulisse des Völkermords bedient, um letztlich Werbegelder einzunehmen. Tatsächlich war "Holocaust" die Antwort des US-Fernsehsenders NBC auf die Erfolgsserie eines Konkurrenten. Die Journalistin Renate Harpprecht, die Auschwitz überlebte, bemängelte denn auch die geschönte Darstellung des KZ-Alltags in der Serie.

Wir stanken, wir ekelten uns vor uns selber, vor den anderen. Wir hatten offene Wunden. Wir waren apathisch, wir sahen nicht mehr die Leichenberge, die jeden Morgen vor den Baracken lagen. Das war der Alltag im KZ. Und das haben wir in diesem Film natürlich nicht gesehen. Sondern nur eine manikürte Version von Edelmut, schönen Menschen, Nächstenliebe und Todesverachtung.

Renate Harpprecht, Journalistin und Holocaust-Überlebende

Die Diskussion um die TV-Serie "Holocaust" berührt auch eine ganz generelle, immer wieder diskutierte Frage: Ist dieses unfassbare Verbrechen darstellbar? Und: Welche Form ist angemessen für die Erinnerung an unermessliches, millionenfaches Leid? Der Politikwissenschaftler Peter Steinbach erklärt, dieser "triviale Film" habe zum ersten Mal ermöglicht, dass man überhaupt betroffen gewesen sei: "Dass man nicht nur sagte, den Juden ist das und das passiert, sondern dass man im Grunde in dieser Angst lebte: Ich könnte an deren Stelle sein und mir könnte das auch passieren, mein Kind könnte mir genommen werden, meine Familie könnte auseinandergerissen werden."

Das ist im Grunde die wichtigste Tatsache, die die Wirkung dieses Films erklärt.

Peter Steinbach, Politikwissenschaftler

Die Debatte beginnt

Der Holocaust als Familientragödie. Die Mehrzahl der Zuschauer 1979 berührt die Serie offenbar gerade wegen ihrer Vereinfachung, weil sie die sogenannte "Endlösung" der Nazis personalisiert. Das deutsche Publikum erschrickt, leidet mit. Was Dokumentationen, Bücher und Schulstunden zuvor nicht vermocht haben, setzt dieses "Hollywood"-Epos in Gang. Eine öffentliche Diskussion um die Judenverfolgung und -vernichtung, um Verantwortung, Mit-Wissen und Schuld.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Kalenderblatt | 22. Januar 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 04:00 Uhr

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