Szene aus "Siegfried" an der Oper Chemnitz
Szene aus "Siegfried" an der Oper Chemnitz Bildrechte: Nasser Hashemi

Opernkritik "Siegfried" an der Oper Chemnitz - eine rundum gelungene Produktion

Regisseurin Sabine Hartmannshenn hat in Chemnitz Richard Wagners "Siegfried" mit einem bewusst weiblichen Blick auf die Bühne gebracht. Ein rundum gelungenes Experiment - das auch musikalisch glänzt, meint unsere Opernredakteurin Bettina Volksdorf in ihrer Kritik.

Szene aus "Siegfried" an der Oper Chemnitz
Szene aus "Siegfried" an der Oper Chemnitz Bildrechte: Nasser Hashemi

Es ist erst knapp 15 Jahre her, seit die letzte "Ring des Nibelungen"-Inszenierung von Michael Heinicke vom Chemnitzer Spielplan verschwand. Der aktuelle Zyklus wird nun von vier Frauen inszeniert, deren "weiblicher Blick" etwas Besonderes sei, hatte Intendant Christoph Dittrich zum Auftakt versprochen. Und tatsächlich – mit den Akzenten, die Regisseurin Sabine Hartmannshenn in ihrer "Siegfried"-Inszenierung setzt, knackt sie die Männerwelt.

Intensiv gespielt

Hartmannshenn erzählt gleich zu Beginn die Vorgeschichte des Siegfried, der ja von den Zwillingen Siegmund und Sieglinde in aller Unschuld gezeugt wird. Und so sieht man, wie der Zwerg Mime der hochschwangeren Sieglinde bei der Entbindung zur Seite steht; er tut das aber nur, um sich den künftigen Helden Siegfried zu schnappen und misshandelt Sieglinde am Ende sogar. Später folgt auch eine Vergewaltigungsszene des Alberich, der ja eigentlich der Liebe abgeschworen hat.

Viel stärker noch als das wirkt die Schluss-Szene im dritten Aufzug zwischen Brünnhilde und Siegfried: Da erlebt man einen jungen Mann, der Panik hat vorm ersten Kuss - der danach aber mehr will, weil er ahnt, was Liebe und Sexualität für gewaltige Kräfte entfesseln können. Wie Sabine Hartmannshenn diese intime Szene zwischen zwei jungen Menschen herausgearbeitet und als Teil der Menschwerdung definiert hat, das überzeugt! Auch deshalb, weil vor allem Tenor Daniel Kirch als Siegfried sich mit grosser Intensität ins Zeug wirft. 

Das Bühnenbild wirkt

Die Regisseurin hat sich von Bühnenbildner Lukas Kretschmer einen in den Bühnenhimmel wachsenden Stelenwald bauen lassen, der viele Assoziationsräume zulässt: vom romantisch-mythisch aufgeladenen Wald samt Schmiede und Drachenhöhle, bis hin zur Szene mit Erda und dem  Brünnhilden-Felsen. So wird vor einem psychologisch-feinnervig ausgedeuteten Hintergrund viel mit Zeichen und Symbolen gearbeitet.

So hat Alberich bereits seinen Sohn Hagen an der Hand, um ihm zu zeigen, wie brutal es auf der Welt zugehen kann und die nackten, zum Teil bemalten Oberkörper von Siegfried, Wotan sowie Fafner interpretiere ich als Zeichen der Unschuld und Naturverbundenheit bei Siegfried, wie auch als ästhetisch gern zu hinterfragendes Männlichkeitssymbol. Und: Hartmannshenn führt "das Volk" ein - zunächst als gesichtslose Masse, die später den Nibelungen-Schatz verkörpert und sich am Ende teilweise als verführbar erweist.

Jedes Detail überzeugt

Hervorragend auch die musikalische Interpretation: Die Robert-Schumann-Philharmonie spielte unter Leitung des erst 32-jährigen Felix Bender. Zusammen boten sie einen so dynamischen, leidenschaftlich-ausdrucksstarken und zugleich transparenten Wagner, dass es eine pure Lust war zuzuhören - auch dem Solisten-Ensemble! Daniel Kirch sang einen vor Kraft strotzenden, baritonal-gefärbten Siegfried und Arnold Bezuyen bot als Mime eine Meisterleistung an Diktion in dieser Charakterrolle.

Das eigentliche Wunder aber besteht für mich darin, dass es ein Haus wie Chemnitz geschafft hat, sämtliche Partien überzeugend zu besetzen: Ralf Lukas als Wotan, Björn Waag als Alberich, Avtandil Kaspeli als Fafner, Simone Schröder als Erda, Christiane Kohl als mädchenhaft-hell-timbrierte Brünnhilde und die phantastische Guibee Yang als Waldvogel, da blieben so gut wie keine Wünsche offen - insofern Gratulation zu dieser rundum gelungenen Produktion!

Angaben zum Stück "Siegfried" an der Oper Chemnitz
Inszenierung: Sabine Hartmannshenn
Musikalische Leitung: Felix Bender

Weitere Aufführungstermine: 10.11.2018, 19.01.2019, 20.04.2019

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"Hamlet" an der Oper Chemnitz: Tommaso Randazzo als König Gonzaga, Katerina Hebelkova als Gertrude, Ina Yoshikawa als Königin Giovanna, Pierre-Yves Pruvot als Claudius, Magnus Piontek als Polonius und Cosmin Ifrim als Laertes (v.l.n.r.) Bildrechte: Foto: Nasser Hashemi

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Oktober 2018 | 13:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2018, 14:49 Uhr

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