Zum 60. Geburtstag Steffen Schleiermacher – Pianist, Komponist und Musik-Erklärer

Seit Jahrzehnten moderiert der Leipziger Pianist und Komponist Steffen Schleiermacher die Konzertreihe "musica nova" am Gewandhaus. Mit ansteckender Begeisterung bringt er dabei dem Publikum Neue Musik nahe. Doch er ist auch ein gefeierter Pianist, der als erster das gesamte Klavierwerk von John Cage eingespielt hat. Ein Porträt zum 60. Geburtstag.

Steffen Schleiermacher
Der Leipziger Komponist und Pianist Steffen Schleiermacher Bildrechte: Steffen Schleiermacher

Der Leipziger Komponist und Pianist Steffen Schleiermacher ist bekannt für die hintergründige Ironie, mit der er durch die Konzerte der Leipziger Reihe "musica nova" führt. Sein vornehmliches Interesse gilt dabei der Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart – schließlich sind wir schon einigermaßen weit im 21. Jahrhundert. Die Vorbehalte gegenüber der atonalen Musik, den Zwölftonkomponisten, also gegenüber allem, was der Durchschnittsabonnent pauschal "Moderne" nennt, sind ihm dabei vollkommen bewusst.

Gerade deshalb schafft er es, auch auf zugegebenermaßen spröde Werke neugierig zu machen. Etwa, wenn er zu einem Stück Neuer Musik sagt: "Vielleicht ist es eines Tages tatsächlich ein Volkslied, das die Spatzen von den Dächern pfeifen. Dauert noch."

Von der Architektur zur Musik

Geboren wurde Steffen Schleiermacher am 3. Mai 1960 in Halle, als Nachfahre des evangelischen Theologen Friedrich Schleiermacher. Wurden ihm deshalb Bekenntnisdrang und rhetorisches Talent in die Wiege gelegt? Vielleicht. Die Neigung zur Musik aber nur bedingt, denn er wollte zunächst Architektur studieren, wurde aber an der Universität nicht angenommen.

So landete er also 1980 an der Leipziger Musikhochschule und studierte bei Gerhard Erber Klavier. Da hatte es sich also doch gelohnt, dass er seit seinem sechsten Lebensjahr nach eigenem Bekenntnis etwa zehn Klavierlehrer verschlissen hatte. An der Musikhochschule lernte er nicht nur die Klassiker der Klavierliteratur kennen, sondern auch die Werke von Charles Ives, Karlheinz Stockhausen oder John Cage. Schleiermacher studierte Komposition und Dirigieren, wohl auch, um sich selbst um die Aufführung seiner Werke kümmern zu können, weil ihm das Interesse anderer Dirigenten zu schleppend war.

Auftragswerke fürs Gewandhausorchester

Mit "Relief für Orchester" trat Andris Nelsons als Gewandhauskapellmeister an, aber das war nicht das erste Auftragswerk Schleiermachers dieses Orchester. Er liefert, was bestellt wurde, und zwar pünktlich – so beschrieb der Komponist vor drei Jahren sein Arbeitsethos. Seine Musik soll auch den Musikern Spaß machen, schließlich ist niemandem gedient, wenn die Ausführenden ein neues Werk nur lustlos absolvieren.

Den Schwerpunkt seines Schaffens bilden jedoch kleiner besetzte Werke – schließlich hat man nicht immer ein großes Symphonieorchester zur Verfügung. Auch da hilft die Kenntnis der Vorgänger, wenn Schleiermacher quasi als Warnung über die extrem reduzierten Kompositionen Anton Weberns sagt, dieser habe zwar auch mit wenigen Tönen stets ein Höchstmaß an Expressivität angestrebt. Doch das sei manchmal nur ein frommer Wunsch geblieben, denn "es geht eben manchmal einfach nicht, mit den paar Tönen dann doch eine Mahler-Symphonie ausdrücken zu wollen."

Mit Brille, zerzaustem Haar und seinem sehr unprätentiösen Auftreten macht Steffen Schleiermacher sofort klar, dass es ihm nicht um modische Äußerlichkeiten geht, wenn er Musik aufführt. Seine eigenen Werke sind dabei ebenso traditionsbewusst wie originell, wie etwa "Am Liegetisch", das er für mechanisches Klavier schrieb wie einst der amerikanische Exzentriker Conlon Nancarrow.

Ein begnadeter Musikvermittler

Neugier auf ungewohnte Klänge machen, die nicht immer zur Avantgarde zählen müssen, sich aber auch um das Randständige, das Spröde und Sperrige zu kümmern, ist Schleiermacher ein Anliegen. Manchmal ist das dann doch kompliziert und bedarf einer längeren Einleitung, damit auch der interessierte Laie das Anliegen dieser Kunst verstehen kann.

Und selbst aus diesem etwas aus der Mode gekommenen Anspruch kann Schleiermacher zur Freude seines Publikums noch ironisch Funken schlagen, etwa wenn er vor einem Stück zum Publikum sagt: "Es gibt von Morton Feldman das Verdikt, ein Einführungstext in ein Stück sollte nie länger sein als das Stück selbst. Sie werden gleich bemerken, dass gegen diesen Grundsatz soeben auf besonders eklatante Art und Weise verstoßen wurde."

Mit sechzig Jahren kann man schon mal zurückschauen, nicht nur auf die Werke der Vorgänger und Vorbilder, sondern auch das eigene. Und da macht dann auch Steffen Schleiermacher immer wieder aufregende Entdeckungen: "Manchmal ist die Vergangenheit etwas unzuverlässig, aber doch nicht uninteressant", so Schleiermacher.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Mai 2020 | 13:10 Uhr