Sachbuch Staatliche Kunstsammlungen Dresden arbeiten NS-Vergangenheit auf

Die Staatliche Kunstsammlung Dresden (SKD) hat wissenschaftliche Ergebnisse zur ihrer Vergangenheit im Nationalsozialismus veröffentlicht. Das Buch "Zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Die Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden und ihre Mitarbeiter im Nationalsozialismus" ist das Ergebnis eines dreijährigen Forschungsprojekts, wie die SKD am Montag in Dresden mitteilte.
Ein neues Buch untersucht die NS-Verstrickungen der Staatlichen Kunstsammlung Dresden. Bildrechte: SKD

Ein neues Buch untersucht die Verstrickung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) in den Nationalsozialismus. Autorin Karin Müller-Kelwing sagte MDR KULTUR, dafür seien Biografien von 90 Mitarbeitern betrachtet worden – "vor allem der Direktoren der einzelnen Sammlungen, aber auch der wissenschaftlichen Mitarbeiter und der Restauratoren, die zwischen 1933 und 1945 Verantwortung für die einzelnen Sammlungen übernommen haben."

Laut der Kunsthistorikerin war eine Karriere bei den damaligen "Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft" in den 30er- und 40er-Jahren vor allem für NSDAP-Mitglieder möglich: "Etwa 45 Prozent der wissenschaftlichen Mitarbeiter traten in die NSDAP ein", so Müller-Kelwing. Damit sei die Einrichtung allerdings "nicht brauner als andere Museen" gewesen.

Viele Personen erstmals ausführlich vorgestellt

Als Beispiel nannte Müller-Kelwing Fritz Fichtner (1890–1969), der erst nach seinem NSDAP-Eintritt 1933 Leiter der Porzellansammlung und des Kunstgewerbemuseums geworden sei. 1937 sei er dank der Parteimitgliedschaft zusätzlich zum Referenten der staatlichen Sammlungen im sächsischen Ministerium für Volksbildung ernannt worden – er habe "also gewissermaßen die Funktion eines Generaldirektors" für die staatlichen Sammlungen übernommen, "ohne das je nominell gewesen zu sein."

Viele jüdische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dagegen seien ab April 1933 schnell entlassen worden. So etwa Fritz van Emden (1898–1958), seit 1927 Kustos am Museum für Tierkunde. Er "wurde im September 1933 aufgrund seiner jüdischen Herkunft entlassen und musste 1936 mit seiner Frau und zwei kleinen Söhnen nach London emigrieren", so Müller-Kelwing.

Prinzipiell lässt sich sagen, dass es in den Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft sowohl Täter als auch Opfer, sowohl Mitläufer als auch stille Verweigerer gab.

Karin Müller-Kelwing, Kunsthistorikerin

Die Aufarbeitung wurde im Auftrag der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) verwirklicht und dauerte etwa drei Jahre. Ab Mitte Juni soll es auf der Website der SKD eine Möglichkeit zur Online-Recherche geben, um gezielt Auskunft über einzelne Personen zu bekommen.

Angaben zum Buch Karin Müller-Kelwing: "Zwischen Kunst, Wissenschaft und Politik. Die Staatlichen Sammlungen für Kunst und Wissenschaft in Dresden und ihre Mitarbeiter im Nationalsozialismus"

Herausgegeben von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Gilbert Lupfer
Böhlau-Verlag
456 Seiten
39,99 (E-Book)
49 Euro (Papier)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juni 2020 | 08:10 Uhr