Sommertheater Bautzen Sonnenallee
Auch Autos haben hier Platz: Szene aus "Sonnenallee" beim Bautzener Theatersommer. Bildrechte: MDR/Jakob Schäfer

Sommertheater "Sonnenallee" in Bautzen: Zeitsprung auf der Ortenburg

Der Bautzener Theatersommer ist eröffnet – in diesem Jahr wird die Geschichte um den Ost-Berliner Teenie Micha Ehrenreich auf die Open-Air-Bühne gebracht: Auf der Ortenburg spielt, singt und tanzt eine Clique Jugendlicher gemeinsam mit Lehrern, der Volkspolizei und dem Abschnittsbevollmächtigten – effektvoll, lustig und dennoch keine Ostalgie-Nummer.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Sommertheater Bautzen Sonnenallee
Auch Autos haben hier Platz: Szene aus "Sonnenallee" beim Bautzener Theatersommer. Bildrechte: MDR/Jakob Schäfer

"Sonnenallee" in Bautzen, das ist offiziell eine Adaption des Buches "Am kürzeren Ende der Sonnenallee" von Thomas Brussig. Und dennoch erinnert hier vieles an den zum Kult gewordenen Film von Leander Haußmann. Die Kulisse und die Kostüme beispielsweise, was auch daran liegt, dass die damalige Filmkulisse in Babelsberg gemalt war und so eben wie ein Bühnenbild aussah. Außerdem gibt es in Bautzen eine große, breite Traverse fürs Publikum, sie lässt eine authentische Straßensituation entstehen, mit der Berliner Mauer auf der linken und Cola-Werbung auf der rechten (West-)Seite.

Sommertheater Bautzen Sonnenallee
Szene aus "Sonnenallee". Bildrechte: MDR/Jakob Schäfer

Und so kurven denn auch Autos und Motorräder durch die Szenerie: ein NVA-Kübelwagen, eine Barkas-Pritsche und ein alter Skoda etwa. Auf der Westseite ein VW-Käfer Cabrio, ein Porsche und ein Jaguar. Es stinkt nach Benzin und Öl – Theater mit Geruchsästhetik sozusagen, zu der sich auch noch Pyrotechnik gesellt. Eine unterhaltsame Mischung, ansehnlich, effektvoll und angemessen für diese Freilichtbühnensituation!

Die Geschichte auf der Bühne

Es geht um die Freuden und Nöte einer Jugendclique in Ost-Berlin im Jahr 1973: um die Pflicht etwa, vor dem Studium drei Jahre Dienst bei der NVA zu leisten. Aber auch um Musik, Liebe, Drogen, Alkohol und Party. Hier wird schlicht eine Geschichte über den DDR-Alltag erzählt. Die Musik lässt einen richtig in diese Zeit eintauchen. Die Stones, die Beatles und Queen werden gespielt, aber auch die Puhdys und Renft. Eine Live-Band, angeführt vom theatereigenen Kapellmeister Tasso Schille, pumpt hier ordentlich Energie auf die Bühne.

Sommertheater Bautzen Sonnenallee
Szene aus "Sonnenallee". Bildrechte: MDR/Jakob Schäfer

Natürlich spielt auch die Enge im DDR-Alltag eine Rolle. Da werden Vorschriften zitiert, Pässe kontrolliert. Und in einer Szene, in der die Staatsangestellten Party machen, kippt das zunächst dargestellte Kleinbürger-Idyll ins Gegenteil, das Böse und Perverse wird kabarettartig herausgestellt. Das Leben in der DDR wird hier also nicht als Ostalgie-Nummer aufgetischt, sondern immer auch seziert, übertrieben und parodiert.

Das "Wir"-Moment

Theaterintendant Lutz Hillmann inszeniert dieses Sommertheater gekonnt. Er versucht, immer auch die Menschen hinter ihrer Funktion und ihrer Rolle im Leben zu zeigen. Ebenso stellt er heraus, wie diese Menschen dann trotz der Unterschiede gemeinsam handeln – ganz banal in der sozialistischen Warteschlange beispielsweise, oder in der Schlussszene, in der die Gesellschaft am Grenzübergang steht und gespannt wartet, ob die Schranke im nächsten Moment vielleicht aufgehen wird.

Dieses - um es im Duktus der Zeit zu sagen - demokratische Miteinander scheint hier auch eine Botschaft zu sein. Vielleicht bringt das Stück deswegen am Ende auch ein bisschen Entspannung in den politischen Alltag. Die Stimmung der Premierenbesucher war jedenfalls gut - und insgesamt werden rund 40.000 Zuschauer beim Sommertheater in Bautzen erwartet.

Informationen zum Stück "Am kürzeren Ende der Sonnenallee"
Regie: Lutz Hillmann
Premiere: 20.06.2019
Bühne: Hof der Ortenburg
Ausstattung: Miroslaw Nowotny
Musikalische Leitung: Tasso Schille

Aufführungstermine: Bis zum 28. Juli 2019 läuft das Stück fast täglich.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Juni 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. Juni 2019, 14:16 Uhr

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