"Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" Was der Barockklassiker "Simplicissimus" uns heute sagen kann

Bei der Landtagswahl in Thüringen räumte die AfD in Gera wieder einmal ab und holte in der Stadt ihr stärkstes Ergebnis. Das soziokulturelle Zentrum Häselburg sieht darin eine Herausforderung: Es will mit seinem Programm auf die Stimmung in Gera eingehen und den Blick der Bürgerinnen und Bürger weiten. Wie nun mit einer szenischen Lesung des Romanklassikers "Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" – obwohl dieses Buch bereits 350 Jahre alt ist.

Mareike Wiemann
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR

Flüchtlingscamp in der syrischen Provinz Cizire. Ein Großteil der Kinder hier sind Waisen. Bild stammt vom 18. Dezember 2014.
Waisenkinder 2014 in Syrien – für das Team der Häselburg Gera gibt es hier viele Parallelen zum Protagonisten des Romans "Der abentheuerliche Simplicissimus". Bildrechte: imago/Christian Ditsch

Nur kurze Zeit nach dem 30-jährigen Krieg erschien 1669 ein Buch, dass all die Jahre des Schreckens in einen ebenso spannenden wie humorvollen Roman münden ließ: In "Der abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" beschreibt Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen den Verlauf des Krieges aus der Sicht eines Jungen, der seine Eltern verliert, es später zum Offizier schafft, mehrfach die Seiten wechselt und am Ende als Einsiedler alle Kontakte zur Außenwelt abbricht. Das Werk avancierte damals schnell zum ersten Buch überhaupt, das hierzulande von einer breiten Bevölkerung gelesen wurde.

Ein einzigartiges Werk

Claudia Tittel. Eine junge Frau mit Brille und langen Haaren steht im Studio neben einem Mikrofon und schaut lächelnd in die Kamera.
Claudia Tittel. Bildrechte: MDR/Alexandra Fröb

Auch Claudia Tittel von der Häselburg Gera hat der Text sehr beeindruckt. Beim Lesen merke man nach einiger Zeit nicht mehr, dass er bereits 350 Jahre alt sei, sagt sie: "Man sagt ja immer – Kinder und Narren sind diejenigen, die die Wahrheit sagen. Dadurch, dass Grimmelshausen einen kleinen Jungen sprechen lässt, kann er die schrecklichsten Dinge in einer humorvollen Sprache darstellen." Für Tittel gibt es gleichzeitig bis heute keinen anderen Kriegsroman, der das Leid der Menschen so bildhaft darstelle wie der "Simplicissimus".

Bezüge zur heutigen Zeit

Das Original-Titelblatt des Barockromans «Simplicissimus» aus dem Jahr 1669.
Das Original-Titelblatt des Barockromans "Simplicissimus" aus dem Jahr 1669. Bildrechte: dpa

Tittel hat sich aber nicht nur deswegen entschieden, den "Simplicissimus" auf die Bühne zu bringen. Die Häselburg sei ein politisches Haus, mit der Lesung wolle man die aktuelle Flüchtlingskrise reflektieren: "Wir wollen zeigen, wieso wir gerade so viele Flüchtlinge im Land haben! Für die Deutschen ist der Krieg in Syrien sehr weit weg. Aber wenn wir in unsere eigene deutsche Geschichte schauen, gibt es eben auch hier sehr viele schreckliche Gräueltaten."

In der Tat, während der Zeit des 30-jährigen Krieges zwischen 1618 und 1648 rafften Seuchen, Hungersnöte und Kriegshandlungen über die Hälfte der hiesigen Bevölkerung dahin. Soldaten und Söldner aus allen Himmelsrichtungen verübten Verbrechen, Abertausende Menschen wurden zur Flucht gezwungen. "Während des 30-jährigen Krieges war Migration allgegenwärtig", sagt der Schauspieler Wilfried Pucher, der den Text lesen wird: "Wenn ich deswegen heute Bilder von Flüchtlingskindern in Syrien sehe, werde ich sofort an den 'Simplicissimus' erinnert. Für mich ist dieses 350 Jahre alte Werk auch heute noch bewegend."

Schulklassen sind gefragt

Für die Lesung wurden nun einzelne Szenen vom Anfang des Romans ausgewählt. Dazwischen gibt es Pausen, um den Text beim Publikum sacken zu lassen, diese werden vom Schlagzeuger Michel Hufenbach gestaltet. In der Häselburg wird es neben der Premiere noch zwei weitere Veranstaltungen geben, die sich besonders an Schulklassen richten. Sowohl Claudia Tittel als auch Wilfried Pucher hoffen, dass sich vor allem die junge Generation auf das mehrere Jahrhunderte alte Werk einlässt – und seine Botschaft aufnehmen kann.

Wilfried Pucher und Michel Hufenbach
Schauspieler Wilfried Pucher gehörte zwei Jahrzehnte zum Schauspielensemble des DDR-Fernsehens. Rechts im Bild: der Weimarer Schlagzeuger Michel Hufenbach. Bildrechte: Claudia Tittel

Informationen zur Veranstaltung Lesung: "Der Abentheuerliche
Simplicissimus Teutsch" von Johann Jakob Christoffel
von Grimmelshausen

Szenische Lesung
mit Wilfried Wieland Pucher in der Häselburg Gera

Premiere: 20.11.2019, 19 Uhr
Weitere Vorstellungen: 21.11.2019, 11 Uhr & 28.11.2019, 11 Uhr

Kultur in Gera

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. November 2019 | 12:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. November 2019, 04:00 Uhr