Das Bach-Portrait von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1748 steht am 12. Juni 2015 in der Nikoliakirche in Leipzig (Sachsen) mit dem Thomanerchor im Hintergrund.
Was würde Bach dazu sagen ... Bildrechte: imago/Sebastian Willnow

Streitfall Singen bald Mädchen bei den Thomanern?

Gerade in der Weihnachtszeit sehen und hören wir sie überall in den Kirchen oder im Fernsehen: Die großen Knabenchöre. Kenner schwärmen von ihrem unverwechselbarem Klang. Die Berliner Rechtsanwältin Susann Bräcklein stellt nun eine uralte Tradition in Frage und möchte auch für Mädchen das Recht erstreiten, in die Spitzenchöre aufgenommen zu werden.

Das Bach-Portrait von Elias Gottlob Haußmann aus dem Jahr 1748 steht am 12. Juni 2015 in der Nikoliakirche in Leipzig (Sachsen) mit dem Thomanerchor im Hintergrund.
Was würde Bach dazu sagen ... Bildrechte: imago/Sebastian Willnow

Die großen Knabenchöre für Mädchen zu öffnen, fordert jetzt die Berliner Rechtsanwältin Susann Bräcklein. Es sei diskriminierend, ihnen den Zugang zu den bekannten, aus öffentlichen Mitteln geförderten Spitzenchören zu verweigern, findet die Juristin. Sie beruft sich auf Artikel 3, Absatz 3 der Verfassung, wonach eine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts verboten ist. Derzeit beschäftige sie sich mit Fällen, in denen Mädchen - u.a. vom Leipziger Thomanerchor - abgelehnt worden seien.

"Mädchen können genauso singen"

Gerade vor Weihnachten seien die traditionellen großen Knabenchöre in Kirchen und im Fernsehen präsent, erklärt Bräcklein mit Blick auf festliche Auftritte etwa der Thomaner, des Dresdner Kreuzchors, des Tölzer und des Windsbacher Knabenchors sowie der Regensburger Domspatzen. Mädchen, die ebenfalls Bach-Motetten, Schütz oder Mozart singen wollten, verstünden nicht, wieso das nur ihren Brüdern möglich sein solle. Ihnen werde suggeriert, Mädchen könnten das nicht, was nicht stimme. Die bislang in den Knabenchören allein Jungen vorbehaltenen Ausbildungs- und Auftrittschancen sollten beiden Geschlechtern gehören, fordert sie.

Eine Frage der Werktreue und des Klangs?

Musikwissenschaftler und Chor-Verantwortliche argumentieren dagegen mit der Werktreue: Das von den Knabenchören gepflegte Repertoire sei für deren unverwechselbaren Klang komponiert worden. Die Berliner Musikwissenschaftlerin Ann-Christine Mecke verweist auf Untersuchungen, wonach der unterschiedliche Klang der Stimmen von Jungen und Mädchen tatsächlich hör- und messbar sei. Allerdings sei der Unterschied "kleiner, als viele behaupten". Entschieden äußerte sich hingegen laut Bräcklein der Dekan der Musikfakultät der Universität der Künste Berlin, Reinhard Schäfertöns. Demnach schrieb der Hochschulprofessor der Anwältin: "Niemals kann ein Mädchen in einem Knabenchor mitsingen. So wie niemals eine Klarinettistin in einem Streichquartett wird mitspielen können." Ein solches Recht könnten sich Musiker auch nicht juristisch erstreiten.

Das sieht Bräcklein anders: Sie appelliert an die Führungskräfte in den Chören, Traditionen mutig infrage zu stellen. Dies würde auch gerichtliche Auseinandersetzungen ersparen. Dass es für Mädchen möglich sei, den Zugang zu erstreiten, zeige ein Fall gegen die anglikanische Kirche aus den 1990er-Jahren.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 23. Dezember 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Dezember 2018, 14:05 Uhr

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